Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 32 DIE^ELT 811 scheinen, ist es afcer nicht. Der Zionismus ist wohl auch Geldsammeln, aber ei ist doch auch viel mehr. Er muss zu einem geistigen Zentruna werden, aus dem für die ganze Judenheit nicht bloss neue Ideen, neue Anregungen, sondern auch neue Lösungen komnuen sollen. Tatsächlich ist auch in dieser Beziehung manches geschehen. Ich werde ein kleines Beispiel geben. Der Jüflisch-e Verlag hat in der letzten Zeit gewiss manches geleistet, aber doch systemlos, ohne Initiative und Vertiefung. Das eben verlangen Böhm und Zollschan. In Galizien hörte ich, dass sich viele junge Leute uns anschliessen wollten, aber nieht können, weil sie keine theoretische Anleitung haben. Der Zionismus ist eine Weltanschauung, die begründet werden muss. Das wäre die Arbeit der Leitung: Entwicklung und Vertiefung der zionistischen Propaganda und Agitation, nicht im engeren, sondern in einem weiteren Sinn. Wir verlang&n ferner kulturelle Arbeit in Palästina und im türkischen Judentum. Sie werden unmöglich den Kampf gegen die Alliance mit Zeitungsartikeln oder mit Reden allein führen können. Nur durch systematische Arbeit, durch Eroberung der jüdischen Jugend, durch Schulen werden Sie dort ein nationales Judentum schaffen (Stürmischer Beifall)* Ich möchte das in einem vielleicht scharfen Satz sagen: Ohne die Mitwirkung der türkischen Juden werden wir unser Ziel schwer erreichen. Wir müssen ihre Mitwirkung haben: Auch hier verlangen wir die Initiative der Leitung. Wir verlangen auch die Systematisierung der kolonisatorischen Arbeit in Palästina. Aus dem Brief des Herrn Kann kann man erkennen, wie schwer da jede Arbeit erkämpft werden muss, wenn innerhalb der Leitung solche Divergenzen herrschen. Es is1 ja möglich, dass Dr. Warburg Fehler gemacht hat, wir haben j& nicht das Dogma der Unfehlbarkeit. Aber wenn wir eine Leitung hätten, die nach einheitlichen Prinzipien vorgeht, so würde sie alle diese Streitigkeiten im engen Kreis austragen und ausgleichen. Dann kann sie zu schöpferischer Arbeit kommen, Redner bespricht nunmehr die Forderungen der poalezionistischen Arbeiter in Palästina. Wir brauchen die jüdische Bourgeoisie und das jüdische Kleinbürgertum. Aber zur Verwirklichung unserer Ziele können wir die Mitwirkung des jüdischen Proletariats niemals entbehren. (Stürmischer Beifall.) Unsere letzte; Forderung ist, dass die Leitung auch in der aufklärenden Arbeit in der Türkei nicht erst einen Druck nachgibt, aandern vorangeht und die Initiative ergreift, Diese aufklärende Arbeit ist ja auch für uns die echte politische Arbeit. Der politische Zionismus ist ja die Schaffung von Volksmitteln für Volksbefreiung. Alles was Aufklärung über unsere Ideen ist, ist politischer Zionismus und diesen politischen Zionismus vertreten wir. Ick verlange deshalb, dass man endlich einmal aufhören soll, den praktischen dem politischen Zionismus wie eine leere Formel gegenüber zu stellen. Der X. Kongress soll ein Friedenskongress, ein Jubelkongress sein. Das ist aber nur unter der Bedingung möglich, dass wir festhalten an den Resultaten der Berliner Konferenz. (Stürmischer Beifad!) Mehr verlangen wir nicht. Wir alle wollen den Frieden, wir hier, die Zionisten draussen und sehr viele Juden, welche nicht gerade unserer Organisation angehören im Namen aller dieser trage ich Ihnen meine Bitte vor. Ich bin sichr, dass der Mann, der uns am meisten entgegenkommen wird, der Mann sein wird, gegen den ich auf dem vorigen Kongress die scHrfste Kritik gerichtet habe. Ich hoffe, dass Herr Wolffsöhn mitwirken wird, dass wir in Frieden alle diese Beschlüsse werden durchführen können, dann wird unser Kongress ein .Jubelkongress sein. (Stürmischer Beifall!) Vorsitzender Dr. Boden hei m er : Herr Motzkin verzichtet auf das Wort, .eb-enso Herr Dr. Weitzmann. Das Wort hat Herr Prof. Dr. Warburg. Prof. Warburg, der letzte Generalredner, mit lebhaftem Beifall begrüsst : die Palästinaarbeit, die ich hier zu vertreten habe, hat w^enig Kritik erhalten, und davon ist ein Teil schon von Dr. Cohn widerliegt worden. Am wichtigsten scheint mir, die Beschwerde, die von Seiten der Poaie Zion vorgebracht ist, zu sein. Natur gemäss ist es schwer von hier aus die Einzelheiten bei jeder Verstimmung, die da zwischen Arbeitern und Leitern von Unternehmen eintritt, genau zu erforschen : Wir müssen da das Vertrauen zui unseren Vertretern in Palästina haben und wir haben ja in Dr. Ruppin einen so ausserordentlich gerechten und dabei scharfsinnigen Vertreter, dass ich nicht zweifle, wenn dort seitens der Pflanzungsleiter Irrtümer vorgekommen sind, sie in zufriedenstellender Weise beseitigt worden sind. Eine Schwierigkeit ist ja immer vorhanden. Es ist kein Wunder, dass dieselben Schwierigkeiten, unter denen bei uns die Unternehmungen leiden, mich dort sich wiederspiegeln. Dagegen wTerden ja Versuche nacl anderer Richtung gemacht, und wenn die sich dauernd bewähren, wenn die Genossenschaften tatsächlich gezeigt haben werden, dass die Arbeiter imstande sind, in eigener Verwaltung diese Unternehmungen dauernd weiter zu führen, so werden solche Schwierigkeiten nicht mehr eintreten. Ich möchte daher auch nur die der Partei der Poale Zion angehörenden Gesinnungsgenossen bitten, nicht immer jede kleine Beschwerde zu ernst zu nehmen, wir werden versuchen, diesen neuen Geist in Palästina nach Möglichkeit einzuführen. Wir haben aber noch nötig, zum Einlernen der Leute im alten Sinne zu arbeiten. Ein anderer Punkt hat mir mehr Schmerzen verursacht, das ist nämlich die Kritik — ja, ist es eine Kritik — die Herr Kann an die Arbeit des Palästinaressorts anlegte. Herr Kann hatte mir, bevor ich hierher reiste, einen Brief geschrieben, in dem er sagte, er fühle sich verpflichtet, diese Warnungen ^n einem Schreiben vorzubringen und hat mir auch die Stelle, die darauf Bezug hat, mitgeteilt. Also insofern kann man Herrn Kanns Verhalten als loyal bezeichnen. Eine andere Frage ist die, ob er berechtigt ist, als Mitglied des E. A. C. auf einen Teil der Tätigkeit des E. A. C, die ihm nicht untersteht, in einem allgemeinen Schreiben Stellung zu nehmen. (Sehr richtig.) Mir liegt es nicht ob, diese Präge hier zu entscheiden. Ich bedaure, dass ein Mann, wie Kann, unbestimmte Angriffe gegen einen Kollegen im E. A. C. schleudert, ohne sich von Ihrer Richtigkeit überzeugt zu haben. Dass Herr Kann und ich verschiedenen Prinzipien huldigen, das wussten wir beide längst und das hätte ja auch nicht viel geschadet. Er ist dafür, dass er etwas von einer Seite stark in Angriff nimmt und dann wartet, welchen Erfolg dieser Angriff hat; hat er günstigen Erfolg, dann geht er weiter. Ich verfolge das Prinzip, dass, wenn man eine Festung zu erobern sucht, man Batterien rings herum stellt und von allen Seiten Bresche zu schiessen versucht. Darüber lässt sich diskutieren, es mag durch Majorität entschieden werden u. s. w. Wenn er aber sagt, dass dieses Prinzip, das ich angewandt habe, verkehrt ist und sich nicht bewährt hat, dann muss er auch die Tatsachen nennen. Ich habe mir natürlich überlegt, auf welche Tatsachen könnte er event. exemplifizieren und zweitens : ist das, was er an die Stelle setzen will, besser oder überhaupt neu. Ein grosser Teil der Unternehmungen scheidet von vornherein aus. Er sagt also, und das ist ein Hauptvorwurf, es sind kleine und schwache lebensunfähige Unternehmungen, keine der vielen Unternehmungen hat sich konsolidiert, und er verlangt daher die Gewähr dass sie nach solchen kaufmännischen Grundsätzen geleitet werden. * * * Wir geben die weiteren Ausführungen, sowie den Bericht über den Schluss der Debatte auszugsweise wieder und werden in No. 3 den ausführlichen Bericht folgen lassen. Professor War bürg geht die einzelnen Institutionen in Palästina durch und legt bei jeder derselben dar, dass die Annahme oder die Besorgnisse, sie würde nicht nach soliden kaufmännischen Grundsätzen sicher gestellt und weiter geführt, unbegründet seien. Er selbst, das habe er immer erklärt, sei kein Kaufmann, aber er lasse sich in jedem einzelnen Falle von Fachleuten beraten. Von einer Konsolidierungsnotwendigkeit sei keine Rede. Bei der P.L.D.C. sei tatsächlich in den ersten beiden Jahren ein rechnerischer Verlust eingetreten, wie es bei jedem landwirtschaftlichen Unternehmen auf neuem Boden in den ersten Jahren geschieht. Hier ist nur mehr Betriebskapital nötig. Das Prinzip des Herrn Kann sei nicht richtig; Mittel für die Kulturinstitutionen zu beschaffen, ohne dem N.-F. Konkurrenz zu machen, das sei eine der Hauptaufgaben, die die Palästina-Kommission jetzt zu überlegen habe. Die Arbeit gehe gut vorwärts. Man sehe schon den Erfolg und wenn in der bisherigen Weise in verstärktem Masse weiter gearbeitet werde, so dauere es keine zehn Jahre, und die ganze AVeit werde von der Arbeit mit Befriedigung und Hochachtung sprechen. Die Rede des Herrn Dr. Warburg wurde mit minutenlangem stürmischem Beifall aufgenommen. Dann nahm, gleichfalls mit einer grossen Beifallskundgebung begrüsst,