Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Präsident Wolffsohn das Wort. Er lehnt es nochmals ab, sich, wie es Herr Böhm meinte, zum „Rachmones-Zionisten" machen zu lassen. Seine Worte heute morgen hätten erfreulicherweise die Wirkung gehabt, dass die Redner nachher kritisiert haben, was sie zu kritisieren hatten. Er bedauert nur, dass der Kongress Herrn Trietsch vorher das Wort nicht erteilt habe, dieser werde aber schon noch irgendwo Gelegenheit finden. (Heiterkeit.) Die Redner hätten den Fehler begangen, die neue Leitung mit zu vielen Wünschen und zu vielen Hoffnungen zu belasten. Das Unmögliche könne man von ihr, ebenso wie von der abtretenden Leitung nicht verlangen. Präsident Wolffsohn weist die Bemerkung des Herrn Adolf Böhm zurück, die Opposition habe die praktische Arbeit der Leitung abgetrotzt. Er wisse nicht, ob Herr Böhm schon den Zionismus gekannt habe, als im Zionismus bereits praktische Arbeit gemacht worden sei. Verwässerung des Zionismus! Sei das nun, wie die einen meinen, die praktische Kleinarbeit in Palästina, oder, wie die anderen sagen, das Umgekehrte? Er verstehe das nicht; er bitte aber zu glauben, dass die Herren in der Leitung mindestens ebenso gute Zionisten seien, wie die anderen Zionisten im Saale. In Erwiderung auf Daiches beschränkt sich Wolffsohn auf die Bemerkung, die Kritik müsse den Zweck haben, zu verbessern, nicht zu verbittern. (Beifall.) Auch die Aeusserung von Reich, die geradezu ein Schlagwort in Palästina zu werden beginne, man müsse den Mut haben, auch schlechte Arbeit zu tun, müsse versagen. Das sei ein Mut, den er bewundere, aber bei dem man das Genick brechen könne. (Lebhafte Zustimmung!) Herzerfrischende Vorschläge habe Herr Rabbinersohn gemacht: das Schiff Zion mit der zionistischen Mannschaft und dem zionistischen Kapitän. Auch er habe den aufrichtigen Wunsch, dass dieses Zionsschiff den Kongress dereinst nach Jerusalem bringe; freilich der jüdische Kapitän — da könnte es eine grosse Landsmannschaft geben, die für diesen ein Kollegium verlange. Auf den beifälligen Heiterkeitssturm, den diese Bemerkung entfesselte, fuhr Wolffsohn fort: ein Kollegium mit dem Sitze in Berlin. (Erneute Heiterkeit). Derartige Wünsche »müsse man zurückstellen. Es sei ganz gut, wenn die Phantasie ein bisschen weit vorausgehe, und wer arbeite, müsse den Blick auch ins Weite richten. Wäre Herzl nicht der Dichter gewesen, hätte er nur an trockene, praktische Arbeit gedacht, er hätte die ganze Sache nicht unternommen. Sodann wendet sich Präsident Wolffsohn an Pasmanik. Seit Hamburg habe dieser gelernt, dass eine Kritik sachlich sein müsse; für diese Kritik sei er ihm dankbar. Diese Kritik ermögliche ihm die Aufklärung von Missverständnissen und Richtigstellung unrichtiger Behauptungen. Wird gemerkt, dass etwas schlecht ist, dann muss man den Mut haben, die Arbeit einzustellen. Lieber weniger, aber was wir machen, muss gut sein. (Stürmische Zustimmung). Zunächstmüssen wir Vertrauen erwerben, erst dann können wir weitermarschieren, nicht eher. Wolffsohn verteidigt das Eecht Kanns, als Mitglied des E.A. 0. seine Meinung auf dem Kongress zu vertreten, und, wenn er verhindert sei da zu sein, es brieflich zu tun. Er wie Kann schätzen den Prof. Warburg in jeder Beziehung hoch und gerade um seinen Wert zu erhöhen, wollten sie ihn von kaufmännischen Geschäften entlasten. Wolffsohn verwahrt seinen Kollegen Kann gegen den Vorwurf Pasmaniks, etwas Unwahres behauptet zu haben. Kann habe in der aufopferndsten Weise im und für den Zionismus gearbeitet. Wolffsohn erzählt ein markantes Beispiel: Auf Grund einer Differenz mit Herzl legte Kann sein Amt bei der Bank nieder und arbeitete ohne Amt in derselben Weise weiter, und nach Jahren, als Herzl das erfuhr, hat er ihm die Hand gedrückt und Tränen sind seinem Auge entströmt für eine derartige Treue. (Stürmischer Beifall.) Die stärkste Eigenschaft Kanns sei seine unbedingte Wahrheitsliebe und seine Offenheit. Unter grosser Bewegung des Kongresses und jubelndem Beifall eines grossen Teiles der Versammlung ruft Wolffsohn Pasmanik zu: der Unterschied zwischen uns, die in der Leitung sind, und den anderen ist der: wir arbeiten und die andern reden. iVolffsohn schliesst mit der Ankündigung eines Antrages auf Decharge des A.-C. nachdem niemand den Antrag gestellt habe. Vorsitzender Dr. Boden heimer teilt mit, dass ein solcher Antrag schon vorliege. Nach der Rede des Präsidenten Wo 1 ffsohn erhob sich der Kongress. Fast eine Viertelstunde lang dauerte die Ovation, die man Herrn Wolffsohn bereitete. Schliesslich stimmte ein Teil der Delegierten die Hatikwah an. Vorsitzender Dr. Bodenheimer konnte sich nur schwer Gehör verschaffen, um die Verhandlung fortzuführen. Es lagen mehrere Anträge auf Erteilung der Decharge vor. Schliesslich nahm der Kongress fast einstimmig folgenden Antrag Dr. Thon an: Der Kongress spricht dem E. A. C. für seine vierjährige fruchtbare und erfolgreiche Arbeit Vertrauen und Dank aus, dankt aber insbesondere Herrn Präsident en DavidWolffsohn dafür, dass er uns das grosse Erbe Herzls nicht nur erhalten, sondern auch gemehrt hat. Nach der Verkündigung des Abstimmungsresultates kam es wieder zu rauschenden Ovationen für Herrn Wolffsohn. Wieder wurde die „Hatikwah" gesungen. Nur mit Mühe gelang es Herrn Wolffsohn in einer Minute der Ruhe das Wort zu einer Erklärung zu erlangen, in der er dem Kongress für die Annahme des Antrages Thon dankte. Sowohl er selbst wie Herr Kann, die beide nunmehr zurücktreten werden, sagte er, werden ihren Dank dadurch beweisen, dass sie in der alten AVeise wie bisher für unsere Sache arbeiten werden. (Neuerlich minutenlange Ovationen). Es tritt sodann um 6a/* Uhr nachm. eine Pause ein. Die Sitzung wird um 7 Uhr aufgenommen und vom Vors. Dr. Bodenheimer nach einigen geschäftlichen Mitteilungen geschlossen. Nächste Sitzung Freitag, 10 Uhr Vormittag. Berichtigung. In den Wortlaut der Rede des Herrn Dr. Max Nordau, der in der Nummer 1 der Kongressausgabe der „Welt" veröffentlicht ist, haben sich zahlreiche Druckfehler eingeschlichen, von denen im Nachstehenden nur die wesentlichsten berichtigt seien. Seite 785, Spalte 1, muss es statt: „man darf ihn beschimpfen, best.ehlen, berauben usw." heissen: „man darf ihn beschimpfen, misshandeln, bestehlen usw." Dieselbe Spalte, statt: „der ihr Hirn- und Nervensystem zur grossen Genugtuung ihrer Peiniger zerrüttet" richtig: „der ihr Hirn usw. vollständig zerrüttet".