Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- (10.8.1911) Nr. 1
- Date
- 1911-08-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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784 ' DIE] Namen unserer Stadt voraussetzte, da war uns allen Ihre Bewegung neu und fremd. Seither hat die durch die Basler Kongresse verbreitete Idee der Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für die Juden in Palästina in allen Schichten unseres über den Erdball verstreuten Volkes begeisterte Anhänger gefunden. Wir Basler Juden hatten das Glück und die Freude an mehreren Ihrer Kongresse als Zuhörer teilzunehmen, und dadurch besser als andere die historische Bedeutung Ihrer Tagungen kennen und würdigen zu lernen. Jeder Einzelne von uns war dadurch gezwungen zum Zionismus innerlich Stellung zu nehmen. Viele haben sich begeistert der Bewegung angeschlossen, manche blieben skeptisch; einige glaubten sogar, diese neue und fremde Strömung im jüdischen Leben als gefährlich und schädlich ablehnen zu müssen. Einig aber waren wir alle in der Anerkennung Ihrer tatkräftigen Arbeit für das Geschick des jüdischen Volkes, und keiner von uns hat sich dem eigenartigen Eeiz Ihrer Versammlungen und dem mächtigen Eindruck Ihrer grossen Führer entziehen können. Diesen Gefühlen haben wir alle schon an früheren Kongressen durch regen Besuch Ihrer Sitzungen und freundschaftlichen Verkehr mit Ihren Delegierten privaten Ausdruck verliehen. Heute am 10. Zionistenkongress halten wir es am Platze durch diese gemeinsame Adresse öffentlich kund zu geben, dass wir Juden von Basel froh und stolz sind zum siebenten Male die Ehre zu haben, die Vertreter der Judenschaft bei uns versammelt zu sehen. Wir begrüsseri Sie freudig und wünschen Ihren Tagungen Gedeihen und Glück. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen!) Präsident Wolffsobn: Geehrter Kongress! Im Namen des Actionscomites stelle ich den Antrag, der türkischen Regierung zu dem grossen Unglück, das Konstantinopel durch den Brand betroffen hat, unser Beileid auszusprechen und im Namen des Kongresses den Betrag von 5000 Francs für die armen Unglücklichen beizusteuern. (Stürmischer allseitiger Beifall). Ich habe von Ihrem enthusiastischen Beifall, der allgemein war, Kenntnis genommen und werde ihn der türkischen Regierung übermi11e 1 n. Und nun erteile ich unserm Meister Dr. MaxNordau das Wort. (Brausende Beifallskundgebung. Die Versammlung hat sich von den Plätzen erhoben und jubelt Dr. Nordau, der die Rednertribüne besteigt, immer von neuem zu). Dr. Max Nordau: Geehrter Kongress! Zwei Jahrsiebente haben ihren Kreis gerundet, seit unser unsterblicher Theodor Herzl uns zum erstenmal berief, um dem stummen oder unartikuliert klagenden Judentum die Sprache wiederzugeben, um die nicht nur äusserlich zerstreuten, sondern auch innerlich zusammenhanglos und chaotisch gewordenen Judengruppen wieder zu einem Volk zu organisieren. Dieser Kongress ist der zehnte der Reihe, und man hat sich allgemein daran gewöhnt, ihn den Jubelkongress zu nennen, der er ja auch in seiner Weise ist. Jedesmal, wenn wir uns als die gewählten und beauftragten Vertreter des zionistischen Judentums versammeln, beginnen wir die Ausübung unseres Mandates mit tiefer Bewegung. Unsere £ELT No. 1 Emotion ist diesmal ganz besonders feierlich, weil wir gewissermassen am Ende eines Zyklus stehen, auf den wir nicht zurücksehen können, ohne uns zu einer ausnahmsweise ernsten Gewissensprüfung gedrängt zu fühlen, ohne uns selbst zur Aufstellung einer Bilanz unseres bisherigen Wollens und Wirkens und seiner Ergebnisse anzuhalten. Es entspricht der Bedeutung, die wir diesem zehnten Kongress beimessen, dass wir ihn in denselben Räumen halten wollten, die dem ersten zur Wiege gedient hatten. Wir knüpfen die Folge an den Beginn und bezeugen damit auch äusserlich die Einheitlichkeit unserer Entwicklungen. An diesen Mauern haften für uns heilige Erinnerungen, deren wir bei unserem mühevollen und verantwortungsschweren Werke stets eingedenk sind, die uns auf dem richtigen Wege halten und die uns immer wieder ermutigen, wenn wir uns von Bangen besehleichen lassen wollen. Ich habe erwähnt, dass man diesen zehnten Kongress allgemein den Jubelkongress nennt. Wir begehen nicht den ethymologischen Irrtum, den Ausdruck „Jubel" in diesem Worte von der lateinischen, und deutsch gewordenen Wurzel herzuleiten Wir wissen sehr gut, dass er von unserem hebräischen „jobal" stammt, das nichts mit jubilare gemein hat. Und wahrlich, zu jubilieren haben wir heute weniger Ursache als zu irgend einer Zeit seit der Zerstörung des zweiten Tempels. Das jüdische Volk lebt gegenwärtig die düstersten Tage seiner Geschichte in der Zerstreuung. Alle unsere Posten haben uns nur eine Meldung zu erstatten: „Feinde ringsum!*' Die Pest des Antisemitismus, die überall örtliche endemische Herde hat, überzieht gegenwärtig epidemisch den ganzen Erdkreis. Der Judenhass, der auch in den kurzen Pausen trügerischer Ruhe nirgendwo völlig erloschen ist, flammt gegenwärtig überall zu heller Lohe empor. Selbst in den Ländern, wo es uns am besten geht, brauchen wir nur das Ohr an den Boden zu legen, um unter der dünnen Oberflächenschicht der amtlichen, gesetzlichen Gleichberechtigung aller Staatsbürger die wilden Wasser der Judenfeindschaft brausen zu hören. Im freiesten Lande der Welt, im Lande der grössten sozialen Gerechtigkeit, in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, muss der Präsident in Person einem Oberst eine scharfe Rüge erteilen, weil er nach berühmtem Muster einem voll qualifizierten Jüngling die Zulassung zum Offiziersstande mit der ausdrücklichen dreisten Begründung verweigert, dass er Jude sei. Aehnliche Züge könnte ich aus allen anderen Ländern anführen, auch aus jenen, wo Juden Minister und kommandierende Generäle sind. Ich unterlasse es. Uns sage ich mit derartigen Aufzählungen nichts Neues und bei den Nichtjuden möchte ich nicht den Eindruck weichlicher, weibischer Wehleidigkeit hervorrufen, die sorgfältig jeden kleinsten Anlass zur Beschwerde sammelt und in weinerlichen Klagen über die da und dort erlittenen Kränkungen gewissermassen selbstquälerisch schwelgt Ueber die kleinen Nadelstiche, die man uns boshaft, doch verstohlen versetzt, über die moralischen Misshandlungen, denen wir uns durch stolze Zurückhaltung, durch dauernde Selbstüberwachung, durch Vorsicht in unserem gesellschaftlichen Verhalten und unserem Ehrgeiz entziehen können, setzen wir uns im ganzen mit geringer Einbusse an Würde und mit wenig wirklichem Schaden hinweg. Aber was sollen wir in den Ländern anfangen, wo man amtlich keine Vorurteilslosigkeit uns gegenüber heuchelt, wo man uns nicht die Komödie der gesetzlichen Gleichberechtigung vorspielt?