Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- (10.8.1911) Nr. 1
- Date
- 1911-08-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316461--54853-3348679- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
dass sie genau unterrichtet sind und doch über ihre eigenen Volksgenossen keine verleumderische Lügen verbreiten werden, und - erzählen ihnen, der Zionismus sei eine Verschwörung jüdischer Schwindler gegen die Integrität des ottomanischen Reiches, so haben sie keinen Grund, das nicht zu glauben. Auch die Nüchternen, auch die Urteilsfähigen unter ihnen lehnen es begreiflicherweise ab, sich der Mühe einer eingehender Untersuchung des Gegenstandes zu unterziehen/und halten es mit Recht für das All ereinfachste, den ganzen Zionismus aus ihrem Gesichtskreis und aus der türkischen Politik auszuscheiden. Dass die Juden, die den Zionismus in dieser Weise bei ihnen anschwärzen, ruchlos gelogen haben könnten, kommt den türkischen Staatsmännern nicht in den Sinn. Sie selbst haben keine Verräter an ihrem Volk in ihren Reihen; es wird ihnen deshalb nicht leicht, sich vorzustellen, dass ein Volk Männer hervorbiingen kann, die mit tückischer Arglist ein Werk der Rettung für ihre unglücklichen Volksgenossen hintertreiben wollen. Uns selbst wird es ja furchtbar schwer, unsere Aufklärungsarbeit bei den türkischen Politikern damit zu beginnen, dass wir ihnen sagen, die Juden, die sie über den Zionismus zu unterrichten vorgeben, seien Lügner und Verleumder und Verräter an ihrem Volk. Es verlangt keine grosse Geistesanstrengung, sich die Wirkung einer derartigen Polemik auf Unbeteiligte vorzustellen. Es liegt nahe, dass die türkischen Herren sich denken: „Die Feinde der Zionisten warnen uns vor diesen als vor Verbrechern. — Die Ziönisten ihrerseits erklären, ihre Feinde seien Lügner und Volksverräter. Es könnte wohl sein, dass die einen und die anderen recht hätten, und dann würden wir uns ja vor einer recht empfehlenswerten Gesellschaft befinden!*' Wir können uns aber nicht anders helfen. Wir müssen die öffentliche Meinung im ottomanischen Reiche in den Stand setzen, sich über uns und unsere Feinde eine eigene Meinung zu bilden. Möge die Schande, die dein jüdischen Volke daraus erwächst, auf die Verleumder zurückfallen. Wir haben die Pflicht, die türkischen Staatsmänner mit den wirklichen Tatsachen bekannt zu machen und sie zu überzeugen, dass die Heimatssehnsucht der zionistischen Juden für die Türkei eine Quelle unabsehbaren Nutzens werden kann, dass sie in der weiten Welt keine aufrichtigeren und opferwilligeren Freunde hat als die Zionisten, und dass sie sich ihrer nützlichsten Mitarbeiter an dem Heil ihres Vaterlandes berauben, wenn sie dieses den Zionisten verschliessen. (Lebhafte Zustimmung.) Wir zweifeln nicht daran, dass unsere Bemühungen Erfolg haben werden. Die Verleumder des Zionismus werden ihre Infamie vergebens begangen haben. Aber die schliessliche Wirkungslosigkeit ihrer Ränke vermindert ihre Schuld nicht und sie bleiben vor dem Richterstuhl der Geschichte angeklagt, alles getan zu haben, was in ihrer Macht stand, um die Rettung des jüdischen Volkes aus Todesgefahr zu vereiteln, und dieser unbestechliche Richter wird ihnen das Kainsmal des Brudermordes in die Stirn einbrennen. (Stürmische, minutenlange Beifallskundgebungen.) Geehrter Kongress! Wenn sie aus meinen Ausführungen den Eindruck empfangen hätten, dass ich den augenblicklichen Stand unserer Bewegung pessimistisch ansehe, und von den Anschlägen unserer Gegner entmutigt bin, so würden Sie mich eigentümlich missverstanden haben. (Bravo!) Nichts liegt mir ferner als Pessimismus. Ich beklage, dass wir an die Abwehr ruchloser Angriffe die Kraft vergeuden müssen, deren wir zu unserer positiven Arbeit so sehr bedürfen, aber für einen Zweifel an der Grösse, der Notwendigkeit und dem schliesslichen Gelingen unseres Werkes ist in meiner Seele kein Raum. (Lebhafter Beifall.) Ich würde kein Jude sein, wenn ich nicht bis in die innersten Fasern meines Wesens Optimist wäre. (Heiterkeit und Beifall.) Wir hören nicht nur die Gegner mit Schadenfreude, sondern auch die Anhänger unserer Bewegung mit einem tiefen Seufzer sagen: „Wenn der Zionismus auch in der Türkei geächtet wird, dann ist ihm das Todesurteil gesprochen!" Gewiss, wenn der Zionismus für ewige Zeiten aus der Türkei verbannt wäre, dann würde er aussichtslos sein, denn er wäre ein Zionismus ohne Zion. Aber ich glaube keinen Augenblick lang an die Ewigkeit der Strenge der türkischen Regierung gegen uns. Wir haben uns keinen Vorwurf zu machen. Wir haben nie ein Wort gesagt, nie eine Handlung begangen, durch die wir uns die Abgunst der türkischen Regierung verdient und ihr Misstrauen gegen uns gerechtfertigt hätten. Wir sind Opfer einer niederträchtigen Angeberei. Wir werden nichts unterlassen, um die irregeführte Regierung und öffentliche Meinung des ottomanischen Reiches mit den wirklichen Tatsachen bekannt zu machen und wir zweifeln nicht am Erfolge unserer Bemühungen, denn wir glauben an die Macht der Wahrheit und an den gesunden Menschenverstand der türkischen Staatsmänner. Aber die unerlässliche Voraussetzung dieses Erfolges ist, dass wir bestehen, dass wir uns nicht in kleinlichem, unfruchtbarem, innerem Gezänke aufreiben, nicht durch beschämende Mittellosigkeit zur Ohnmacht verurteilt sind. (Sehr wahr!) Daraus ergeben sich hochwichtige unmittelbare Aufgaben, durch deren glückliche Lösung dieser Kongress sich Verdienste erwerben wird, die ihn zu einem der bedeutungsvollsten und folgenreichsten der Reihe machen werden. Die zionistische Organisation ist der Rahmen des künftigen erlösten Judenvolkes. Dieser Rahmen kann nicht kräftig genug gezimmert sein. Er muss so stark dastehen, dass keine äussere oder innere Erschütterung sein Gefüge lockern kann und dass jeder Betrachter von ihm den beruhigenden Eindruck einer Edlen Prüfungen gewachsenen Solidität empfangen muss. Wir müssen Anstrengungen machen, um die Organisation in den Stand zu setzen, ihre Obliegenheiten zu erfüllen. Die Erfahrung hat gelehrt, dass der Schekel allein dazu bei weitem nicht ausreicht. Opferwilligkeit ist die nützlichste Form der Begeisterung- (sehr richtig!) und Gesinnung wirkt erst überzeugend, wenn sie in die eigene Tasche greift. (Sehr richtig und Beifall). Nur durch die Vevabschiebung des neuen Organisationsentwurfes und durch die Erschliessung ergiebiger Hilfsquellen für die Bedürfnisse der Bewegung wird dieser Kongress die Erwartungen erfüllen, die das zionistische Judendum in ihn setzt. Geehrter Kongress! Eine zulänglich ausgestattete, starke Organisation, die ruhig und gleiclnnässig arbeiten kann, wird im Stande sein, das jüdische Volk, die Welt und in erster Reihe die Türkei von dem heiligen Ernst, der Unbeirrbaren Zielsicherheit und der hohen sittlichen Würde der zionistischen Bewegung und Arbeit zu überzeugen. Das jüdische Volk will leben. Der Zionismus ist der Ausdruck dieses Leberswillens. Sollten wir einstweilen verhindert sein, in Palästina selbst an der wirt-