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Die Welt · 1911-08-11 · 32 (11.8.1911) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
32 (11.8.1911)
Date
1911-08-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die Liste wird en bloc angenommen. Die Kommission hat das Recht der Kooptation. Für die Zusammensetzung der gestern beantragten Finanzkommissic n schlägt die Permanenzkommissbn folgende Liste vor: Finzi, Rosow, Heymann, Hantke, Pinkus, Schein, Tropp, Harris, i Norman Beatwich, Hör wich (Chicago), Dr. Spitzer und Ludwig Bato. Auch diese Liste wird en bloc angenommen. Präsident Wolffsohn (mit Beifall begrüsst:}: Geehrter Kongress! "Wir befinden uns seit gestern Nachmittag in einer Debatte über den Bericht des Äotionscomites. Herr Adolf Böhm als erster Redner ha1 damit begonnen: „Nacktem Herr Wolffsohn seine Gesundheit in der Bewegung verbraucht hat, will ich diesmal, keine Kritik üben." Meine Herren! eine solche Kritik rerdiene ich nicht; denn cL&s ist die schlimmste Kritik, die man üben kann. (Seht: richtig!) Wenn Sie mich anklagen, wenn Sie mich angreifen, bin ich in der Lage, mich zu verteidigen. Wenn Sie aber sagen, Sie wollem keine Kritik üben — m-eine Damen und Herren, krank bin ich hier (zeigt auf das Herz) — aber nicht hisr (zeigt auf die Stirn). (Stürmische, sich immer erneuerrade Beifallsovationen uni Hochrufe). Es ist mir ferner mitgeteilt worden, dass man mit Rücksicht darauf, ckss ich zurücktrete, keine Kritik üben will. Ich will die Herren darauf aufmerksam machen, dass sie damit für siel selbst ein Urteil sprechen, das auch sie nicht verdienen. Denn sonst wird man &Lgen, dass sie auf dem vorigen Kongress nur deswegen Kritik geübt haben, damit ich weggehe. Das wäre anwürdig. (Stürmische Zustimmung!) Im Interesse dei Bewegung, in meinem Interesse bitte ich Sie: wenn Fehler in den letzten anderthalb Jahren gemacht worden sind, so bringen Sie sie hier voi'5 damit diese Fehler nicit wieder gemacht werden. Für die Bewegung ist es go_z gleich, wer an der Spitze stöbt. Wir werden noch hundert neue Leitungen hoffentlich haben, hier und vielleicht; auch Leitungen, dort, wo wir hingehören, in Palästina. (Beifall.) Die Leitungen werden gehen und werden kommen, die Bewegung vurrt aber bleiben. Ich bitte Sie dabei': üben Sie ungezwungen kine Kritik, eine würdige Kritik, die wir verdienen und ifie für unsere Bewegung gesund ist. (Stürmischer, andauernder und immer erneuter Beifall. Hochrurfe.) Das Wort erhält nunmehr Herr Dr. Zollschan zur Berichterstattung über den „Internationalen Rassenkongress". Redner führt etwa folgendes aus: Ein Kongress wie dieser konnte nicht unimittelbar politische Wirkungen auslösen. Trotzdem kann die Delegation mit dem Resultat ihrer Bemühungen zufrieden sein. Die bedeutendsten Rechtslehrer, Soziologen und Anthropologen aJler Länder waren hier zu einem selten erlesenen Tribuiual vereinigt. Um so mehr lernmt es vielleicht in Beiiacht, dass die Wirkung der Debatte über die Judenfiage, die zum erstenmal vor eifern rein wissenschaftliches!, nicht jüdischen Publikum Her stattfand und in duichaus nationalem Sinne gefüllt wurde, geradezu eine du rchschlagende war (Beifall]. Ueber die Einzelheiten kann auf den vorliegenden Bericht in der „PTelt" verwiesen werden*). Einige Bemerkungen möchte ich aber unter dem Einflüsse und Eindruck, den ich fuif dem Rassenkongress empfangen habe, und unter dem Einfluss der Aufforderung "Wolffsohn, auch eine Kritik nicht zu scheuen, mir erlauben. Es sollen dies abei nur prinzipielle Worte s«om5 eine *) Siehe Konyrc ssausgabe der „Welt" Nr. 1. Kritik nicht einzelner Handlungen, sondern eine Kritik der theo re tischen Grund lagen unserer Bewegung. Ich möchte um so lieber ein Wort darüber sprechen, als ich damit auch eine Gelegenheit zur Aeusserung über meinen Standpunkt in der Beurteilung der Chancen des Zionismus habfc, den ich in meinem Buche eingenommen habe und der manches Befr&mdeu unter unseren Freunden hervorrief. Dieser Pessimismus wurde unrichtig aufgefasst, er bezieht sich auf die gegenwärtige Schwäche der Maclrtmittel der Partei. Es wurde aber übersehen, dass ich darauf hinwies, dass es in unserer eigenen Hand liegt, diese Schwäche in ihr gerades Gegenteil zu verkehren, wenn wir nicht davor zurückscheuen, zu untersucTien, was die tieferen Ursachen für diesen Zustand eigentlich sind, warum wir noch immer unter der Judeuheit selbst, deren Interessen rir ja vertreten, und auch unter der intellektuellen Welt, die für richtige Ideen ein doch etwas empfänglicheres Ohr hat, auf soviel Widerstände stossen. Durch meine Eindrücke auf dem Rassenkongress nun wurde meine bisherige Uebeizeugung noch verstärkt, dass die tiefstliegenden Ursachen dafür in dem Fundamente unserer Grundanscka,aungen und unserer Strategie zu suchen sind. Es ist mir natürlich hier nicht möglich, auf das Wesentliche dieser Sache einzugehen; nur auf zwei Momente möchte ich, um ein Beispiel zu geben, hinweisen. Ich weiss, dass ich mit dem, was ich jetzt sage, auf starken Widerspruch stossen werde, nuiss es aber zur Hauptsache doch aufrecht halten. Ich halte die bisherige durch anderthalb Jahrzehnte verfolgte Taktik nicht für richtig, von dem Gegensatze i wischen Zionisten und Assimilanten, wie von dem zwischen guten und bösen Menschen zu reden. Ich glaube, man müsse sich mehr an das soldatische Prinzip halten, das >— von einer üeihe bewusst schlechter Kreaturen und Denunzianten abgesehen — weniger die Memc-hen in gute und böse, als in vorstehende und nichtverstehende einteilt Und sowie ich mich überzeugt hatte, dass es möglich ist, das wissenschaftliche Puldikurn auf seine Seite zu bringen, selbst für Ideen, die ihm vielleicht nichb sympathisch sind, so kommen wir auch, wenn wir niii mit der Argumentation unserer eigenen Idee in genügende Tiefe gehen, dabei ani dasjenige Fundament, das auch, wenn wir nicht las Geringste von 1111 seren Prinzipien aufgeben, für uns jenen Boden darstellt, auf dem wir zusammen mit unseren derzeitigen Gegnern für unser Ideal viiken können. Genauer: Wer3 wie der Zionismus, der ^wirkliche Sachwalter des ganzen Judentums sein soll, der darf z. B. gegenüber dem furchtbaren Feinde der Judenheit nicht inaktiv [sein. Das Gefühl gegen den Antisemitismus ist etwas, das alle Schichten der Judenheit von dem elendsten Schnorrer bis zu mächtigsten Bankier in derselben Intensität beherrscht. Würden wir den Kampf gegen denselben aufnehmen, wenn auch nur in der uns ziemenden wissenschaftlichen Weise, ein Flut mächtiger Sympathien würden sich ganz von selbst in den Dienst unserer Saiehe stellen. Würden vir, statt unsere Gegner immer nur als erpichte Bösewichte hinzustellen, ihre Gründe aufzulösen trachten, so müssten wir dabei notwendig auch zu derjenigen Vertiefung" unserer Ideen fortschreiten, die heute als so unendlich dringend von allen Seiten gefordert wird. Eine Vertiefung, die für uns selbst dadurch, dass sie uns eine theoretische Grundlage unserer Argumentation geben würde, den von

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