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Die Welt · 1911-08-04 · 31 (4.8.1911) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
31 (4.8.1911)
Date
1911-08-04
Page
– (sequence 19)
Language
German
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No. 31 DIE^gELT 769 Möbeln, Büchern, Betten und Kindern zusammengeworfen liegen, um bald wieder aufgerafft und weiter ostwärts geflüchtet zu werden. Frauen, die Haare zerrauft, aber in seltsam starrer Ruhe, ohne Tränen und Schreien, hocken auf dem elenden Rest ihrer Habe, säugen Kinder und starren hinüber in die FJamme, die das ihrige schon gefressen hat und immer noch gefräßig näher und näher kommt. Hie und da schlagen wuchtige Kolbenstöße ein Fensterkreuz oder eine Schaufensterscheibe ei»9 um freieren Ausgang für das Hausgerät zu schaffen. Mit fiebernder Hast stürzen aufgeregte Hände einen Schrank, eine Truhe aus «ien Fenstern der Oberstocke hinab auf die Gasse, wo sie mit donnerndem Gepolter zerschmettern und eine weitere Rettung überflüssig tiiichen. Ein Mann trägt eine sterbenskranke Großmutter durch die IVkmschenflut hindurch, um ihr in einem sicheren Hause eine neue Li egestatt zu schaffen. Große Brüder ziehen ganze Bündel kleiner Geschwister hinter sich her, um sie am Strande in einem Kaik zu verladen und nach Hasköj hinüberzubergen. Und aus einer schnuaHen Gasse kommt ein ganz besonderer, mit Scheu betrachteter Zug: Männer, die aus den Synagogen die Thorarollen gerettet haben und sie nun in entferntere Gotteshäuser überführen. In ganz Balat und im ganzen griechischen Fener, dem nächsten vom Unheil betollten Viertel, gibt es kein Haus, aus dem nicht eifrig ausgeräumt würde, keine Gasse, die nicht schwarz wäre von wimmelnden Menschen. Das ganze Goldene Horn ist gespickt von beladenen Bartai, Hasköj und Balat sind Brüder. Brennt es in Hasköj, so fin iet alles Zuflucht in Balat, brennt Balat, so öffnet Hasköj die gastlichen Arme. Und so schlägt das Unglück eine Brücke über das weit*e Wasser, das zwei Familien desselben Brudervolkes trennt. Mit starrem, stumpfem Gesichtsausdruck sitzen die Flüchtigen zusammengepfercht in den Kähnen, die wie schwarze Schatten dahingleite über p"as in der herabsinkenden Dämmerung gleißende Wasser. Während der ganzen Fahrt schaut niemand zurück auf die brodelnde, finstere Zerstörung; nur wenn sie landen, trifft noch ein entsetzter Blick die zuckenden Flammen und den finsteren, wilden, immer noch drohend vorwärts greifenden Rauch darüber. Gegen 11 Uhr abends endlich hörte der Wind auf, die Flammen kamen zum Stehen, und der Rest des Ortes wurde gerettet. Die Teilnahme der Bevölkerung an «tem Brandunglück war eine außerordentliche. Der Sultan entsandte seinen ersten Adjutanten auf die Brandstätte, auch der Großwesir und der Minister des Innern waren zur Stelle. Der Großrabbiner lud die hiesigen Ttreine zu einer Besprechung über gemeinsame Hilfeleistung ein, ebenso wurden sämtliche Vorstände der Teilgerneinden der Stadt zusaitimenberufen. Der Medschliss dschismani begann mit einer ersten Spem de von 200 Pfund, die dem Großwesirate übergeben wurden. Der Riesenbrand von Ost-Stambul Das Brandunglück von Montag war nicht das einzige, das in diesen Tagen Konstantinopel betroffen. Tags zuvor schon war der östliche Teil von Stambul von einer nc«fli furchtbarem Katastrophe heimgesucht worden. Das ganze GescUftsquartier in der Nähe des Kriegsministeriums mit dem Gebäude des Generalstabes in der Mitte, und an anderer Stelle ein Häuserkomplex von über 2000 Gebäuden sind von den Flammen in Asche gelegtt worden. Es ist vielleicht die größte Feuerkatastrophe gewesen, dte die Geschichte von Byzanz und Stambul jemals gesehen. Der Anblick der lodernden Stadt vom Meere aus war unbeschreiblich. Das Elend der heimgesuchten, rein muselmanischen Bevölkerung ist hiw noch viel größer, da man unter den Mohammedanern viel weniger praktisch denkt und darum in viel geringerem Grade durch Versichennng gedeckt war. Es haben also alle Elemente unserer Stadt in glekfier Weise das Unglück zu beklagen. Die verworrene politische Situation, die fanatische Erregung der Parteien, der Fall der Katastrophe just auf den Tag des Jubiläums der Konstitution, die am Sonntag sich zum dritten Male jährte, der gleichzeitige Ausbruch der Brände an [mehreren Stellen und ihre beängstigende Anzahl im Laufe der zwei Tage (auch in Skutari und an andern Orten der Stadt ertönte ler Feuerruf), das alles hat dazu beigetragen, an böswillige Brandstiftung, womöglich gar vorbereitet von reaktionären Politikern, zu glauben. In der Tat ist das in Konstantinopel ziemlich allgemeine Meinung. Die offiziellen Kundgebungen der Regierungsbehörden, die das Gegenteil versichern und die Verbreitung aufregender Gerüchte mit schwerer Strafe bedrohen, werden als Maßregeln zur Aufreehterhaltung der Ruhe aufgefaßt, aber nicht als unbedingte Verkündigungen der Wahrheit. So hat denn, selbst wenn^ die beängstigenden Annahmen der Bevölkerung unrichtig sind und all die Brände und ihre furchtbare Ausdehnung lediglich unglücklichem gafalle zuzuschreiben sein sollen, das Unheil vom 23. und 24. Juli zur Vergrößerung der Beunruhigung im Volke beigetragen. Die Phantasiebegabten denken an die voraufgegangenen Brände des Parlaments in TschLragan und der Hohen Pforte und können schwere Besorgnisse rai cht unterdrücken. Die Naiven glauben vielfach an eine Strafe Gottes für die Einführung der neuen Verhältnisse in das türkische Land. „Allah verbrennt uns!" so rief angesichts des Feuers ein Türke aus, und das ist weitverbreitete Stimmung. Jedenfalls Iwin Faktor zur Besserung und Befestigung der so bedrohten und schwankenden Situation. Für alle Fälle hat die Regierung ihre Vorsichtsmaßregeln getroffen. Die Gendarmerie in der Stadt ist stark vermehrt worden. Patrouillen durchziehen die Straßen, nachts leuchten die Scheinwerfer der Kriegsschiffe die Brandstätten ab nach raubendeta Gesindel, zahlreiche Schubs Vagabunden werden gefangen gesetzt oder aus der Stadt gewiesen. Hoffentlich genügen diese Vorkelwungen, um Ruhe und Ordnung ganz wieder herzustellen und die Furcht vor reaktionären Überraschungen und Taten anarchischer Natur baldigst wieder zu zerstreuen. Hilfe für die Abgebrannten Die jüdische Solidarität hat sich gegenüber dem grooßen Brandunglücke wieder glänzend bewiesen. Der erste auf dem Platze war der Hilfsverein der Deutschen Juden, der auf tele^raphisehern Wege vorläufig 3000 Francs anweisen ließ. Am Freitaag gelangte fast ein Drittel dieser Summe an die Ärmsten zur VerteiHung, damit ihre Not beim herannahenden Sabbat gelindert werde. 3Es war ein herzzerreißender Zug des Elends, der sich an die Verteilungsstelle heranbewegte und den halben Tag lang die Straße füllk- Die Not ist bedeutend größer, als zuerst angenommen worden wai, die Zahl der Versicherten durchaus nicht beruhigend. Die türkische Regierung hat höchst prompt und human die Initiative zur Organisierung der Hilfeleistung ergriffen, Sie hat schon am Dienstag nach dem Brande Soldatenzelte nach Balat entsendet, in denen seitdem die nicht in Häusern untergebrachten Familien kampieren. Dann stellte das Marineministeriani für die Abgebrannten ein geräumiges altes Kriegsschiff zur Verfügung, in das die unter den Zeiten Geborgenen übergeführt werden. Später werden drei weitere Kriegsschiffe folgen. Diest Maßregel, die den Obdachlosen bis zum Wiederbau der Häuser eine einigermaßen erträgliche Behausung verschafft, ist im Hinblick auf die Möglichkeit der Entstehung von Krankheiten, insbesondere der Verbreitung der wieder in der Stadt wütenden Cholera, getroffen worden. Sonderbarerweise scheinen die Armen eine Scheu davor zu haben, in die Kriegsschiffe einzuziehen, weil das Gerächt sich unter ihnen verbreitete, daß sie zur Quarantäne nach Kavak am Schwarzen Meere oder gar nach dem Yemen verschEfft werden sollten! Außer für Obdach hat die Regierung auch sofort nach dem Unglück für ausreichende Ernährung der Armen gesorgt, indem sie alltäglich große Quantitäten Brot, Oliven und Thee uacntgeltlich verteilen läßt. Es stellt sich heraus, daß nicht drei, sondern vier -Synagogen verbrannt sind. Die Schule des Hilfsvereins sowie dies Turnhalle des „Makkabi" sind vom Feuer verschont geblieben. Beide Lokalitäten sind ebenfalls den Obdachlosen zur Verfügung gestellt worden und mit Familien Abgebrannter gefüllt. Der wackere „Makkabi" hat sich in dem Unglück überhaupt durch seine vortreffliche Haltung ausgezeichnet. Wä hrend des Brandes haben seine Mitglieder in Balat nach Kräfte» an den Rettungsarbeiten teilgenommen; einer der ihrigen hat als Feuerwehrsoldat besondern Heldenmut bewiesen, indem er die Sifre" Thora aus der brennenden Synagoge „Chevra" rettete. Die ganze Woche hindurch waren sodann die jungen Leute mit der Aufstellung einer genauen Statistik der Verunglückten beschäftigt, d:ie nun der kombinierten Hilfsorganisation des Medschliß, der hiesigem jüdischen Vereine und der auswärtigen Hilfsgesellschaften als sichere Basis dienen kann. Diese Statistik ergab den Verlust von annähernd 400 jüdischen Häusern, der an 800 Fami lien d. h. 4000 Seelen betroffen hat. Der „Judio" veranstaltete zugunsten der Abgebrannten eine Sonderausgabe. Am Mittwoch entsandte der ökumenische Patriarch eine Delegation ins Großrabbinat, um diesem das Beileid der griechischen Gemeinde zu übermitteln. Das Großrabbinat übermittelte als einer der erste« Spender dem Großwesirate für den gemeinsamen Hilfsfonds einen Scheck auf die Anglo-Levantine-Banking Cie. im Betrage von eweihunder türkischen Pfund. Fast eine Blutbeschuldiguiig Das Kind des deutschen Musikers Lange in Kusgundschuk war aus dem Hause, seiner Eltern für eine Weile verschwunden,

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