Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe] Nr. 3 (13.8.1911)
- Date
- 1911-08-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316464--54896-3348702- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 3 DIE2§&ELT 827 In der Hoffnung, 'dass cBLese meine wenigen Worte ihren Zweck erreichen werden, zeichne ich mit Hochachtung Abraham JitzchakHakohen Kuk. (Zuruf: Palästinensische TTebertreibungen I Beifall.) Del. Struck {fortfahrend): Wenn es nötig sein wird, werden wir beweisen, dass &s eine Untertreibung ist, von der Oberrabbiner Kuk schreibt. Diese Worte, liebe Gesinnungsgenossen, müssen allen zionistischen Brüdern zu Herzen gehen. Eine solche Kritik ist keine misrachistische Angelegenheit, es ist eine, allgemeine zionistisch« Sache (Beifall und Widerspruch) von eminentester Bedeutung — nostra res agitur. Wir alle müssen gleichermassen den "Wunsch haben, unsere Unternehmungen nach jeder Richtung hin makellos und unangreifbar zu gestalten. (Beifall.) Ich uinterbreite daher dem Kongress folgenden Antrag: „In Bestätigung früherer Kongressbeschlüsse und Erklärungen beschliesst des* Kongress: Die Leitung des N.-F. hat dafür zu sorgen, dass auf allen seinen Besitzungen das jüdische Gesetz respektiert wird." Ich bitte Sie, diesen Antrag einstimmig anzunehmen. Präsident Wolffsohn : Sagen Sie nicht „jüdisches Gesetz", sagen Sie „jüdisches Gebot", sonst gibt es Missverständnisse. Struck: Ich bin einvers tanden. Vorsitzender Dr. Tschlenow: Ich muss darauf aufmerksam machen, dass von diesem Brief, der von Herrn Struck vorgebracht und auch in zahlreichen Exemplaren hier verbreitet ist, das Direktorium des J. N. F. erst jetzt Kenntnis bekommen hat. Das Direktorium hat den Brief nicht erhalten, während die Korrespondenz, die auch nacht Köln adressiert wird, täglich hierher befördert wird. Wegen der Wichtigkeit der Vorwürfe, die hier erhoben werden, betrachten wir es als notwendig im Interesse der Aufklärung, dass der Vertreter des Palästinaamtes, der auch der Vertreter des J". N. F. für Palästina ist, sogleich das Wort erhält. (Zustimmung.) Ich erteile das Wort Herrn Dr. Thon. Dr. Jacob Thon: Ich erkläre, dass auch iim J. N. F. der Sabbat und die jüdischen Feiertage in vollem Unifange eingehalten, werden, dass keine Verletzung der Sabbatrulhe vorgekommen ist (Zuruf: Ain Ganim!) Ich bitte Sie aber zu berücksichtigen, dass in einem grossen Teil unserer Arbeiterschaft und auch der Beamten die Orthodoxen nicht gerade stark vertreten sind. Aber wir halten es nicht für unsere Pflicht, ini Gegenteil, wir würden es für eine Pflichtverletzung halten, wenn wir in die privaten persönlichen Verhältnisse der Leute:, die mit uns arbeiten, seien es Arbeiter oder Verwalter oder Buieaubeamte, eindringen würden. (Lebhafter Beifall. Zuruf: Das verlangt kein Mensch!) Aber mit Kücksicht darauf, dass es sich um Eigentum des X. F. handelt, ist volle Sabbatruhe vorgescliiieben. Ich bin erstaunt, von diesem Brief des Herrn Ob errat Urin er s Kuk hier zu hören. Wir stehen in freundschaftlichem Verhältnis zu ihm, wir arbeiten sehr oft zusammen und er hilft uns in vielen Dingen. Um so eher hätte ich erwartet, dass er, wenn er irgend welche Uebelstände bemerke, auf direktein Wege sich an uns wendet und wir so die Möglichkeit erhalten, TJebelstände abzustellen. (Zuruf: Es ist ja direkt! Hier ist der Originalbrief!) •Dr. Bodenheimer: Wie ikann das der Originalbrief sein? Den müssten doch wir haben!! (Lebhafte Zustimmung.) Dr. Thon (fortfahrend): Es wird sich doch nicht um Vorgänge aus den letzten Tagen handeln, sondern aus einer zurückliegenden Zeit, und wir sind uns so nahe, da hätte er uns doch eine Mitteilung machen sollen. Es ist also nicht richtig, dass der Sabbat in den Wirtschaftsl)«etrieben des N. F. irgendwie entweiht wird. Del. Ziuckermann: (Der Redner spricht jüdisch]: Wir Vertreter der Poale Zion wollen auch unsere Ziele und Zwecke im Gegensatz zu denen der Misrachi in Erez Israel beachtet haben. Der Vorschlag, den Herr Struck gemacht hat, bestätigt nur vollständig den Ausdruck von Bodenheimer: „religiöse Polizei". (Lebhafte Zustimmung, Unruhe bei den Misrachisten.) Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! (Hört! hört! Beifall und grosse Unruhe) — es ist eine grosse Frage, ob dieses jüdische Gebert nicht wichtiger ist. (Grosse Unruhe der Misrachisten.) Wir müssen den Klerikalis.imis der Misrachisten abschütteln, er muss ein Ende nehmen im Interesse des Zionismus und des Ideals, für das wir zusammengekommen sind. Es muss festgestellt werden: Freiheit der Eeliigion! Jeder Zionist muss ein Recht haben, relipös zu leben, wie er will, und so, wie er es für richtig hält. (Stürmischer Beifall. Unruhe bei den Misrachisten.) Rabbiner Schmelkes: Der Redner v ird mit stürmischem Beifall, besonders von Seiten der Misrachi., empfangen. Er beginnt hebräisch und fährt deutsch fort: Geehrter Kongiress! Gestatten Sie, dass ich zuerst den Gefühlen Ausdruck gele, die mich beim Anblick dieser glorreichen Versammlung überioiannt haben. Es war ein überwältigendes Gefühl, das mich beherrscht, mearba kaafoth haarez — von allen Enden der Erde 8dhe ich meine Brüder versammelt, von dem einen Gedanken beseelt und von dem einen Bestrehen geleitet, Israels Volk, zu einer glücklichen Zukunft zu führen. Sie haben es mit einem ernste»., aufrichtigen Zionisten zu tun. Meiue Worte bedeuten nur den Wunsch den Zionismus und unser Volk auf die möglichste Höhe zu stellen. (Lebhafter Beifall.) Ich bin nicht redegewandt, besonders in der deutschen Sprache, denn meine Umgangssprache ist: der Jargon (Zuruf: jüdisch) — also jüdisch; das hat mir bei d&:r Volkszählung 40 Kronen Strafe eingebracht. (Heiterkeit und BeiflfaJl). Im. Namen des Misrachi — ich weiss nicht, ob ich das Mandat dazu hab^, aber Sie werden mir wohl nicht widersprechen —und im eigenen Namen, und ich glaube auch im Sinne einer grossen Zahl Delegierter, di e dem Misrachi nicht angehören (vereinzelter Beifall) verwahre ick mich auf das Entschiedenste, dass in unserem Heiligen Land unseie heilige Thora mit Füssen getreten wird. (Lebhafter Beifall der M\ israchi). Ich will niemanden beschuldigen, niemanden zu nahe tireten, aber es steht fest, dass etwas geschehen ist, was nicht geschahen sollte. Es liegt ein offizieller Brief des Vertrauensmanns de:r ganzen zionistischen Bewegung vor, der nicht des Zelotismus geziehen werden kann. AVenn das Direktorium des N. F. versichert-, dass es erst in diesem Moment davon Kenntnis erhalten hat, er latent die zweite Frage, wieso denn Rabbiner Kuk dazu kommt, uns mitzuteilen, er habe dem Direktorium des N. F. bereits lange vorher Mitteilung gemacht. Aber ich will wiederum nicht beschuldigen; ich will nicht oppositionelle Kritik üben. Uns muss daratii liegen, dass in der Folge derartige Dinge, ob sie wahr sind od-et nicht, nicht vorkommen können. Es gab eine Zeit, die gol tetne Zeit des Zionismus, in der man glaubte, die Heiraführung in die Heimat 1 srael stände schon unmittelbar bevor. Dann hiess es : wir können warten. Aber wenn wir warten, müssen wir für die Gegenwart sorgen. Wenn wir warten müssen, müssen wir nicht nur an dis Heimlührung des jüdischen Volkes denken, sondern auch an seine Erhaltung (Beihll) und au seiner Erhaltung hat die Thora nicht gtrade den geringsten Anteil Die Heimat haben wir verloren, zum T«eil unsere Sprache. Was uns erhalten hat, das ist die Tnora (Lebhafter Beifall), deshalb muss die Thora als Stützpunkt des Zionismus autgefasst werden. Wir sind nicht klerikal, die Thora enthält keinen Klerikalismus. (Beifall.) Der Pessimismus, dem Ime-r* Ausdruck gegeben wurde, macht uns nicht bange. Wir glauben »n eine höhere Macht, an die Wunderkraft; schon unsere Ex.stens nach 2000 Jahren ist ein Wunder. Wir müssen alles tun, w»s wir können; und das ist die Erfüllung des Testamentes von Hcual, die Rückkehr zur Heimat; und das heisst die Rückkehr zu dem Fundament, das das jüdische Volk bisher erhalten hat; die Rückkehr zur Thora. (Beifall.) Meine lieben Brüder, das jüdische Gesetz kennt keinen Unterschied zwischen Brotgebern und Bro4nehmern, es ist den Brot nehmern no h günstiger; verschärfen :Sie nicht den G-egensatz! Aber lassen wir das Geschehene geschehen sein; sorgen Sie dafür, dass in Zukunft die zionistischen Institutionen die jüdischen Gesetze einhalten. Stärken Sie unser Vertrauen, zum Zionismus! (Stürmischer Beifall der Misrachisten.) M. Ussischkin mit stürmischem Beifall hegrüsst. Redner spricht hebräisch. Auf einen Zuruf: „Bitte deutsche Uebersetzung!" erklärt der Vorsitzende Dr. Tschh uow: Hebräisch ist die Sprache des Kongresses. (Beifall) Vr«eiiii jemand leider dieser Sprache bis jetzt noch nicht mächtig Ist, gut! so werden wir nachher eine lieber- Setzung geben. Wir tollen, dass in nicht zu langer Zeit das nicht mehr nötig sein wird. (Lebhafter Beifall,) Ussischkin hältseine Rede unter grossen Beifallskundgebungen. Er sagt: Ich spreche; wenig auf dem Kongress. Die Zeit ist knapp. Aber es handelt sicli j etzt um eine der wichtigsten und brennendsten Fragen im Zionismus, Es ist heilige Pflicht, dass jeder von uns klar und deutlich seine Antwort auf diese Frage gibt, damit kein Missverständnis aufkommt. Ussischkin erklärt, dass er seinen Gefühlen nach dem Misrachi sehr nahe steht; wenn in jedem