Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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806 DIE2§KELT No. 32 eine Sitzung einberufen lassen kann. Und es wird auch sehr gut sein, wenn das grosse A. C. in Zukunft, genau so, wie wir es hier auf dem Kongress machen, einen besondern Präsidenten für seine Sitzungen wählt. Wir wollen aber nicht, dass das A. C. zum grössern Teil sich aus Männern zusammensetzt, die der Kongress nicht wählt. Die Zusammensetzung des grossen A. C. aus Vertretern der Landsmannschaften, der Herzl'sche Gedanke, geht freilich nicht mehr an, dazu sind wir zu sehr gewachsen. Wir müssen Männer hineinwählen, denen ihr Wohnsitz und ihr Geschäft gestattet, mindestens alle zwei Monate zusammenzukommen. Auf die Ordnung unserer Finanzen gehe ich in der Generaldebatte nicht ein. Nur eins: Sie können das schönste E. A. C. schaffen, die besten Männer einsetzen: wenn Sie ihnen kein Geld geben und sie zwingen, einen grossen Teil ihrer Tätigkeit damit zu verbringen, dass sie Geld schaffen für die Parteileitung, dann können sie keine positive Arbeit machen; und deshalb muss die Defizitwirtschaft herausgebracht werden. Ich glaube nicht zuviel zu sagen, dass der Gedanke der Besteuerung des N. F. immer mehr Anhänger gefunden hat (Zustimmung und Widerspruch); und wir tun dem N. P. kein Unrecht, denn wir haben ihn geschaffen und nicht irgend ein anderer. Halten Sie eins als Richtschnur fest: Das E. A. C. muss so ausgestattet sein, dass die Möglichkeit einer Defizitwirtschaft aufhört, wenn das E. A. 0. sieb an das ihm bewilligte Budget hält; und darum vergessen Sie nicht Ihre Rechte als Kongress. Der Kongress muss <las Budget fesisetzen, natürlich in sehr grossem Rahmen; aber dann müssen Sie auch dem E. A. 0. das Geld zur Verfügung stellen, das Sie ihm bewilligen, und ich glaube, auch dafür wird sich auf diesem Kongress ein Weg finden lassen. Noch eins: Es ist die Idee aufgetaucht, dass man das E. A. C. im wesentlichen aus den Vertretern der grossen Institutionen zusammensetzt. Diese Jdee hat etwas Bestechendes, aber es lauert da eine Gefahr. Wer an der Spitze einer geldbesitzenden Institution steht, der fühlt sich als Schatzmeister, der sorgt für seine Institution. Das E A 0. kann aber nicht die Rolle des Schatzmeisters spielen, sondern wer etwas tun und schaffen will, der muss G-eld ausgeben. Wer in sein Geschäft kein Kapital hineinsteckt und nichts riskiert, der kann auch nichts herausholen, und man kann keine Propagande machen, wenn man nicht in diese Propaganda Geld hineinsteckt und riskiert. Wir haben 14 Jahre Propaganda gehabt und einen Fonds dazu gehabt. Wir sind verwöhnt worden von Dr. Herzl; aber wir wollen nicht herabsinken auf den Standpunkt anderer jüdischer Organisationen, die nur reiche Leute an ihre Spitze stellen. Das sind unsere Aufgaben. Die Personenfrage ist wichtig und letzten Ende9 setzt sich eine Parteileitung aus Personen zusammen; aber das wichtigste ist, dass wir ums in diesen Kragen wieder gewöhnen, ein Prinzip festzustellen. Dann werden wir nicht mehr erleben, dass jahrelang ständig mit A und mit ß gesprochen und gekämpft wird; denn dann hat man das Prinzip aufgestellt, und für die Bewegung finden sich Männer. Unsere Bewegung ist nicht so, dass wir satt und zufrieden auf unsere Erfolge sehen. Das dürfen wir niemals, denn nur durch die Unzufriedenheit schaffen* wir uns selbst und schaffen wir Neues. Aber wir dürfen uns im stillen Kämmerlein wohl sagen, dass wir in diesen Jahren vorwärts gekommen sind, dass der Kreis unserer Mitarbeiter sich vergrössert hat, und dass unsere Lage von Jahr zu Jahr weniger unangenehm werden wird. Halten Sie daran fest, dann wird dieser Kongress tatsächlich sich als der Anfang einer neuen Entwicklung darstellen. (Beifall.) Del. Dr. Feiice Ravenna (Ferrara) Im vorigen Jahre stand in italienischen Zeitungen die Nachricht, dass türkische Pressorgane ausdrücklich zu dem Zwecke von den Zionisten subventioniert werden, um einen systematischen Kampf gegen Italien und die italienischen Interessen in der Türkei zu fuhren. Diese Meldung hat unter den Zionisten in Italien ein um so grösseres Aufsehen gemacht, als wir nicht vergessen, wie gross die Sympathien waren, welche die zionistische ßew gung und ihr grosser Führer bei der italienischen Regierung stets gefunden ha'»en. Ich erlaube mir im Namen der italienischen Zionisten und sicherlich im Namen der allgemeinen Interessen des Zionismus den Wunsch auszusprechen, dass von der Kongresstribüne aus offiziell und feierlich diese falsche Meldung dementiert werde, und dass die Leitung unserer Bewegung in bestimmtester Weise erkläre, der Zionismus habe niemals eine feindselige Stellung gegen Italien oder die italienische Regierung eingenommen Präsident Wolffsohn: Geehrter Kongress! Herr Ravenna fragte, ob wir Zionisten, der offizielle Zionismus sich feindselig gegen Italien und seine Regierung stelle. (Heiterkeit.) Sie lachen mit Recht, meine Herren. Denn nicht nur, dass wir nicht feindselig gegenüber Italien und seiner Regierung und seinem König sind: wir haben alle Ursache, die grössten Sympathien für Italien zu haben. Wir können nur wünschen, dass alle Juden in allen anderen Ländern so behandelt werden wie unsere Brüder in Italien. Wir könnten nur wünschen, dass alle Fürsten der Erde so denken würden und so handeln würden wie der König von Italien. Von unserer Seite, wenn wir uns über Italien äussern, können es nur Sympathien sein; und we.m eine Zeitung in Konstantinopel, die auch für uns freundliche Artikel geschrieben hat, Artikel gegen die italienische Regierung schrieb, so können wir es nur bedauern, aber wir sind gar nicht in der Lage, an dieser Sache etwas zu ändern. Von unserer Seite, Monsieur Ravenna, wird niemals irgend etwas Feindseliges gegen Italien ausgehen. (Der Kongress bekräftigte diese Erklärung des Präsidenten des A. C. Satz für Satz durch stürmischen Beifall.) Dr. Jacob Nacht (hebräisch): Ich spreche hebräisch nicht als Demonstration, sondern weil jeder Zionist hebräisch sprechen sollte. Das Hebräischsprechen. ist eine Tat und ein Prüfstein für unsere wirkliche Anhänglichkeit an unsere Nationalidee. Es sind hier, mehr vorbeigehend, manche Aeusserungen gefallen über die jüdische Erziehung?- und Kulturfrage. Vielfach wurde dauei Unwillen geäussert. Ist es aber möglich, auf dem Kongress nicht hebräisch zu sprechen? Zionisten ohne Kultur gleichen einer Rabbinerkonferenz ohne Religion. Man hat hier das hebräische Gymnasium erwähnt. Ich spreche hier nicht als offizieller Misrachist, sondern als gewöhnlicher Zionist. Ich glaube nicht, dass Dr. Mossinsohn wirklich das Gymnasium religionslos machen will. Man kann aber von ihm fordern, dass er als Lehrer mit den Schülern keine Bibelkritik treibe. Gerade in Palästina müssen wir eine religiöse Erziehung unserer Jugend fordern, da die Religion unser Volk erhalten bat. Präs. Dr. Bodenheimer schliesst mit einigen geschäftlichen Mitteilungen die Sitzung. Nächste Sitzung morgen. Schluss 7 Uhr 10 Min. Dritte Sitzung, Donnerstag, den 10. August, Vormittags 10 Uhr. Präsident Max Nordau (vom Beifall empfangen) eröffnet die Sitzung und erteilt dem Del. Dr. Nacht das Wort zu folgender Erklärung: Del. Dr. Nacht: „Ich erkläre hiernit, dass ich meine gestrige Rede in meinem eigenen Namen gehalten habe, der Misrachi hat mich dazu nicht beauftragt. Mit meiner gestrigen Warnung vor einer Spaltung wollte ich lediglich auf ein Gespräch anspielen, das icb mit einem philoniisrachistischen Delegierten hatte, der unter anderrn für den Trennungsgedanken eintrat, was ich als sehr schädlich erachte. Soweit ich orientiert bin, hegt der Misrachi die zuversichtliche Hoffnung, dass in den schwebenden Fragen eine Einigung mit der allgemeinen zionistischen Organisation erzielt werden wird.* Sekretär Dr. Rosenblüth verliest eine grosse Anzahl von Begrüssungen. Die Permanenzkommission schlägt vor, eine Palästinakommission zu wählen mit folgender Liste: Die Mitglieder des E. A. C und des Präsidiums des Kongresses, ferner die Herren Scheinkin, Dr. Jakob Thon, Kessler, Katzenelsohn, Simon, Boris Goldberg, Dr. Pasmanik, N. Sokolow, J. Cowen, L. Motzkin, H. York-Steiner, Dr Haussmann, A. Böhm, M. D. Horowitz, H. Struck, S. Kaplansky-Kaplan, H Schein, A. Podlischewsky, S. Gronemann, D. Levontin, Glücksohn, ßezalel Jaffe, Bouchrnill, Dr. Mossinsohn, Swerdlow, Professor Gottheil, Halpern, Moser und Laskar.