Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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808 DIE] uns so stark empfundenen Mängeln abhelfen würde. Es gibt ja keine einzige politische Partei, die nicht das Bedürfnis nach einer theoretischen wissenschaftlichen Basis als notwendig fühlt und die Stärke oder die Schwäche aller politischen Parteien wächst und fällt mit der Kraft oder Schwäche der theoretischen Grundlage. Es ist natürlich nicht möglich, dies hier in der Kürze der Zeit auszuführen. Ich werde am Montag in in hinein Vortrag darauf zurückkommen. Nur auf das frühere Moni gut will ich des Beispiels halber mit einem Worte hinweisen. Wenn wir diese sogenannte wissenschaftliche Grund- Inge des Antisemitismus untersuchen so kommen wir beim S udium derselben zur Erkenntnis, dass sie nicht nur eine ungeheure Menge von Unrichtigkeiten in sieh birgt, sondern da>s uns die dann gewonnene genaue Beurteiteilung unserer eigenen Volkspsyche auch darüber belehrt, dass wir das Recht haben zu einem Russestolz von ganz gewaltigerTragweite.Sodassgegenüber dem furchtbaren Zermalmungsprozess., der sich in der Gegenwart abspielt, gegenüber der Erkenntnis, dass der Zionismus das einzige Rernedium dagegen bedeutet; ideale Kraft, die dann uns und wohl auch die anderen Juden erfüllt, sich uns eine Perspektive unserer künftigen Machtmittel eröffnet, derart, dass alle Momente, die den gegenwärtigen Schwächezustand verursachen, zusammenschrumpfen müssen, so dass man dann von allem eher, als von Pessimismus reden könnte. Ich hoffe, in meinem Vortrage Gelegenheit zu haben, diese Momente noch genauer ausführen zu können, vorläufig schien es mir notwendig, darauf hinzuweisen, dass in dem Gerüste, das das Fundament unserer Bewegung darstellt, manche Tragbalken sind, die nicht mehr ihre volle Tragfähigkeit besitzen. Dr. Margulies beantragt, dass die Orgnnisationskommission noch heute zur Prüfung der zum Oruanisatiousstatut eingegangenen Anträge zusammentritt, um morgen eine möglichst einueitliche \ orlage machen zu können. (Zustimmung.) Trietsch (zur Geschäftsordnung): Herr YVolftsohn hat sich geueu eine Einschränkung dt r Kritik des Vergangenen gewandt. Er hat darin nicht unrecht, und ich will deshalb die Zurückziehung meiner Wortmeldung wieder aufheben. Der Redner beantragt, da s er auf die gestern geseulos.-ene Rednerliste nachträglich gesetzt weide. , Abgelehnt.) Dr. Reich (Beifall): Ich spreche im Namen der galizischen Landsmannschaft Ich betone dies, um Ihnen den freudigen Beweis zu bringen, dass die galizischen Juden nicht, nur einijr sind in formalen Angelegenheiten der Organisation, sondern auch in den prinzipiellen Anschauungen über unsere Bewegung. Die bisherigen Zustände waren nicht sehr geeigs.et, sehr viel Erspiiessliches für die Bewegung zu leisten, und wir sind mit manchem, was geleitet, und vielleicht noch mehr mit mai ehern, das nicht geleistet wurde, nicht ganz zufrieden. Wir sind unzufrieden, dass zu wenig Rücksicht genommen worden ist, die öffentliche Meinung übt-r unsere Tendenzen aufzuklären. In den letzten zwei Jahren ist ein-.' erhebliche esserung. eingetreten. Wir wnuschem dass sien die künftige Leitung m diesmi Sinne leiten läss , dass sie darauf achtut, den Weg zu finden, um üie massgebenden uttornanisohen Kreise tur uns zu gewinnen od. r wenigstens aufzuklären. i>ies-T Weg rnuss gelungen werden So lange noch in der Türkei Unverständais und Misstrauen gegen uns herrscht und wir dort taub-n Üuren begegnen, kommen wir nicht vorwärts. Aber, so paradox es klingt: der Weg, das Misstrauen in der Türkei ge^en unsere Arbeit in Palästina zu verscheuchen, wird eben durch unsere Arbeit in Palästina geebnet. (Beifall.) Wir billigen deshalb auch die Projekte des Prot. Warburg, auch wenn sie sich einmal nicht als ganz notwendig erwtisen; wir billigen alle Projekte, denn wo reich geerutet werden soll, darr nieut mit der Ssat gekargt werdea. Die idee des Zionismus ist t-ine Idee der Hoffnung und des Mutes. Schon der Mut des Versuchs trägt die Hoffnung des Volkes und KELT ■- ■ ■ " ' ■■ ' -—======== Noi 32 führt hoffentlich zum Resultat. Ich war vor zwei Jahren in Palästina, und was mich am meisten begeistert und angeeifert hat, war nicht diese oder jene Kolonie oder dieses oder jenes Institut, sondern das treibende, das pulsierende, sprudelnde jüdische Leben, das form-, muster-, planlos sich irei gestaltet, das die Tradition von Jahrhunderten in sich trägt Wenn Dr. Zolls chan heute noch pessimistisch denkt, das Eine ist s'cher: dass es dieses treibende, pul sierende Leben in Palästina ist, das uns hoffnungsvoll machen kann. Dieses Leben in Palästina rnuss sich in ailen Formen offenbaren, bis es endlich auch von der Türkei anerkannt werden wird. (Ed: all,) In demselben Masse verlangen wir von der künftigen Leitung ein grosses, tiefes Verständnis für'die jüdische Kultur, für die immer mehr weite K-eise werbende hebräische Sprache, Verständnis für alles, was in den jüdischen Massen sich regt und lebt. Man komme uns nicht mit der Bemerkung, dass nicht alles mit dem Zionismus in strammem Zusammenhang ist. Glauben Sie, dass Sie das jüdische Volk, das ewig in Sklaverei dahinlebt, für den Zionismus gewinnen, einzig durch die Propaganda des Wortes? Sie müssen es srhon j«'tzt organisieren und erziehen durch die Macht von Taten, durch die allgemeine progressive Evolution der Idee. (Beifall.) Wir galizischen delegierten koffen, dass dieser Weg mit grossem Erfo g begangen wird, wenn wir die Berliner Friedensbeschiii sse zur Wirklichkeit .machen werden. (Beifall.) Wir wollen von hier einig fortgehen, wir wollen beweisen, dass der Kampf, den wir geführt haben, ein Mein u ngskämpf ist; es soll keinen Besiegten geben. Wir wollen auf diese Weise die Freiheit' der Meinung mit der Disziplin der Partei vereinigen, den Fortschritt der Idee mit der Ordnung in unseren Institutionen. Wir in Galizien haben eine sehr schwierige Lage, weil wir g<-gen die Grossassimilation, gegen die Regierung kämpfen; aber es ist das einzige Land vielleicht, wo die grosse Masse und die jüdische Intelligenz zionistisch fünft und mit den Ziontsten geht. (Lebhafter Beifall.) Die Zunahme der Schekel bei uns, selbst in diesem poli ischen Jahr, zeigt, dass die Landespolitik uns absolut nicht vom wahren Zionismus abgeführt hat. (Zuruf: Kongressjahr H Nein, es ist nicht nur das Kongressjahr; und wenn es das ist, dann sehen Sie, dass wir uns nicht begnügen mit der Politik, sondern dass wir so zahlreich hier auf diesem Kongress erschienen sind. (Beifall.) Die Landespolitik bat dem Zionismus nichts geschadet. Wir h ah en j e tzt einen heroischen Kam pf d urchgem acht, wo wir mit grossem Heroismus für die jüdische Sache eingetreten sind. (Grosse Beifallskundgebung.) Greise und jugendliehe Männer haben ihre Brust dem Tode dargeboten und 28 Tote sind als Opfer gefallen, (hie Versammlang erhebt sich.)' Vizepräsident Dr. Bodenheim er: Ich nehme diese Ihre Kundgebung als Zeichen der Ehrung der Toten in Drohobycz. Dr Bod en heim er macht Mitteilung davon, dass der Nationalfonds Vorsorge getroffen hat, dass der gestrige Lichtbildervortrag über Palästina und die Bilder allen N.-F. Kommissaren und Vereins- Vorsitzenden zur Verfügung steht. Der Vizepräsident macht weiter die erfreuliche Mitteilung, dass unter Bezugnahme auf die gestern Abend von Dr. Heinrich Löwe betonte Pliicht der reichen Juden, sich ein dauerndes Andenken in Palästina zu sichern, indem sie dort jüdische Dörfer mit ihren Namen schaffen, sich bereits ein Spender in diesem &inne gefunden hat. Herr Kahane hat 55 000 M für diesen Zweck bestimmt und den Wunsch geäussert, da^s dem Kongress davon Mitteilung gemacht wird, damit sein Beispiel Nachahmung findet. (Lebhafter Beifad.) Dr. Nacht: Wer ist Herr Kahane? (Zuruf: ein Zionist!) Ich konstatiere, ein Zionist aus Rumänien. Vizepräsident Dr. Bodenheim er bestätigt das. Er teilt weiter mit, das die zionistische Ortsgruppe der Stadt Basel den Kongress auf heute abend zu einem Gartenfest einlädt. (Heifall.) Dr. Straus spricht seine Freude darüber aus, dass der vorliegende Bericht einen so ansehnlichen Fortschritt der zionistischen IJewegung konstatiert Der Redner stimmt bezüglich der Ansichten für die Zukunft mit dem Optimismus Nordaus uberein. Er verlangt Ausdehnung der Propaganda. (Dr. Tschlcnow übernimmt das Präsidium. Beifall.) Weiter wendet sich Dr. Straus gegen die Unterscheidung in Ost- und Westjuden. Es gibt nur Juden, nur Zionisten, (Heifall) Rabbinersahn unterbreitet dem Kongress mehrere Vorschläge zur Förderung der Bewegung. Er verlangt ein Mittel bereitzustellen, um die Abarhanel-B bliothek als Nationalbibliothek auf feste und sichere Basis zu stellen. Mit einem jährlichen Budget von 20000 Frs. könne man ihr ein eigenes Heim geben als Eig >nium der Nation oder des N.-F. und die erforderliche Propaganda treiben. 2. Der I. 0. T. oder N.-F. soll 20 000 oder 30000 Pfund hergeben für Ankauf eines Dampfers von 2 bis 3000 t für Per-