Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- (10.8.1911) Nr. 1
- Date
- 1911-08-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Es ist bedauerlich, dass bei uns bisher nur ein kleiner Kreis ein wirkliches Interesse und ein richtiges Verständnis für die Notwendigkeit guter Organisationsformen gezeigt hat. Das Statut einer jeden Organisation gleicht dem Fundament eines Gebäudes. Nur auf einem festen, sicheren Fundament kann ein gutes, dauerhaftes Gebäude errichtet werden. Unser OrganisationsStatut ist unsere Verfassung, und es sollte doch jedem einleuchten, welcher Wert und welche Bedeutung der Verfassung menschlicher Gemeinschaften beizumessen ist. Und gerade bei unserer Organisation, deren Mitglieder räumlich soweit voneinander getrennt sind, und deren Mehrzahl zu individualistisch veranlagt ist, um sich leicht in eine Gesamtheit einzufügen, müsste die Verfassung eine viel grössere Rolle spielen. Die Ansicht, sass das Organisationsstatut nur eine formale Neb entfache, dnss nur die Idee von alleinigem Wert für unsere Bewegung sei, ist eine völlig irrige! Gewiss, zuerst die Idee, und dann die Tat. Aber Ideen ohne Tat, Ideen, die in der Luft schweben und nicht verwirklicht werden können, sind genau wie schöne Luftschlösser. Selbst die grössten und genialsten Ideen, und die erst recht, erhalten erst ihre reale Bedeutung, wenn sie in praktische Taten umgesetzt werden. Die treibende Kraft ist die Idee, die schaffende Kraft aber liegt in der Organisation! (Beifall.) Auch unsere ungünstige Finanzlage ist auf Schäden in unserer Organisation, denen wir abhelfen müssen, zurückzuführen. In unseren Reihen fehlt es durchaus nicht an Opferwilligkeit. Im Gegenteil, bei uns herrscht eine Opferfreudigkeit, wie wir sie kaum bei einer anderen Bewegung linden. Nur der Plan- und Ziellosigkeit und der Unregelmässigkeit in der Eintreibung der Beiträge •und Spenden ist die Schuld an den ungünstigen Ergebnissen für die zentrale Organisation beizumessen. Auch diesem Uebelstand ist durch ein gutge.fügtes, ein zu straffer Disziplin zwingendes Statut wenigstens teilweise abzuhelfen. Sie werden daher diesem Punkte der Tagesordnung Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit widmen müssen. Um unser Budget auf eine gesunde, feste Grundlage zu stellen, hat die Leitung eine Besteuerung unserer Finanz institution en dem vorigen Kongresse vorgeschlagen. Dieser Vorschlag hat aber die Zustimmung des Kongresses nicht gefunden, und es wird daher jetzt unsere Aufgabe sein müssen, neue Einnahmequellen, sei es durch Erhöhung des Schekels oder durch Einführung sonstiger Beiträge, zu schaffen. Zum ersten Male wird uns auf diesem Kongresse die Emigrationsfrage beschäftigen. Die Regelung der Emigration, so eminent wichtig sie auch ist, gehört nicht zu unseren direkten Aufgaben, und obgleich wir uns hüten müssen, unsere Kräfte, die unserem eignen Ziele gewidmet bleiben müssen, zu zersplittern, haben wir dennoch nie aufgehört, diesem überaus wichtigen Problem unsere ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Nicht nur, dass an allen Orten, wo die Auswanderung organisiert ist, eine ausserordentlich grosse Anzahl Zionisten die anerkannt besten Dienste leisten, auch direkt haben wir uns schon mit diesem Problem beschäftigt. Ich erinnere nur an die Brüsseler Konferenz, die wir im Januar 1906 nach den fürchterlichen Pogromen zur Regelung der jüdischen Emigration einberufen haben. Unsere Bemühungen scheiterten damals hauptsächlich an dem Widerstände der Alliance Israelite Universelle und der Jewish Colonization Association, die durch die Personalunion ihres Vorstandes mit der Alliance eng liiert ist. Wir haben damals in dem Glauben gelebt, dass die Alliance, deren Devise lautet: „Kol Jisrael arebim seh baseh," „Alle Juden sind einer für den andern verantwortlich," selbst in erster Linie soviel Verantwortungsgefühl haben würde, dass sie in jener Schreckenszeit, in der Hunderttausende unserer russischen Brüder zum Wanderstabe greifen mussten, unsere und anderer grossen jüdischen Organisationen Mitarbeit bei der Brüsseler Konferenz nicht zurückweisen würde. Wir haben uns damals getäuscht, wie auch vor kurzer Zeit, als wir uns an die Alliance mit der Bitte gewandt haben, sie möchte uns helfen, den von einzelnen Juden in der Türkei gegen den Zionismus geführten Verleumdimgsfeldzug, der sich zu einer Gefahr für die gesamte türkische Judenheit ausgewachsen hatte, zu beenden. Wir aber werden uns nicht beirren lassen, und werden nach wie vor im Sinne unseres Arbeitsprogrammes unsere Aufmerksamkeit dem Emigrationsproblem zuwenden, dem Probleme, das für einen grossen Teil unseres Volkes die ganze Schwere des Gallith verkörpert. Auch mit unserer nationalen Sprache werden wir uns diesmal eingehender als zuvor beschäftigen. (Beifall.) Die hebräische Sprache, ein Hauptbestandteil unserer jüdischen Kultur, hat stets unsere innigste Liebe und unser höchstes Interesse gefunden. (Beifall.) Haben wir doch sogar, der Zeit vorauseilend, hebräisch zur offiziellen Sprache des Kongresses bestimmt. Die zionistische Organisation kann und soll aber auf diesem Gebi-ete nicht alles allein tun. Wir haben Meine Anfänge gemacht, einige hebräische Zeitungen mit Mühe und grossen Opfern gegründet, die Herausgabe hebräischer Werke unterstützt. Aber unsere Aufgabe kann sich naturgemäss nur darauf beschränken, Anregungen zu geben und allen Unternehmungen auf diesem Gebiete unsere moralische und in beschränktem Masse unsere materielle Unterstützung zu gewähren. Zu unserer Freude ist jetzt dielTistadruth, die Organisation für hebräische Sprache und Kultur, entstanden, die gewiss unserer aller Unterstützung sicher sein kann. (Beifall.) Der Frauenarbeit im Zionismus haben wir bis jetzt keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Wir haben unsern Frauen von vornherein volles und gleiches Recht gegeben, aber die Pflichten, die mit diesem Rechte verbunden sein müssen, nicht deutlich genug umschrieben und nicht ernstlich genug gefordert. Wir müssen es jetzt endlich tun und müssen unseren Frauen den Weg zeigen zu einer erspriesslichen zionistischen Arbeit, damit aucli sie ihre Pflichten erfüllen und, wie einst unsere Mütter in alter Zeit, an der Erlösung unseres Volkes mitarbeiten können. Die allerwichtigste Aufgabe aber, die Sie diesmal zu lösen haben, ist die Ein setzung einer neuen Leitung. Ich trete von der Leitung zurück, weil ich muss. Ich muss es tun, sowohl im Interesse der Bewegung, als auch im Interesse meiner geschwächten Gesundheit, die mir Ruhe gebietet und es mir nicht mehr gestattet, der erste Diener unserer Organisation zu bleiben. Geehrter Kongress! Die Geschichte unserer jungen Bewegung ist in zwei Perioden einzuteilen. Die erste, die Glanzperiode mit Herzl an der Spitze, spielte sich in Wien ab. Es ist geradezu sündhaft, wenn jetzt versucht wird, die Be-