Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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804 'NESSELT No. 32 sierung ist eine Zionisierung. Es gibt keinen Nationalismus ohne Zionismus. (Beifall.) Auch die Kulturbewegung ist von der Leitung nicht mit Herz und Liebe umfasst worden, sonst hätte keine eigene hebräische Organisation entstehen müssen. Dann die E m i g r a t i o n s f r a g e : die heute das soziale Leben des Judentums am stärksten berührt, die eine Tagesfrage ist, sie befindet sich ja in einer Krise, die mit dem bekannten Worte: wohin? bezeichnet wird. Diese Emigrationsbewegung, die heute eine reale Macht ist von einer Stärke, wie keine andere Macht des Judentums, muss zu einer Zionisierung der Juden führen, zur Erkenntnis, dass sie der Türkei zustrebt. Zu der Stellung des Zionismus im Judentum gehört vor allem auch das Auftreten der Bewegung nach aussen. Jch halte es nicht für angängig, dass wir immer über unsere Schwäche jammern. Wir sind nicht schwach. Wir haben recht wenig Mittel, wenig Menschen, aber wir besitzen die letzte Wahrheit des Judentums, und deshalb sind wir stärker als jede andere Macht im Judentum (Beifall); und dieses Selbstbewusstsein muss uns durchdringen, muss uns eine ruhige Sicherheit geben und ein würdiges Auftreten nach aussen verleihen. Dazu gehört in erster Linie auch unser Zentralorgan. Die „Welt" muss jedem Aussenstehenden zeigen, "wie wir es uns vorstellen. Sie darf nicht fortwährend denen das Wort geben, die den Zionismus verkleinern und verseichten, die sich gegen den Nationalismus im Zionismus aussprechen u. s. w. Zu diesem Auftreten nach aussen gehört vor allem auch der Kampf mit der Assimilation. Es ist da eine ganz merkwürdige Schlangenlinie zu bemerken. Für den Zionismus gibt es keinen Frieden mit der Assimilation; sie ist unser schlimmster, unser einziger Feind. Sie ist die Verneinung des Willens zum Judentum. (Zustimmung.) Durch dieses Auftreten nach aussen sind wir zu einer Partei innerhalb des Judentums geworden. Wenn Herzl sprach, dann hatte jeder das Gefühl : hier spricht das Gewissen des Judentums 1 W^arum sind die Gegner jetzt so friedlich? Weil wir sie in Frieden lassen, weil sie glauben, dass wir nicht mehr das Gewissen und nicht mehr der Kopf des Judentums sind. Und es gehört dazu noch eins : die Anforderungen an die einzelnen Zionisten. Man hat, um den Zionismus zu verbreiten, gegen seine Tiefe gesündigt. Man darf nicht vergessen, dass der Zionismus auch eine individuelle persönliche Angelegenheit ist, eine persönliche Weltanschauung und eine schwere Pflicht des Zionisten. Alle grossen Umwälzungen sind nie anders vor sich gegangen, als dadurch, dass eine ganz kleine Schar Männer unbedingt und radikal bis zum Aeussersten war, dass an ihnen alles zerschellt ist und dass sich dann die Umwelt zu ihnen herüberentwickeln musste — nicht umgekehrt 1 Nicht wir haben uns anzupassen, nicht wir haben Wasser in unseren Wein zu schütten und zu sagen : wer eine Krone zahlt, ist Zionist l (Beifall t) Man kann nicht schwer genug auf den einzelnen Zionisten auflegen, und namentlich nicht schwer genug auf die Jugend. Man muss sagen: Der Zionismus ist eine sittliche Forderung, zunächst an mich selbst. Statt dessen vernehmen wir in der „Welt" aus dem berufensten Mund, dass die Zionisten, die nach zionistischer Konzentration streben, den Zionismus zum Mittelpunkt ihrer Weltanschauung machen, auf Nebenbahnen gehen. Auch das lehne ich ab. Und nun die Frage der Palästinaarbeit, und zwar ganz prinzipiell. Ich wiederhole, dass wir es waren, die die praktische Palästinaarbeit durchgeführt haben; aber auch hier ist man prinzipiell auf einem unrichtigen Standpunkt. Gewiss ist jede Kolonie in Palästina von grossem Wert, und wir sind die letzten, die das nicht zugeben; aber auch in Palästina hängt alles ab von dem Geist, der unser Volk beseelt. Es handelt sich darum, dass unser Volk in Palästina kulturell und sozial neuschöpferisch wirkt, und dazu kann es nur eine geistige Kraft befähigen, nur darin liegt die Zukunft in Palästina. Man hat heute früh gesagt, dass wir zur Einheit zurück müssen. Ich bin vollständig damit einverstanden. Wir haben aber zwei Zionismen, und der Gegensatz ist uralt. Aber wenn man zur Einheit will, so kann sie nicht geschaffen werden dadurch, dass der eine Teil alles ausschaltet, was dem anderen Teil nicht passt, um eine ganz verwässerte Basis für den Gesamtzionismus zu schaffen. Die Einheit, die wir anstreben, kann nichts anderes sein, als eine höhere Synthese beider voll berechtigten Ideen. (Lebhafter Beifall.) Dr. Daiches : Heute sind wir nicht zum Anklagen aufgelegt, heute sind wir nicht zum Anklagen hier, und deshalb bedaure ich, dass Herr Böhm einzelne Teile seiner Rede gehalten hat. Heute und schon Tage und Wochen haben wir gesehen, dass wahrscheinlich der zehnte Kongress uns endlich Einigkeit und endlich Frieden bringen und uns endlich zur positiven Arbeit führen wird. Genug der Stürme, genug der Schlacht, jetzt wollen wir uns zusammentun, um weiter positive Arbeit zu leisten. (Lebhafter Beifall.) Und wer kann es nicht sehen, dass heute eine Jubelstimmung den Kongress durchstimmt. Es ist der zehnte Kongress, und es soll einen Versöhnungskong r e s s geben. Unsere Weisen sagen, dass es keine schöneren Tage gab im alten Israel als der 15. Ab und der Tag der Versöhnung; heute haben wir den 15. Ab und den Tag der Versöhnung (stürmischer Beifall), und das ist ein schönes Omen. Die Jahreskonferenz in Berlin hat uns den Weg geebnet, hat Beschlüsse gefasst, die die vollständige Einigkeit und vollständigen Frieden in unserer Bewegung herstellen müssen. Deshalb in diesen Kongress keinen Ton der Disharmonie hineinbringen, nur Harmonie, nur Einigkeit I (Beifall.) Die Ica wurde erwähnt, andere Organisationen; ich frage Sie : wann hat eine jüdische Organisation solch einen Bericht. zusammenstellen können wie diesen hier? (Beifall.) Deshalb wollen wir heute Einzelheiten des Berichtes, die Tätigkeit des A. C. nicht kritisieren. Nur mit zwei Punkten befasse ich mich ganz kurz. Der erste Punkt nimmt im Berichte nur zwei Seiten ein, die beiden ersten und vielleicht die wichtigsten in einem gewissen Sinne. Wir haben heute von unserem Präsidenten und von Dr. Max Nordau gehört, wie die Lage in der Türkei ist. Vor einigen Tagen habe ich die Gelegenheit gehabt, während des Bassenkongresses in London mit einem Mitglied des Parlaments in Konstantinopel eine Unterredung zu haben. Ich habe aus seinen Worten entnommen, dass die allergefährlichsten, die allerbösesten Miss Verständnisse im türkischen Volke verbreitet werden über das Wesen des Zionismus. Der Zionismus wolle Mesopotamien, er wolle Ländereien der Türkei wegnehmen — Palästina wird eigentlich kaum erwähnt, nur erwähnt als noch ein Land, das die Zionisten, die soviel Geld haben, den Arabern und Griechen u. s.w. wegnehmen wollten! Und als ich dem Herrn auseinandersetzte, dass die Zionisten nur wollten, dass eine Anzahl von Juden angesiedelt werden, als türkische Bürger, da sagte er : Ich weiss es wohl, aber die Völkermassen wollen es nicht wissen. Und er sagte dann weiter : Wie wollen Sie, dass wir dem Zionismus günstig gesonnen sind, wenn Ihre eigenen Brüder, Ihre eigenen Juden alles Mögliche gegen den Zionismus tun in der Türkei und bei der türkischen Regierung? Wir sehen, dass das A. C. sich sehr lebhaft dessen bewusst ist, dass es eine grosse Aufgabe ist, das türkische Volk aufzuklären. Ich möchte es nur betonen und jedem einzelnen von euch einprägen, dass er es zur noch grösseren, zur heiligen Aufgabe des A. C. machen soll, alles Mögliche zu tun, um über den Zionismus das türkische Volk aufzuklären. Denn das ist in der Tat die wichtigste Frage im Zionismus. Es ist übrigens nicht die Alliance Israelite als Ganzes, sondern das gegenwärtige Regiment der Alliance, das die bekannten Böswilligkeiten verübt hat gegen den Willen und gegen das Wissen der Majorität der Mitglieder der Alliance. (Beifall.) Ueber die Arbeit in Palästina zu sprechen, ist nicht so sehr notwendig, da wir wissen, dass nahezu soviel wie möglich da geschieht. Nur einen Punkt erwähne ich, nicht um einen Funken in die Versammlung zu werfen, sondern um ein reines Gewissen zu haben. Herr Böhm hat mit Recht gesagt, dass wir vor allem jüdische Kultur in Palästina pflanzen und fördern wollen. Selbstverständlich; aber wir müssen dafür sorgen, dass die Kulturpflanzung richtig geschieht. Vor kurzer Zeit geschah etwas in Süddeutschland, was nicht sehr angenehm war, die Affair e Mossinsohn-Misrachi. (Zuruf: Lassen wir das I) Ich bin der Allerletzte, der den Misrachisten, die diese Szene gemacht haben, irgend Beifall gibt, im Gegenteil, ich bedaure diese Vorfälle. Aber die Leitung der Organisation muss dafür sorgen, dass das Gymnasium in Jerusalem und die anderen zukünftigen Hochschulen in jüdischem Gfliste geleitet werden. (Lebhafte Zustimmung.) Wenn ich Bibelkritik treiben will, dann gehe ich nach Göttingen, aber nicht ans Gymnasium in Jerusalem. (Heiterkeit.) Die in Palästina wollen die Bibel echt und echt wissenschaftlich lernen und das heisst, dieBibel jüdisch lernen und die Bibel in echt jüdischem Geiste den Kindern beibringen. Herr Böhm sprach über die Existenzberechtigung des jüdischen Volkes. Welcher Ansicht Sie auch seien, welcher Schattierung Sie auch angehören, Reform oder orthodox : wenn wir nur das richtige Verständnis für Israel und seine Geschichte haben, dann müssen wir uns sagen, dass die Bibel doch die Basis der jüdischen Existenz bleibt. (Beifall.) Ohne die Bibel wären wir heute nicht ein Volk Israel, sondern Nomaden. (Beifall und Zurufe : Wir sind hier doch nicht in einer Volksversammlung!)