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Die Welt · 1911-08-10 · (10.8.1911) Nr. 1 · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
(10.8.1911) Nr. 1
Date
1911-08-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Palästina für das jüdische Volk denn doch noch eine andere Bedeutung hat als irgend ein beliebiges Land, das noch Menschen aufnehmen und ihnen Erwerbsgelegeiiheiten bieten kann, auch dienkhtzionistischen, ja zionsfeindlichen Juden, sofern sie si&h mit dem Problem der jüdischen Wanderung und Absiedlung beschäftigen, gelangen im AVege der Aussch liessung zu demselben Punkt wie wir: Zu Palästina, oder wenigsten zur Türkei. Nun würde es jedem natürlich fühlenden Menschen, er sei Jude oder Nichtjucle, selbstverständlich scheinen, dass - alle Juden, gleichgiilt-ig welcher Richtung, wenn sie noch die kleinste Spur von Mitgefühl für ihre leidenden Brüder und von Selbstachtung haben, oder wenn sie überhaupt nur einer menschlichen Regung fähig sind, es sich angelegen sein lassen würden, die Regierung und die Völker des ottonutni sehen Reiches bei wohlwollender Gesinnung gegen uns zu erhalten, oder dass sie mindestens alles unterhusen würden, was sie gegen die Juden unfreundlich stiiraraen könnten. Und nun gelangen wir zur empörendsten Tatsache in den heutigen Verhältnissen des jüdischen. Volkes: Juden sind es; die mit allen Mitteln der raffiniertesten Lüge, Verleumdung und Angeberei daran arbeiten, die massgebenden Kreise in der Türkei zur Feindseligkeit gegen uns aufzuhetzen; Juden sind es, de mit teuflischer Emsigkeit beflissen sind, das letzte Land, das noch für die Masseneinwanderung der verfolgten Juden in Betracht kommt, das erste Land, bu dem ihre Sehnsucht die wandernden Juden hinzieht, das eine Land, das durch die Geschichte, die Geographie, die Volkswirtschaft zu ihrer endgültigen Heimstätte vorbestimmt ist, ihnen unzugänglich zu machen. (Sriir richtig! und Pfui-Rufe.) Der Beweggrund, der diese Brunnenvergifter zu ihrem feigen Verrat an ihrem VoLke bestimmt, ist ihr fanatischer Hass gegen den Zionismus. Diesen Hass haben wir seit der ersten Stunde der zionistischen Bewegung imitier an unserem Wege gefunden. Er hat den ersten Zionistenkongress zu verhindern gesucht. Er hat FCerzl einen Schwindler und Industrieritter geschimpft. Er hat öffentlich, und noch viel eifriger privatim, gesehene!mault, die Gründer der jüdischen Kolonialbank seien Bauernfänger, die den armen unwissenden Ghettojuclen 50 Millionen stehlen wollten. Er hat in Deutschland und Oesterreich-Ungarn der Regierung nahegelegt, dass es ihre Pflicht sei, den Zionisten die Staatsbürgernchte abzuerkennen und sie aus dem Lande zu jagen. Wir fanden diese Kampfesweise sicher tief verächtlich*, aber wir regten uns über sie nicht sehr auf. Wir sagten uns, class so elende Angriffe weniger uns als ihren Verübern schaden müssten. Wenn unsere Gegner uns in der jüdisclien Presse oder in öffentlichen Versammlungen entgegentreten, denken wir nicht daran, uns zu b«Hagen. Wir kreuzen dann die Klinge mit ihnen und bestehen sie in offenem Kampfe, den wir unsererseits immer ritterlich führen. Aber diese Fechtgänge vor unparteiischen Richtern, wo Stahl gegen Stahl klingt, passen diesen Strauchrittern nicht. Sie schneiden dabei zu schlecht ab. Sie haben mehr Vertrauen zu ihrer Methode? des nächtlichen Ueberfalls aus dem Hinterhalt mit der Wegelagerermaske vor dem Gesicht und des Dolchstosses in den Rücken. In den letzten Monaten haben sie nicht]üdisehe Lohnschreiber gegen uns losgelassen, denen sie die Weisung gaben, uns in der nichtjüdischen Presse bei gutgläubigen Lesern anzuschwärzen; die von unseren Bestrebungen gar nichts wissen und ohne Misstraue» alles hinnehmen, was ein ihnen unverdächtig scheinender Bravo der Feder ihnen über uns aufbindet. Man denunziert uns in Frankreich als Agenten der deutsclnen Reichsregierung (Heiterkeit); nennt den Zionismus eine tückisch verkappte Form des Franzosenhasses (Heiterkeit) und bezeichnet als sein Ziel die Bekämpfung und Vernichtung des politischen und moralischen Einflusses Frankreichs in den Ländern des Islam. (Heiterkeit). In England verkündet man, die Zionisten seien Britenfeinde und vorgeschobene Posten Deutschlands, dessen Macht sie in der Türkei auf Kosten Englands begründen oder kräftigen wollen. Wer den Zionismus und die Zionisten auch nur ein klein wenig kennt, der lacht ja allerdings über derartige Eseleien (heitere Zustimmung). A_ber sie sind eben für Leser bestimmt, die von uns gar nichts wissen, und sie spekulieren dummschlau auf ihre schmerzhaftesten Empfindlichkeiten, auf die Germ anophobie der Franzosen, auf das Misstrauen gegen Deutschland in der englischen Volksseele. Der Banditenstreich, uns als Agenten der deutschen Ausdehnungspolitik zu denunzieren, ist nicht ganz fehlgegangen. Ich habe dafür betrübende Beweise. Diese fabelhafte Torheit ist tatsächlich da und dort geglaubt worden und es ist eine Atmosphäre von Misstrauen und Vorurteil gejen uns entstanden, die zu zerstreuen uns nicht leicht werden wird. Uns liegt an dem Wohlwollen der öffentlichen Meinung Frankreichs und Englands, und wenn man uns bei ihr verleumdet; so ist uns dies sehr empfindlich. Ans Leben geht es uns freilich nicht. Die infamen Denunzianten haben sich denn auch damit nicht begnügt. Sie haben eine Stelle gesucht, wo sie ans tödlich treffen zu können hoffen. Sie haben uns die Klinge ins Herz zu stossen gesucht. Sie haben sich an die Regierung, die einfliissreichen Politiker, die Presse des ottomanischen Reiches herangedrängt und ihnen ihren Verleumdungsgeifer in die Obren geträufelt. Dort haben sie uns natürlich nicht als Werkzeuge der deutschen Orientpolitik denunziert. Denn einmal hätte man ihnen dort diesen Blödsinn nicht geglaubt und dann hätte es uns nicht genug geschadet. Dort raunten sie, die Zionisten seien heillose Revolutionäre, die sich in die Türkei einschleichen wollten, um sich Palästinas zu bemächtigen, die Fakne des Aufruhres zu entrollen, die Provinz vom ottomanischen Reiche loszureissen und in Jerusalem die unabhängige Republik oder das Königreich der Juden auszurufen. Das sind die Dinge, die unsere jüdischen Feinde seit Jahr und Tag in de-r Türkei Uber uns verbreiten. Wir sollen eine Gefakr für die Einheit, ja den territorialen Bestand des ottomanischen Reiches sein. Es ist natürlich genug, dass derartige Ohrenbläsereien eine unbestimmte Unruhe und ein nur zu bestimmtes Misstrauen gegen uns Ii ervorrufen. Wie denn nicht? Wir können es den türkischen Staatsmännern gar nicht verübeln, wenn sie uns sich energisch vom Leibe halten. Sie kennen uns nicht; sie wissen nichts von uns und unseren Bestrebungen; säe kümmern sich nicht um uns und unsere Bedürfnisse; sie tun es sogar viel weniger, als sie eigentlich sollten und als sie es sehr wahrscheinlich tun würden, wenn sie eine klare Vorstellung davon hätten, was wir ihnen zu sein wünschen und voraussichtlich sein könnten. Das Unbekannte ist immer ein wenig unheimlich. Die türkischen Herren zogen immer die Brauen zusammen und wurden kalt und verschlossen, wenn man ihnen vom Zionismus sprach. Kommen nun Juden, von denen sie annehmen müssen.

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