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Die Welt · 1911-08-04 · 31 (4.8.1911) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
31 (4.8.1911)
Date
1911-08-04
Page
– (sequence 18)
Language
German
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768 , ÖIE% gediegenen Aufsätzen von hervorragenden Mitarbeitern, so besonders von Dr. Marguli es, Prof. Chajes, Prof. Finzi, Rechtsanwalt Ottolenghi, Aldo Sorani Dr. Umberto Cassuto, Rodolfo Lupu, Dr. Armando Sorani, Dr. Zoller, Dr. Prato usw., mit jüdischer Kultur und Literatur bekannt zu machen. So ist der größte Teil von Bialiks hebräischen Gedichten in italienischer Ubersetzung in der „Settimana" erschienen. Die Settimana sympathiesiert auch mit der nationaljüdischen Bewegung. So hat sie verschiedene Aufsätze von Herzl, Nordau usw. über den Zionismus veröffentlicht. Zusammenschluß der jüdischen Jugend Unter den vielen Leistungen der „Settimana" nehmen besonders die praktischen Anregungen einen rühmlichen Teil ein. Unter anderm verdient der letzte Aufruf der Settimana an die jüdische Jugend Italiens (Appello ai giovani) hervorgehoben zu werden. „Es gibt noch glücklicherweise in Italien" —so lautet der Aufruf — „viele junge Leute, die dem Judentum treu bleiben. . . Viele von diesen jungen Leuten fühlen für das Judentum eine Anhänglichkeit, die sie sich selbst nicht erklären können und sich zu gestehen zögern. Wer sich mit dem jüdischen Leben in Italien beschäftigt, kennt solche jungen Leute: er weiß, daß ihrer viele in Italien leben, die zu einer gemeinschaftlichen Arbeit herangezogen werden könnten, die in Zukunft Israel zur Macht und zum Ruhm gereichen könnten, wenn sich diese Jugend nur zusammenschließen wollte, um sich über ihre Ideen und jüdischen Gefühle gemeinsam auszusprechen. . . Und wir haben an ein Projekt gedacht, das uns wahrlich gut, originell und nötig scheint. Wir haben gedacht, die Idee eines Kongresses der jüdischen Jugend in irgendeiner italienischen Stadt öffentlich anzuregen, um eine Revue über die jungen Kräfte, auf die die religiöse und moralische Idee des Judentums zählen kann, zu halten. Der Aufruf führt weiter aus, daß an diesem Kongresse die jüdische Jugend aller Richtungen teilnehmen müßte; er soll die jüdische Jugend zu gemeinsamer Arbeit, besonders auf kulturellem Gebiete, zusammenfassen. Hoffentlich.wird es der Jugend gelingen, den Gemeinden des jüdischen dolce far niente wieder frisches Leben einzuflößen. England Das Leichenbegängnis des Rabbi Adler DieBeerdigung des Rabbi Ad ler fand in London am Donnerstag den 20: Juli statt. Der Leichenzug gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung der englischen Judenheit, die durch ihre besten Männer vertreten war. Unter den vielen hohen Persönlichkeiten, die dem Zuge in Wagen und zu Fuß folgten, befanden sich auch Lord Rothschild, Lord Swaythling, der neue Vorsitzende der Fiskusverwaltung, Sir Matthew Nathan, Zangwili, Rev. Gaster, der Bruder des Verstorbenen, Elkan Adler, Sir Francis Montefiore und der Postmeister Herbert Samuel. Auch die Heilsarmee war vertreten. Baron Alexander Ginsburg vertrat die jüdische Gemeinde von Petersburg. Ferner waren Delegationen der meisten jüdischen Gemeinden von England und New York und der Gemeinden Montreal, Sidney, Frankfurt a. M., Lemberg u. a. m. erschienen. Hunderte von Wagen begleiteten den Verblichenen zu seiner letzten Ruhestätte. Der Verkehr wurde überall, wo der Leichenzug passierte, eingestellt. Alle jüdischen Institutionen und Organisationen des In- und Auslandes waren durch Deputationen vertreten. Der König, der am Montag Blumen geschickt hatte, hatte sich durch einen Adjutanten vertreten lassen, der der Familie des Verstorbenen im Namen Sr. Majestät das Beileid ausdrückte. Beileidskundgebungen kamen auch von den höchsten Würdenträgern der anglikanischen Kirche. Die gesamte englische Presse widmete dem Verstorbenen spaltenlange Artikel und rühmte ihn als Juden und Patrioten. Ein Beileidstelegramm traf auch von Herrn David Wolffsohn im Namen der zionistischen Organisation ein. In seinem Vermächtnis vom 27. Februar d. J. drückt Rabbi Adler den Wunsch aus, sein Nachfolger möge sich die große Aufgabe vor Augen halten, die Ost- und Westjuden, die englischen und eingewanderten Juden einander näherzubringen. Der erste Vizepräsident der Vereinigten Synagogen von England hat eine Bekanntmachung erlassen, daß im nächsten Herbst die Ernennung eines Chiefrabbis erfolgen wird. Es wurde aber bereits dafür Sorge getragen, daß auch bis dahin die Amtstätigkeit des englischen Rabbinats in keiner Weise unterbrochen oder gestört werde. Zwei Rabbinatsassessoren (Djajanim) werden in Gemeinschaft mit dem Rabbinat die ihm obliegenden Funktionen bis zum Herbst verrichten. 'J L' [E LT - —■= No. 31 Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Balat in Flammen. Die Judenschaft Konstantinopels wurde vergangenen Montag von einem furchtbaren Unglück heimgesucht. Ein großer Teil des Vorortes Balat am Goldenen Horn, den etwa 15 000 jüdische Seelen bewohnen, ist vom Feuer vernichtet worden. Etwa 400 jüdische Häuser neben ebensoviel nichtjüdischen, drei Synagogen, die Alliance-,, Knaben- und Mädchenschule und zwei Talmud-Thoras sind dem Elemente zum Opfer gefallen. Mehrere tausend Personen sind ohne Obdach und entweder in Synagogen, Moscheen, Schulen und im Freien unter Zelten oder bei Verwandten provisorisch untergebracht. Der Materialschaden ist ungeheuer, doch glücklicherweise zum großen Teile durch Versicherung gedeckt. Immerhin ist unbeschreiblich viel Elend durch das Brandunglück über unsere hiesigen Brüder heraufbeschworen worden, und es wird der solidarischen Opferwilligkeit aller jüdischen Organisationen bedürfen, um nur das dringendste Leiden einigermaßen zu lindern. Das Feuer brach etwa zwei Uhr nachmittags in der Waschköche oder in einer der Armenbaracken hinter der Waschküche des Hospitals „Or-hachajim" aus. Das Unglück, des Tages war ein heftiger Wind, der gerade so wehte, daß er vom Goldenen Horn und von außerhalb der Stadt her die Flammen das Ufer entlang stadtein- und hügelaufwärts jagte. So strich denn die Lohe wie ein ungeheurer feuriger Besen die Meeresküste entlang über das unglückselige Häuserquartier dahin, der Anstrengungen der Löschmannschaften spottend, Glutgeschosse vor sich her auf nähere und fernere Gebäude vorausschleudernd, mit feurigen Armen über Straßen und Plätze hinweg nach immer neuen Häuseropfern langend, die sie in wenigen Stunden wie zerstampfte Saat hinter sich zurückließ. Um sieben Uhr abends, als wir die Stätte der Katastrophe aufsuchten, war alles westwärts von der Straße, die zur Anlegestelle am Goldenen Horn hinabführt, verloren. Soeben flammte die dritte Synagoge, ein schöner, erst unlängst renovierter Ziegelbau, in lodernden Flammen auf. Die Nachbarhäuser waren von ihren Einwohnern bereits verlassen; und schräg gegenüber war man noch bemüht, aus einem Spirituslager soviel als möglich des gefährlichen Zündstoffes zu entfernen. An der Straßenecke war ein starkes Aufgebot von Gendarmerie zu Pferde und von Polizisten zu Fuß, mit Peitschen bewaffnet, postiert, das niemand, auch die unglücklichen Betroffenen nicht, hindurchließ. Ein blasser Jüngling, die schweißtriefenden Haare tief ins Gesicht herabhängend, naht keuchend in hastigem Lauf, um noch schnell einen Wertgegenstand aus seinem Hause zu retten; „jassak!" schallt es ihm grausam entgegen und die peitschenbewehrte Hand erhebt sich vor ihm drohend. Die Pumpenmänner arbeiten rastlos, mit heroischer Hingabe, aber mit gleichgültigen Gesichtern, als ginge die Arbeit, die sie da verrichten, sie im Grunde gar nichts an. Der Rauch schlägt ihnen heiß und stickend ins Gesicht, so daß sie dem brennenden Hause den Rücken kehren müssen, das Holzwerk der Häuser, das von der Sommerglut ausgedörrt ist und die Funken auffängt wie Zunder, prasselt krachend nieder, die Scheiben der Nachbarhäuser obersten mit Klirren, die flachen Dächer sinken ein und durch die Öffnungen greift gierig das wütende Element hinein, um in wenigen Minuten auch hier die Zerstörung zu vollenden. „Zurück!" ertönt ein Kommando des Feuerwehrhauptmanns, die Spritze rollt ein Haus weit zurück, mechanisch nehmen die Pumpenmänner ihren neuen Platz ein, richten mechanisch die Wasserfluten ihrer Schläuche auf das nächste Haus, um nach wenigen Minuten ebenso mechanisch auch diesen Standort zu verlassen und fatalistisch gefaßt den weiteren Rückzug vor den triumphierenden Flammen anzutreten. Ein paar Schritte weiter, eine Seitengasse aufwärts, entrollt sich das ganze ungeheuerliche, grandiose, entsetzliche Bild vor uns. Eine brennende Welt, vom Hügelgipfel bis zum Meeresstrande hinunter rauchende Gärten, Bäume wie Fackeln leuchtend, enthauptete Moscheenminarette, ganze Häuser von innen herausglühend wie riesige Laternen, ein kochendes, brüllendes, krachendes Chaos, mit dem furchtbaren, immer südostwärts ziehenden Rauche über sich her und dem glühenden Funkenregen, der die Vernichtung wie Pesthauch vor sich herträgt. Die Osthälfte von Balat, die inzwischen noch verschont ist, gleicht einem wahnsinnig aufgeregten Ameisenhaufen. Die Straßen sind kaum zu durchschreiten: beladeneKarren, deren Gäule nur schrittweise weiterdringen, hohläugige Männer, die irgend ein Stück Hausrat, eine zerbrochene Schublade, einen Tisch über dem Haupte, eine armselige Lampe, Arme ..voll Waren in irgend einen Winkel schleppen, auf den nächsten Platz, wo schon Haufen von Matratzen,

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