Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- (10.8.1911) Nr. 1
- Date
- 1911-08-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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nossen hervor und auch vielseitigen Widerspruch. (Deutsch fortfahrend): Wir aber sind unseren Weg, den wir als den richtigen.erkannt hatten, Weitergegangen. Wir haben Rat gehalten und uns alle darin einig gefunden, dass in der Heimatlosigkeit unseres Volkes unser grosses Unglück liegt, unser grosses, tausendjähriges Leid begründet ist. Wir sind zu dem Schlüsse gelangt, dass es für uns nur ein Heilmittel gibt: Wir müssen eine Heimstätte auf dem Boden unserer Väter, in Erez-Israel, errichten, die öffentlich-rechtlich gesichert zu sein hat. Diese Idee haben wir damals nicht erst entdeckt. Nicht Herzl und nicht wir sind die Erfinder des Zionismus gewesen, der so viel Jahrtausende alt ist, wie unser Volk selbst. Was wir damals geschaffen, das war die Organisation! Die grosse Tat Herz Ts besteht hauptsächlich darin, dass er die Zerstreuten von allen vier Enden der Welt zusammengeführt und zu gemeinsamer Arbeit organisiert hat, dass er den alten Wünschen und Hoffnungen unseres Volkes die neue fassliche Form gegeben, dass er den gewaltigen Versuch unternommen hat, die erhabene zionistische Idee in die Tat umzusetzen und durch die Schaffung unserer Organisation ihre Verwirklichung zu ermöglichen. In unserer ersten Begeisterung haben wir geglaubt, dass alle unsere Volksgenossen mit uns einer Meinung sein werden, dass besonders die Führer in Israel und die Rabbiner uns helfen werden, die grosse Arbeit zu' vollbringen. Es kam aber anders. Gerade die, die in erster Linie dazu berufen gewesen wären, uns beizustehen, haben uns im Stiche gelassen. Nein, schlimmer noch! Sie bekämpften uns und erschwerten unsere mühsame Arbeit! Wenn wir jetzt auf die verflossenen vierzehn Jahre zurückblicken, auf die mühevolle, schwere Arbeit, die wir getan, auf die grossen Opfer, die wir gebracht, auf die herben Verluste, die wir erlitten, dürfen wir dennoch Befriedigung und einigen Stolz über das empfinden, was wir geschaffen haben, und daraus wieder neue Kräfte und neue Hoffnungen für die Zukunft schöpfen. Vor vierzehn Jahren war der Zionismus eine Sensation, heute ist er eine feststehende Tatsache! (Stürmischer Beifall.) Die Stellung, die der Zionismus sich im Judentum errungen, kann ihm nicht mehr genommen werden. Vom ersten Tage an sind wir uns stets bewusst gewesen, wie schwer unsere Aufgabe ist. Auch jetzt wissen wir, dass wir noch am Anfange ihrer Verwirklichung stehen, dass wir noch viel, sehr viel zu tun haben, bis wir unser Ziel erreicht haben werden! Aber das dürfen wir ohne Uebertreibung schon jetzt sagen: Ein grosses Stück vorwärts sind wir doch gekommen! (Beifall.) Die Saat, die wir ausgestreut, beginnt zu keimen und schiesst schon hie und da in die Halme. Die Hebung unseres Volksbewusstseins hat Fortschritte gemacht, die Liebe zum Judentum, zu der hebräischen Sprache und zum Lande unserer Väter hat in Tausenden jüdischer Herzen tiefe Wurzeln geschlagen und ergreift immer neue Kreise, die früher abseits gestanden. (Beifall.) Die jüdische Jugend, unsere Zukunft, beginnt uns zu verstehen und am zionistischen Ideal einen Halt zu finden. Die Institutionen, die wir uns geschaffen, haben sich bewährt. Unser finanzielles Instrument, die Jüdische Kolonialbank, hat es ermöglicht, neue Finanzinstitute zu schaffen, die segensreich in Palästina wirken. Der Jüdische Nationalfonds und alle unsere anderen Gründungen und Einrichtungen, über die Sie hier Berichte erhalten werden, entwickeln sich gut. Unsere Organisation wird immer fester und gewinnt immer mehr an Sicherheit und Kraft. Wohl ist vieles noch der Verbesserung bedürftig, aber die Anfaqgsschwierigkeiten sind überwunden, und eine feste Grundlage für den weiteren Aufbau ist geschaffen. Der Bestand unserer Organisation ist für alle Zeiten gesichert! (Beifall.) Geehrter Kongress! Blicken wir auf die allgemeine Lage unseres Volkes in den letzten vierzehn Jahren zurück, so können wir eine Besserung nicht konstatieren, viel eher eine bedeutende Verschlechterung! In Russland, wo die Hälfte unseres Volkes lebt, seufzen noch sechs Millionen Juden unter fürchterlichem, unerträglichem Drucke. Die Lage hat sich dort bis zur Unleidlichkeit verschlimmert, und die Aussichten in die Zukunft sind überaus düster. In Rumänien, nach Russland dem zweiten Leidenslande, bestehen die Feindseligkeiten gegen die Juden noch zumindest in demselben Masse, wie zuvor. Noch werden unsere Brüder dort, trotz des Berliner Vertrages, als Fremde behandelt und zwar im grausamen Gegensatz zum biblischen, zum jüdischen Prinzip, dass selbst den Fremden Gastfreundschaft und gleiches Recht gewährt werden muss. In Galizien, wo eine Million unserer Brüder lebt, haben die Not und das Elend, trotz der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung, immer noch nicht abgenommen. Die materielle Not wächst dort ebenso wie die moralische Judennot, unter der wir in vielen Ländern gemeinsam leiden. In Amerika und England, den neuen Zufluchtsstätten der Juden, werden jetzt nach dem alten ägyptischen Prinzip „Pen Jirbu" — „dass ihrer nicht zuviel werden" — Absperrungsmassregeln gegen die jüdische Einwanderung getroffen. Der Antisemitismus findet auch in die neue Welt seine Wege und dringt in grosse Schichten der Bevölkerung ebenso ein, wie hier in der alten Welt mit unseren alten Leiden. Nirgends spüren wir eine Besserung. Ueberall lauert der gleiche Hass gegen uns, überall die Ausschliessung. Und selbst in den wenigen Ausnahmeländern, die "bis jetzt als immun gegen den Antisemitismus gegolten, sehen wir ihn drohend sein hässliches Haupt erheben. Den einzigen Lichtpunkt, die einzige Besserung, sehen wir in der Türkei. (Beifall.) Dort haben unsere Brüder nach den politischen Umwälzungen der letzten Jahre die gleichen Vorteile von der errungenen Freiheit erhalten, wie die übrige Bevölkerung des ottomanischen Reiches. Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung, die dort den Juden gewährt wurde, ist allem Anscheine nach ernst gemeint. Sind doch die Türken stets freundlich zu den Juden gewesen und haben sie doch schon in jener finsteren Zeit, als wir überall geächtet und verfolgt wurden, den aus Spanien vertriebenen Juden Gastfreundschaft und ein Asyl gewährt Mit dieser Tatsache haben wir gleich von vornherein gerechnet und rechnen auch heute mit ihr, obgleich sich anscheinend gegenwärtig auch dort Strömungen bemerkbar machen, die sich gegen den Zionismus richten. Diese durch Unkenntnis oder gar Böswilligkeit einzelner hervorgerufenen Stimmungen können nicht von langer Dauer sein, weil sie auf falschen und unwahren Voraussetzungen beruhen. Traurig und schmerzlich ist es für uns nur, dass auch einzelne Juden, Söhne unseres