Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- (10.8.1911) Nr. 1
- Date
- 1911-08-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Opfern erhebt dagegen seine Stimme, obschon dies doch ein ungleich grösseres. Verbrechen ist als irgend ein Krieg, der noch nie sechs Millionen Menschenleben vernichtet hat. (Stürmische Zustimmung!) Man legt die Verwaltung der Herofunds und die Verteilung ihrer Zinsen in die Hände von Behörden, die Judengemetzel begünstigen, wenn sie sie nicht unmittelbar selbst veranstalten. Und in den von den grossen Menschenfreunden gegründeten Bibliotheken studieren Wissendurstige mit leidenschaftlichstem Fleiss die — Eitualmordgeschichten von Irsinnigen, Schwachköpfen und Schurken alter und neuer Zeit. (Stürmische Zustimmung). Wenn man die elenden Heuchler der „Menschlichkeit", des „Fortschritts", der „Gerechtigkeit" anruft, ihnen die an unseren Brüdern begangenen Greuel zeigt and sie fragt, wie sie dieses Massen verbrechen seelenruhig mitansehen können, zucken sie gelangweilt die Achseln und murmeln etwas wie: „In die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten darf man sich nicht einmischen." (Grosse Bewegung.) Gut gebrüllt, Löwen —- oder gut gesäuselt, gut gelispelt, glattzüngige Gleissner! Gewiss, dies ist das erste und heiligste Gesetz im Völkerverkehr: man muss die Unabhängigkeit jedes souveränen Staates achten*, man darf ihm in seine inneren Angelegenheiten nicht dreinreden. Aber dieses Grundgesetzt hat doch eine kleine Einschränkung: es gilt nämlich nur, wenn der souveräne ötaat stark ist]; ist er dagegen schwach (sehr richtig!), dann freilich..... (Stürmischer Beifall) —dann freilich hält man sich bei seiner Unabhängigkeit nicht auf, dann lacht man über seine Souveränetät, dann greift man in seine inneren Angelegenheiten nach Herzenslust ein, so oft, so tief, wie man das irgend für nützlich hält. Für nützlich! "Das ist der springende Punkt. Das einzige Gesetzt, das man in den Beziehungen von Mensch zu Mensch und von Volk zu Volk als bestimmend anerkennt, ist der Nutzen. Wenn man die „Menschlichkeit" die „menschliche Gemeinbürgschaft1' der Regierungen und Völker anruft und von ihnen Taten fordert, dann antworten sie trocken: „Eine Tat der Menschlichkeit? Was bringt sie uns ein?" (Heiterkeit, Beifall und Zustimmung.) Politik, Diplomatie, internationale Beziehungen sind eine doppelte Buchführung mit Soll und Haben. Und haben Regierungen und Völker sich ausgerechnet, dass ein Schritt zu Gunsten von Millionen ruchlos misshandelter Nebenmenschen ihnen kein Profitchen abwirft, so weisen sie das ihnen zugemutete uneinträgliche Geschäft kaltblütig zurück, dann ziehen sie den Kontorrock aus, sind wieder Idealisten (Heiterkeit), beglückwünschen sich zu ihrer adeligen Gesinnung und brandmarken uns Juden wegen unseres gemeinen Schachergeistes und unserer semitischen Unfähigkeit, uns zu vornehmer, idealer Selbstlosigkeit zu erheben (Stürmischer minutenlanger Beifall und Händeklatschen.) Ich weiss nicht, ob es unter uns Juden noch kindliche Seelen gibt, die auf eine Regang des vielberufenen europäischen Gewissens hoffen und von einer Interpellation in einem Parlament, einer Rede in einer Volksversammlung, einem Artikel in einer grossen Zeitung eine Besserung der Lage erwarten. Das europäische Gewissen! Es ist eine höchst diskrete Person (lebhafte Heiterkeit), die wohlgezogen zu schweigen weiss, wenn* ihre Stimme von vornehmen Ohren als störend empfunden werden könnte. (Heiterkeit). Wir haben das europäische Gewissen in Palästen, Ministerhotels, Volksvertretungssälen bisher immer vergebens gesucht — wir haben es nie angetroffen. Es war offenbar immer viel zu sehr von Ordensvorschlägen und Lobeshymnen auf grosse Staatsmänner in Anspruch genommen, die irgend eine neue Folterung für die jüdischen Massen ersonnen hatten. Wir haben dann auch das europäische Gewissen von unserer Besuchsliste gestrichen. (Heiterkeit). Wenn wir die Verbrechen, die an.unseren Brüdern begangen werden, gleichwohl in die Welt hinausschreien, so ist es nicht, weil wir davon irgend einen Erfolg erwarten. Wir tun es. weil es ein Gebot der Sittlichkeit ist, Heuchlern die Maske vom Gesicht zu reissen (stürmischer Beifall), und Missetäter vor dem Richterstuhl der Geschichte und der ewigen Moral anzuklagen, gleichgültig, ob die Anklage einen praktischen Nutzen haben wird oder nicht. (Erneute Beifallskundgebung.) Doch damit, dass wir unser Eferz erleichtern, haben wir unseren unglücklichen Brüdern nicht geholfen. Keiner von uns kann des eigenen Lebens froh werden, sollte des eigenen Lebens froh werden können, solange er nicht alles daran gesetzt hat, um ihren Leiden ein Ende zu machen. (Stürmischer Beifall). Mögen die Satten, die Schlappen, die feigen Knechtseelen ihre Tatenlosigkeit vor sich und den andern mit der bequemen Redensart beschönigen: „Nur Geduld — der Fortschritt der Gesittung wird auch [den Judenverfolgungen unfehlbar ein Ende bereiten!u — Wir haben uns den Portschritt der Gesittung beim hellen Licht des 19. und 20. Jahrhunderts genau angesehen; wir haben ihn sorgfältig gemessen und wir haben festgestellt, dass er weit langsamer ist als die Verwüstung, die der Judenhass unter uns anrichtet. (Sehr richtig!) Unsere unglücklichen Brüder können nicht warten, bis der Fortschritt der Gesittung auch ihre Henker und Folterknechte erreicht haben wird; sie würden vorher der Sorge, dem Kummer, dem Elend, der Not, der Unwissenheit, der Krankheit erlegen sein. Es gibt tür sie nur ein einziges Heil: die Auswanderung. Und nicht etwa wie früher die Auswanderung nach irgend einem "beliebigen Lande. Sie haben heute leider nicht länger die Wahl. Ein Land nach dem anderen verschliesst sich vor ihnen, und die alte homöopathische Heilmethode der Wohltätigkeitsjuden mit Rats- und Geheimratsrang und dem Bändchen im Knopfloch, die darin besteht, die Uebel der Zerstreuung mit einer noch weit ausgedehnteren Zerstreuung zu bebandeln, ist heute nicht länger anwendbar. Ohne zu verkennen, was namentlich die Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten für unsere Brüder gewesen sind, ohne zu übersehen, dass einzelne und Gruppen ausländischer Juden in England, Frankreich, Italien, Holland, den skandinavischen Ländern ihr Glück versuchen dürfen, muss ich doch sagen: Ich sehe nur noch ein Land, das seine Grenzen gegen die Masseneinwanderung der verfolgten Juden und ihre bäuerliche Ansiedelung nicht grundsätzlich versperrt hat: die Türkei. (Stürmischer, langanhaltender Beifall und Händeklatschen). Es ist eine eigentümliche Fügung, dass alle Wege des wandernden Judenvolkes nach der Türkei führen; alle Beweggründe seiner Wanderung ihm diese Richtung weisen. Dass wir Zionisten von vornherein die Türkei in das Auge gefasst haben, ist selbstverständlich, da Palästina eine Provinz des ottomanischen Eeiches ist. Aber auch die nichtzionistischen Juden, die Juden, die dem Zionismus feindlich gegenüberstehen, die nicht zugeben wollen, dass