Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- (10.8.1911) Nr. 1
- Date
- 1911-08-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Np. 1 DiE3^ELT 785 Dort arbeitet man mit der wilden Energie der Mordlust auf unsere vollständige Vernichtung hin. „Diese Brut muss ausgerottet werden!" ist der Leitgedanke, der dort alle Regierungsmassregeln gegen unseres unglücklichen Brüder bestimmt. Man kennzeichnet die Behandlung, der sie unterworfen werden, gemeinhin mit den Worten, dass man die Juden „entrechten und proletarisieren" will. Diese Ausdrücke sind viel zu schwach. Der Entrechtung wird ein gebildeter Sohn des 20. Jahrhunderts niemals die furchtbare Bedeutung beimessen, die sie in den betreffenden Ländern tatsächlich hat. Die Juden sollen nicht nur keine Staatsbürgerrechte haben, man versagt ihnen auch die Menschenrechte, ja die Rechte, die man sogar dem Tier einräumt und deren Verteidigung aller Orten Tierscimtzvereine sich angelegen sein lassen. Der Jude ist vogelfrei. Man darf ihn beschimpfen, bestehlen, berauben, sogar ermorden, ohne dass es für ihn bei dem Gesetz und bei den Behörden einen Schutz gibt. Wollen sie sich wehren, so wird diese Regung des ursprünglichsten Selbsterhaltungstriebes wie die verwegenste Rebellion bestraft. Der Jude muss sich ergeben plündern lassen, er muss seinen Hals widerstandslos dem Messer der Mörder darbieten! Sind die Verbrecher Beamte, so gibt es gegen sie weder Kläger noch Richter. Sind sie Private, so werden sie infolge eines gewissen Automatismus der staatlichen Einrichtungen, die in ihrer bestimmten Weise arbeiten, wenn sie nach dem Betriebsgesetze ihrer eigenen Mechanik in Bewegung gesetzt werden, mitunter verurteilt, doch nur, um alsbald begnadigt zu werden. (Stürmische Zustimmung). Wenn man an den Juden keine Gewalt verübt, so erpresst man ihnen wenigstens ein willkürlich bemessenes und nach Belieben erhobenes Lösegeld und unterhält in ihnen mit allen Mitteln der raffiniertesten Verängstigung einen dauernden Zustand des Bangens und Zagens vor den Möglichkeiten der nächsten Stunden, der ihr Hirn und Nervensystem zur grossen Genugtuung ihrer Peiniger zerrüttet. Das ist der wirkliche Sinn des Wortes Entrechtung, das dem Ohr eines ungewarnten Gesittungsmenschen nicht mehr gar zu furchtbar klingt. Und ganz ähnlich verhält es sich mit der angeblichen Proletarisierung der jüdischen Massen. Unter Proletarisierung versteht man gemeinhin die Herabdrückung von Einzelnen und Bevölkerungsgruppen zur niedrigen Gesellschaftsklasse, ihre Umwandlung in abhängige Lohnempfänger ohne die wirtschaftliche Sicherheit des folgenden Tages, ihre Ausschliessung aus den höheren Berufen und der reicheren Geistesbildung, mit ihren inneren moralischen Genugtuungen und ihren äusseren Ehren und materiellen Erfolgen. Von einer Proletarisierung in diesem Sinne kann bei der Behandlung der jüdischen Massen nicht die Rede sein. Man schliesst sie aus allen höheren Berufen aus, man sperrt sie von jeder Bildung ab, das ist richtig; aber man verwandelt sie nicht in Lohnarbeiter; im Gegenteil, man verhindert sie, Lohnarbeiter zu werden, indem man ihnen den Aufenthalt in fast allen Industriebezirken verbietet, wo sie Löhne verdienen könnten, und indem man ihnen auch da, wo man sie duldet, fast alle gewerblichen Betriebe unzugänglich macht. Es ist soweit gekommen, dass heute bereits Millionen Juden nichts sehnlicher wünschen, als Proletarier werden zu können. Aber man lässt selbst das nicht zu. Parias an Bildung und Geistesentwicklung, Parias an Würdelosigkeit und allgemeiner Verkommenheit sollen sie werden, gewiss; aber Proletarier im modernen wirtschaftlichen Sinne dieses Wortes nicht. Nicht auf die einfache Entrechtung, nicht auf die blosse Proletarisierung, auf die Entehrung, auf die Vertierung, auf die langsame Abwürgung ist es abgesehen. (Stürmische Zustimmung). An Millionen schuldloser Menschen wird da ein Verbrechen begangen, für die es selbst in der an Massen morden doch so reichen Geschichte kein Beispiel gibt Wenn die Eroberer des Altertums ganze Völkerschaften ausschlachteten und in die Sklaverei verschleppten, fioss mehr Blut. Aber diese Missetaten waren der brutale Missbrauch von Siegen, geschahen in cleer Erregung von Kampf und frischer Feindschaft, hatten nicht die Abscheulichkeit einer langsamen, beharrlichen, tückischen, kaltblütigen Erstickung, ohue anderen Nutzen für die Mörder als die sadische Lust an den verübten Greueln. Die Niedermetzelung der Albigenser traf nicht so viele wie ein Zwanzigstel der heutigen Opfer des Judenhasses. Die Vertreibung der Juden aus dein England Eduards I., aus dem Frankreich Philipps des Schönen, aus dem Rheingau zur Zeit des schwarzen Todes, aus dem Spanien der katholischen Könige, war eine erträgliche Massregel mit einem ganz schwachen Einschlag t-oii Barmherzigkeit und Gewissen, verglichen mit der m etil odi sehen Tötung durch planmässige Entziehung der LeT)ensluft. Ueberdies : den verjagten Juden öffneten sich Zur].uchtsstätten; den englischen Frankreich, den französischen Lothringen und Deutschland, den deutschen das Polen Kasimirs des Grossen, den spanischen die Türkei ies Sultans Selim. Heute stösst man die Juden nicht offen in die Fremde hinaus; man zieht vor, sie an Ort und Stelle allmählich verkommen zu lassen. Wenn sie sich aber vor der dauernden Folterung durch die Massenflucht retten wollen, gibt es für sie keine Ausgangsitiire aus dem unerträglichen Elend. Alle Grenzen starren von Bajonetten, die ihre Spitze gegen ihre Brust lichten. Ueberall stossen sie auf Gräben und Schranken; den Aermsten der Annen ist schon heute kein einziges Land mehr gastlich, und selbst die Gebildeten, die nicht völlig Mittellosen, haben die grösste Mühe., noch irgendwo Einlass zu erlangen. Man kann sagen,, dass die Stätten der Verfolgung für die Juden heute immer mehr zu einem Kerker werden, in den sie eingemauert sind. (Sehr richtig!) Die schamlose Lüge der heutigen Gesittung ertappen wir hier auf frischer Tat. Wie nehmen die Schönredner, die Klugschwätzer, die amtlichen, die regierenden noch viel mehr als die privaten, den Mund voll von Fortschritt, von Entwicklung, von Menschenwürde, von Gerechtigkeit! Wie lässt man uns die hochtrabenden, grosssprecherischen und wichtigtuenden Worte: soziales Empfinden, Bruderliebe, menschliche Gemeinbürgschaft, hageldicht um die Ohren prasseln! Man hält feierliche Friedenskongresse ab, auf denen man gegen den Krieg deklamiert und zu seiner Verhütung paragraphenreiche Schiedsgerichtsverträge zu Dutzenden abschliesst und für die ein grosser Menschenfreund «inen prächtigen Palast erbauen lässt. Man stiftet mit Aufwand zahlreicher Millionen in allen grossen Ländern „Herofunds" zur Belohnung tapferer Taten im Dienste der Menschlichkeit. Man gründet in zahlreichen Giossstädten reiche Büchereien zur Verbreitung der Bildung. Sehr schön! Wunderschön! Aber die tugendhaften Regierungen, die mit so edlem Eifer an der Vorbereitung des ewigen Friedens arbeiten, bereiten eingeständig sechs Millionen Menschen den Untergang, und niemand ausser den