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Die Welt · 1911-08-04 · 31 (4.8.1911) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
31 (4.8.1911)
Date
1911-08-04
Page
– (sequence 20)
Language
German
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770 DIEÄELT No. 31 als der Mutter plötzlich einfiel, es könne sich nur um einen Ritualmord handeln, und sie auf die Straße hinauslief mit dem Geschrei, die Juden hätten ihr Kind gestohlen. Bald sammelte sich ein Menschen-' häufe um diese intelligente Vertreterin orientalischen Germanentums an, der freilich die Sache nicht recht ernst nehmen wollte. Endlich gefiel es dem Kinde, ganz vergnügt wieder nach Hause zurückzukehren, womit die merkwürdige Ritualmordaffäre ihr frühzeitiges Ende nahm. Die Herzlfeier Am vorletzten Sonntag hat in der aschkenasischen Synagoge der „Tofre Bagadimu eine würdige Zeremonie zum Gedächtnisse Theodor lierzls stattgefunden. Das Gotteshaus war stark besetzt, die Säulen waren mit schwarzem Flor umwunden. Der Kantor eröffnete die Feier mit dem Vortrage des Psalms „AI nahorot babel", dann bestieg der Präsident der Gemeinde, H. G. Reisner, die Kanzel zu einer Rede in französischer Sprache, die ein prägnantes Bild des Verewigten entrollte. Nach einem weiteren Gesangsvortrage des Kantors hielt der Rabbiner der aschkenasischen Kultusgemeinde, Dr. D. F. Markus, eine großangelegte Rede, die die Wirkung Herzls auf sein Volk, insbesondere die Macht seines persönlichen Glaubens an die Verwirklichung unseres Ideals, schilderte. Der „El mole rachamim" schloß die einfache, aber eindrucksvolle Feier. Auch der Verein „Bn6 Israel", Abteilung Pera, veranstaltete am selben Tage eine Gedächtnisfeier. Die Situation der Alliancelehrer Eine Ahnung von der Art der gegenwärtigen Verwaltung des Alliancescliulwesens im Orient gibt die „Revista Populär" in einer ihrer letzten Nummern, indem sie die Gehaltsordnung der Alliancelehrer einer Betrachtung unterzieht, die sehr lehrreich erscheinen muß. Mit Ausnahme einiger weniger, so ergibt sich aus den Ausführungen, sind fast alle einheimischen Alliancelehrer, beispielsweise in Saloniki, zu einem recht elenden Leben gezwungen. So gibt es dort u. a. vier Lehuer, die 15 Jahre Dienst hinter sich haben und doch zur Erhaltung ihrer drei bis neun Köpfe betragenden Familie nur ein Gehalt von 330 bis 416 Piaster, d. i. 55 bis 75 Mark, monatlich beziehen. Bei solchen Hungerlöhnen wird die Bewegung unter den Lehrern, von der vor einiger Zeit die Rede ging, zur Aufbesserung ihrer Lage recht verständlich. Bisher ist jedoch die Massenpetition der Konstantinopeler Alliancelehrer vom Pariser Komitee noch keiner Antwort gewürdigt worden. Aus dem Qroßrabbinate Die Streitfrage der Sabbathruhe der jüdischen Soldaten, die gegen ihre christlichen Kameraden, denen der Sonntag freigegeben wurde, nicht zurückstehen wollen, hat trotz des Eintretens Rabbi Nahums noch keine befriedigende Lösung gefunden. Der Kriegsminister Mahmud Schefket Pascha hat bisher nur das Zugeständnis machen wollen, zwei Sabbathstunden für die jüdischen Soldaten freizugeben; aber der Großrabbiner nahm diesen Vorschlag nicht an. Ein Ministerrat wird nunmehr über die Sache entscheiden. Zur Nationalisierung der Schulen In Haidar Pascha, dem Sitze des hiesigen Assimilantentums, hat vergangene Woche eine Veranstaltung in der Gemeindeschule stattgefunden, die beweist, daß die nationale Strömung in den hiesigen Schulen langsam, aber stetig Raum gewinnt. Es wurde eine feierliche Preisverteilung vorgenommen, der der Großrabbiner Chaim Nahum beiwohnte. Eine Reihe höherer türkischer Beamter, an ihrer Spitze der Gouverneur von Skutari, waren anwesend, und es hatte unter anderem der Klub „Union et Progres" des Bezirks Kadiköj, zu dem Haidar Pascha gehört, Preise für die auszuzeichnenden Schüler gestiftet. Der Großrabbiner wurde bei seinem Eintreffen durch ein Orchester begrüßt, das die Hatikwah intonierte. In seiner Festrede betonte der Direktor der Anstalt, Herr Gheroti, daß es sich in der Schule darum handle, ihre Zöglinge nicht nur fürs praktische Leben gut vorzubereiten, sondern sie auch zu vorzüglichen Staatsbürgern zu machen, vor allem aber auch sie zu guten Juden zu erziehen, die stolz sein sollen auf ihre Vergangenheit und würdige Vertreter ihrer Nation in der Gegenwart, im Besitze ausreichender Kenntnis ihrer Geschichte und ihrer nationalen Sprache, des Hebräischen, die ihnen als lebende Sprache gelehrt wird. Die dann folgenden Vorführungen der Schüler bewiesen, daß es der Schule mit diesem Programme ernst ist. Es kamen unter anderem hebräische Stücke und Lieder zu ausgezeichnetem Vortrag, und es wurde ein kleines hebräisches Theaterstück aufgeführt, das lehhaften Beifall entfesseltete. Eine kurze Rede des Gouverneurs Falk Bej bewies, daß die aufgeklärten Türken das Schulwerk, von dem ihnen da eine Probe gezeigt wurde, mit großem Vertrauen begrüßen und die Verschmelzung des echt jüdisch-nationalen Geistes mit der patriotischen Erziehung als etwas Natürliches empfinden. Palästina Annahme des türkischen Bürgerrechtes In Jaffa haben mehrere höhere Beamte erklärt, daß, falls sich eine größere Anzahl ausländischer Juden mit dem Ersuchen an ■die Regierung wendet, ihnen das türkische Bürgerrecht zu verleihen, sie bei der Regierung großes Entgegenkommen finden werden. Ein Beamter fügte hinzu, daß sich der neue Gouverneur, der jüngst nach Jerusalem kam, besonders mit der Frage der Ottomanisierung der ausländischen Juden befassen wird. Wahl eines Waad Hair in Haifa Endlich ist in Jaffa wieder gemeinsam von den aschkenasischen und sephardischen Juden ein Waad hair gewählt worden. Dem neuen Waad gehören an: Dr. E. Auerbach, Direktor Kaisermann von der Anglo Palestine Company, ferner der Leiter der hiesigen Allianzschule und noch andere angesehene Männer unserer Gemeinde. Der Waad hat bereits seine Arbeit begonnen, und es ist zu erwarten, daß er eine nutzbringende Tätigkeit entfalten wird. Eine Protestversammlung in Jaffa Vor kurzem fand in der Synagoge K'hillath Jakob in Jaffa eine Protestversammlung statt, die sich gegen die öffentliche Entweihung des Sabbats durch die Teilnehmer einer in Ein- Gannim bei Petach-Tikwah abgehaltenen Konferenz jüdischer landwirtschaftlicher Arbeiter richtete. Nach der Eröffnungsrede des Vorsitzenden Herrn Josef Lipschitz ergriff der Jaffaer Rabbiner A. J. Kuk das Wort und führte unter anderm folgendes aus: „Es ist sehr bedauerlich, daß jüdische Arbeiter, die die Wiederbelebung des palästinensischen Bodens zur Aufgabe haben sollten, die jüdischen Gesetze nicht nur nicht zu schätzen verstehen, sondern sie sogar öffentlich und rücksichtslos verletzen. Mit großem Schmerze unterziehen wir uns der Pflicht, unser Bedauern über diese Vorfälle auszusprechen, die nur dazu angetan sind, das palästinensische Kolonisationswerk zu schädigen. Indem wir diese Pflicht ausüben, dürfen wir jedoch nicht vergessen, daß es sich hier um einen Bruderkainpf handelt, der nicht zu weit getrieben werden darf. Die Sünden, die an dem jüdischen Volk und an seinen palästinensischen Idealen durch die unverantwortliche Handlungsweise eines -gewissen Teiles der jüdischen Arbeiterschaft begangen wurden, müssen gerügt werden. Doch müssen wir diejenigen, die gefehlt haben, brüderlich behandeln und ihr Vergehen nachsichtig beurteilen. Jedenfalls wünschen wir, daß dieser bedauerliche Vorfall nicht zu einem dauernden Zwiespalt in der jüdischen Kolonisation führen möge." Nach Rabbiner Kuk sprachen noch Herr Frumkin, Schriftsteller A. S. Rabinowitz, Rabbiner Horowitz und mehrere Herren aus Pethach-Tikwah und Jerusalem. Es gelangte sodann folgende Resolution zur Annahme: „Die Versammlung spricht ihr tiefes Bedauern aus über die öffentliche Versammlung, die die jüdischen Arbeiter der Kolonien am Schabuothfeste und am darauffolgenden Sabbat in Ein-Gannim abgehalten haben. Abgesehen davon, daß viele von ihnen am Festtage und am Sabbat zur Versammlung geritten kamen, benahmen sie sich in der Versammlung selbst wie an einem Werktage und entweihten die Sabbat- und Festruhe durch Schreiben von Protokollen, usw., ohne an die schädlichen Folgen derartiger Handlungen zu denken, die geeignet sind, das ganze Kolonisationswerk in empfindlichster Weise zu schädigen und bloßzustellen. Die Versammlung spricht auch ihre Entrüstung aus über die öffentliche Verletzung der Religionsvorschriften und Entweihung des Sabbat in den palästinensichen Städten, was zu einer vollständigen Entzweiung unserer Brüder und zu einer erbitterten Stimmung unter den gesetzestreuen Juden Palästinas führen muß. Die Versammlung protestiert ferner gegen eine Gruppe von Lehrern des hebräischen Gymnasiums, die es sich zur Aufgabe gestellt haben, die Ehre unserer Thora und unserer Propheten in den Augen der heranwachsenden Jugend herabzusetzen und auf Grund einer aus nichtjüdischen Quellen schöpfenden Kritik die Bibel ihres heiligen Charakters zu entkleiden. Auch haben die Lehrer des Gymnasiums durch Einrichtung gemeinschaftlicher Unterrichtsklassen für beide Geschlechter denu beigetragen, die jüdische

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