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Die Welt · 1911-08-10 · (10.8.1911) Nr. 1 · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
(10.8.1911) Nr. 1
Date
1911-08-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 1 DIE eigenen Stammes, mithelfen, die öffentliche Meinung gegen uns aufzubringen, ohne zu bedenken, dass sie damit das Wohl der jüdischen Gesamtheit gefährden. Die Wahrheit wird aber durchdringest, und mit ihr die Erkenntnis, dass der Zionismus dem ottomanischen Reiche ebensoviel Vorteile und Nutzen bringt iwie dem jüdischen Volke selbst. (Lebhafter Beifall.) Das ottomanische ReicHi ist Jahrhunderte hindurch wirtschaftlich vernachlässigt, worden; es ist auf eine Einwanderung nützlicher Elemente jetzt mehr als jemals zuvor angewiesen. Bessetre, nützlichere and loyalere Einwanderer als die heimatlosen Juden aber wird es niemals und nirgends finden! Vorläufig istdiese Erkenntnis dort noch nicht durchgedrungen. Die Debatten in der türkischen Kammer über den Zionismus haben deutlich gezeigt, wie wenig noch unsere Bestrebungen in vielen türkischen Kreisen bekannt sind, wie vollständig sie auch von solchen, die sie dem Namen nach kennen, verkannt werden. Unsere Schuld ist es aber nicht, dass über uns allerlei Märchen und Lügen verbreitet werden. Von der ersten Stunde an haben wir alle unsere Y ferhandlungen in der vollsten Oeffentlichkeit geführt. N icht ein einziges Mal haben wir hinter verschlossenen Türen getagt, nicht ein einziges Mal geheime Sitzungen abgehalten, weil es bei uns eben keinerlei Geheimnisse gibt und wir nichts zu verbergen haben! Wir halben feierlichst erklärt, dass wir in der Gesetzgebung der freiheitlichen Türkei die Garantien für unsere persönliche und nationale Sicherheit erblicken, dass es mnser Bestreben ist, unsere Wohlfahrt und unser Schicksal mit dem des ottomanischen Beiches zu verknüp fen, indem wir uns in einem Teile dieses Reiches, in Palästina, auf dem Boden unser Väter, eine HeimstLtte errichten wollen. Nur grobe Unkenntnis oder Bosheit können es fertig bringen, uns nachzusagen, dass wir die Lostrennung Palästinas vom ottomanischen Reiche erstreben, dass wir ein selbständiges, jüdisches Königr rieh errichten wollen. Den Leuten, die solches behaupten, scheint -— soweit sie es ehrlich meinen — eine Verwechslung des Zionismus mit dem alt- und neutestamentliolien Messiasglauben vorzuschweben. Es ist ja richtig,, dass Millionen Juden, und die gesamte gläubige Christenheit, an die messianische Zeit, die mit der triumphierenden Rückkehr der Juden nach Palästina verknüpft ist, fest glauben. Auch unsere grenzenlose Liebe für Palästina verdankt diesem Glauben ihren Ursprung, aber niemals ist es uns modernen, praktischen Zionisten eingefallen, messianische Tendenzen in unsere Bewegung hineinzutragen. Niemals haben wir mit den religiosoen Gefühlen der vielen Millionen Gläubigen ein solches*; frevelhaftes Spiel zu treiben uns unterfangen. (Beifall) Uni das Kmdermärche^a glaubhafter zu raachen, dass wir ein jüdisches Königreich in Palästina gründen wollen, wird auch versucht, uns HerzPs Buch „Der Judenstaat" als di« Grundlage unserer Bewegung entgegenzuhalten. z\ber gerade dieses Argument ist der beste Beweis für die Unrichtigkeit solcher Behauptungen. Als Heral den Judenstaat schrieb, kannte er den Zionismus kaum. Er hatte die grandiose Idee, die brennende Judenfrage radikal zu lösen durch die Gründung eines JudensLaates irgendwo in der Welt, wo ein freies Territorium dafür zu haben wäre. Als Herzl aber mit uns Zionisten in Fühlung trat, als er den Zionismus kennen gelernt hatte und wir unter seiner Leitung den ersten Zionistenkongress hier in ELT - 781 Jß.fLsel abhielten, da war von einem Judenstaat nicht ELfehr die Rede. Klipp und kl ar haben wir in unserem Piogramm unsere Wünsche, uns &re Hoffnungen und unser Ziel zum Ausdruck gebracht unrH festgelegt: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Yolk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina". (Stürmischer Beifall.) Nicht einen Judenstaat, sondern eb_e Heimstätte, auf dem alten Boden unserer Väter, in der wir uns als Juden, ohne verfolgt und bedrängt zu werden, national ausleben können, (Beifall.) Dazu brauchen wir die öffentlich-rechtliche Sickerung! Wie diese zu erreichen ist, hängt von den politischen Verhältnissen ab. Umter dem alten Regime stellten wir Wünsch e auf, die den damaligen Verhältnissen angepasst waren. In der neuen freiheitlichen Türkei erblicken uir — ich wiederhole es — in den konstitutionellen Einrichtungen die volle Garantie unserer persönlichen und nationalen Sicherheit, Wbs wir aber verlangen müssen-, ist, dass dem jüdischen Einwanderer in Palästina die Möglichkeit gegeben wird, d&s ottomanische Bürgerrecht ohne jedwede Einschränkung zu erlangen, und dass er dann den jüdischen Volkssitten entsprechend ungehindert leben kann. (Beifall.) Diese Garantie, die uns nur durch das öffentliche Recht gesichert werden kann, müssen wir verlangen, in unserem eigenen Interesse, aber auch im Interesse des ottonaänischen Reiches selbst. Denn nur als freies, allen anderen ottomanischen Völker 11 gleichgestelltes Volk werden wir in der Lage sein, das zu leisten, was ein Volk wie das unsrige zu leisten vermag, zum Nutzen d&s. gesamten ottomanischen ßriches ebensosehr wie zu unserem eigenen Wohl. (Zustimmung.) Denn es ist unser Traum und sehnlicher Wunsch, in einem blühenden und mächtigen ottomanischen Seiche ein blühendes und glu-ckliches jüdisches Volk zu &ein. (Langanhaltender Beifall) Das und nichts anderes ist unser Ziel. Dieses Ziel ist gross und erhaben, denn es birgt in sich die helle Znkunft unseres Volkes. Wir müssen uns stets bewusst bleiben, dass unser Ziel nicht rasch, nicht ohne schwere Arbeit zu erreichen ist, dass wir alle unsere besten Ktäfte einsetzen und uns mit Geduld und Ausdauer, voj' allem aber mit Mut ausrüsten müssen. Unsere ge flihrlichsten Feinde, die wir mit der grössten Energie belcämpfen müssen, sind der KUnnmut und die Schwachgläwbigkeit. (Zustimmung.) Diese Feinde könnten uns da au verleiten, bei der ersten Schwierigkeit die Flinte ins Korn zu werfen, unser Baseler Programm einzuschränken und den jeweiligen Zeitumständen anzupassen. Eine solche Politik würde dazu führen, dass wir und alle anderen den Glauben an uns selbst verlören und dass niemand uns noch ernst nehme» würde! Unsere Parole muss sein: Standhaft, fest und treu! Standhaft zu unserem Programm, fest das hohe Ziel im Auge und treu unserer Sache und uns selbst! (Beifall.) Mit diesen Gedanken, geehrter Kongress, wollen wir an die Aufgaben herantreten, die unser hier harren. Als eine der wichtigsten Aufgaben dieses Kongresses befrachte ich die endliche Verabschiedung des Organisat ionsstatuts. Der Entwurf, der Ihnen hier im Druck vorliegt, ist in mühevoller und Langwieriger Arbeit zustande gekommen. Er hat gewiss manche Mängel und wild in vielen Punkten wohl nicht alle Wünsche befriedigen und daher kleine Abänderungen erfordern. Er enthält aber grosse und wichtige Verbesserungen gegen den bisherigen Zustand, unter welchem unsere Organisation bislang zu leiden hatte.

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