Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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"T 766 DIE^ELT No. 31 religiös keine Einheit bestehe. Mossinsohn hat die Kultur in den Zionismus hineingetragen. Der Kampf richtet sich nicht gegen seine Person, sondern gegen das Prinzip, das er vertritt. Wir hoffen, daß die Diskussion ruhig und in akademischer Weise verlaufen wird. Es ergreift hierauf das Wort Lehrer B. Stern. Er führt etwa folgendes aus: Das jüdische Volk ist nicht wie die andern Völker. Wohin der reine Nationalismus führt, zeigt das Beispiel von Rabbi Joseph, der erklärt hat, in der Theorie könne auch ein Christ Zionist sein, und der Fall Brenner. Den Mittelpunkt des reinen Nationalismus bildet das Hebräische Gymnasium. Dieses ist heute dasselbe, was das Gymnasium der Hellenisten zur Zeit der Makkabäer war. Für den Misrachi ist die Thora das oberste Gesetz. Die Misrachisten gehörten bisher zur zionistischen Ortsgruppe und verlangten hierfür Rücksichtnahme auf sie. Sie mußten daher die Berufung Mossinsohns als Brüskierung ansehen. Sie haben ein Mitglied des Vorstandes vorher auf die Konsequenzen einer Berufung Mossinsohns hingewiesen. Sie waren daher gezwungen, diese Versammlung einzuberufen. Für den Misrachi ist der Zionismus nur ein Mittel zum Zweck; daher ihr Kampf gegen all die, die den Zionismus als Zweck betrachten. Nach ihm spricht Prof. Weyl. Die Misrachigruppe konnte Mossinsohns Worte nicht unwidersprochen lassen. Die Juden haben der Welt den Monotheismus und die Ethik gegeben; sie haben 2000 Jahre ohne Staat bestanden, einzig und allein durch ihr gemeinsames religiöses Ideal. Dieses muß dem jüdischen Volke erhalten bleiben. Das Gymnasium widerspricht dem religiösen Judentum. Beweise hierfür bringt der Referent durch die Verlesung von Briefen von Rabbiner Dr. E. Levy-Berlin und R&bb. Kuk-Jaffa, sowie durch die Verlesung eines Berichtes von Dr. J. Thon an das Aktionskomitee. Hierauf wird die Diskussion eröffnet. Wir können von den Ausführungen der verschiedenen Redner nur das wichtigste wiedergeben: M. Levigard: Mossinsohns Rede war notwendig, damit einmal Klarheit in der Angelegenheit geschaffen werde. Man kann das Gymnasium bekämpfen, aber in richtigen Formen. All diese Kämpfe soll man innerhalb der zionistischen Bewegung ausfechten, sie aber nicht in die Öffentlichkeit tragen. — B. Stern sucht die Ausführungen des Vorredners zu widerlegen, wobei es zwischen ihnen zu lebhaften persönlichen Auseinandersetzungen kommt. Das Frankfurter Philanthropia richtet nicht den hundertsten Teil des Schadens an wie das Gymnasium. — N. Goldmann: Die ganze bisherige Agitation des Misrachi gegen das Gymnasium sowie die vorige und die heutige Debatte bewegt sich auf falschen Bahnen. Der Misrachi kämpft einen Kampf gegen Windmühlen. Er streitet gegen etwas, was niemand behauptet. Er sucht zu beweisen, das Gymnasium sei unfromm. Niemand bestreitet es. Er behauptet, die Lehrer des Gymnasiums seien keine religiösen Lehrer. Niemand hat es je behauptet Die Debatte muß sich um etwas anderes drehen, um die Untersuchung der prinzipiellen programmatischen Frage, ob der Zionismus eine unfromrne Institution wie das Gymnasium unterstützen solle oder nicht. Was ist der Zionismus? Das Baseler Programm und die ihm zur Voraussetzung dienende Anschauung, daß wir Juden ein Volk sind. Jeder Jude, der dieser Anschauung beistimmt und auf dem Boden des Baseler Programms steht, ist Zionist.^ Dasselbe gilt auch von jeder jüdischen Institution. Die religiöse Überzeugung und Richtung kommt dabei nicht in Betracht. Da das Hebräische Gymnasium auf dem Boden des Baseier Programms steht, ist es zionistisch. Also hat die zionistische Bewegung das Recht, es zu unterstützen. Es fragt sich nur, ob der Zionismus überhaupt kulturell arbeiten soll. Dies muß er tun. Denn er ist in erster Linie eine kulturelle Bewegung, die die Regeneration des jüdischen Volkes und der jüdischen Kultur in Palästina zum Ziel hat. Den orthodoxen Juden fällt es allerdings schwer, dies anzuerkennen, denn der religiöse jüdische Nationalismus ist eine neue Erscheinung im jüdischen Leben. Bisher waren Religion und Nation bei uns eins. Für die Zukunft wird dies nicht mehr sein. Der Misrachi muß sich darein finden und anerkennen, daß jeder ein - guter Jude und Zionist ist, der auf nationalem Boden steht, ebenso jede kulturelle Institution. Tue er dies nicht, dann ist er nicht zionistisch und hat nicht da- Recht, sich zionistisch zu nennen. — L. Perlmutter: Der Zioniss mus soll und darf nicht die Kulturfrage behandeln, sonst führt er zur Katastrophe. Der Misrachi kämpft in der zionistischen Bewegung für Thora und Tradition. Es ist Pflicht aller religiösen Juden, ihn durch Beitritt zum Zionismus in seinem Kampfe zu unterstützen. — Prof. A. Weyl: Die Ausführungen des Herrn Goldmann sind durchaus logisch. Aber diese Logik führt zur Zerstörung des Zionismus; sollte sie verwirklicht werden, dann ist für den Misrachi kein Platz mehr im Zionismus. Diese Protestversammlung soll die Schilderung Mossinsohns vom Gymnasium widerlegen. — Chawk in-München verbreitet sich über die ethische Natur der Juden, die vererbt ist. Seine Worte sind infolge der im Saale herrschenden Unruhe unverständlich. — M. Levigard wirft dem Vorstand der Misrachigruppe vor, daß sie die heutige Versammlung einberufen und die vorige gestört hat. Er wendet sich in scharfen Worten gegen den „Israelit" und seine Gesinnungsgenossen. — J. Bambergen Mossinsohn befindet sich auf einer Agitationsreise für das Gymnasium; daher habe er in Frankfurt nicht als Privatmann, sondern als Vertreter des Gymnasiums gesprochen. Der Misrachi mußte daher gegen seinen Vortrag protestieren; sonst wäre eine Verwirrung beim Publikum entstanden. Der Zionismus ist eine kulturelle Bewegung. Aber die moderne jüdische Kultur muß auf der Tradition basieren, sonst ist sie ohne dauernden Wert. Damit ist die Rednerliste erschöpft. In seinem Schlußwort gibt der Vorsitzende seiner Freude über den ruhigen und harmonischen Verlauf der Versammlung Ausdruck. Er bedauert, daß der Vorstand der Ortsgruppe nicht erschienen ist. Wir scheiden voneinander als ruhige Gegner, aber nicht als leidenschaftliche Feinde. Es muß anerkannt werden, daß die Versammlung in" der Tat einen ruhigen würdigen Verlauf genommen hat, was nicht zum wenigsten auf die unparteiische objektive Leitung durch Dr. Feucht warig er zurückzuführen ist. Nichtsdestoweniger sind wir der Ansicht, daß es besser und rätlicher gewesen wäre, all diese Fragen innerhalb einer internen zionistischen Versammlung zu behandeln und den Kampf nicht in die weite Öffentlichkeit zu tragen, was dem Zionismus nur schaden kann. Deutschland Berlin. In sehr sympathischer Weise hat der Jüdische Turnverein Bar-Kochba, Berlin, das Andenken seines kürzlich verstorbenen Vorstandsmitgliedes, unseres Gesinnungsgenossen Herrn Arthur Hirsch zu ehren verstanden. Der Verstorbene, der als Hauptkassenwart des Bar Kochba schon seit fast einem Dutzend Jahren fungierte, hatte sich um die Finanzen des Vereins, insbesondere um die Schaffung eines leider noch kleinen eisernen Reservefonds, des Bar-Kochba-Fonds, Verdienste erworben. Der Verein hat nun eingedenk gerade dieser Tätigkeit beschlossen, den Bar-Kochba-Fonds fortan Arthur Hirsch-Fonds zu benennen und ihn auf eine andere, festere und breitere Grundlage zu stellen. An der Spitze des Fonds steht ein Kuratorium, bestehend aus den Herren Dr. Emil Hirsch, einem Bruder des Verstorbenen, Ingenieur Julius Katzky und Rechtsanwalt Dr. Max Zirker. Nürnberg. Am 20. Juni wurde in Nürnberg die Gründung einer zionistischen Jugendvereinigung in die Wege geleitet; von ca. 30 der erschienenen Gäste treten der größte Teil der Vereinigung bei. An ein Referat über „Aufgaben und Ziele einer zionistischen Jugendgruppe" schloß sich eine angeregte Diskussion. Am 6. Juli wurde die Vorstandschaft gewählt, und zwar als 1. Vorstand Herr cand. iur. Dr. Wollstein, 2. Vorstand Herr cand. med. Levin, 3. Vorstand Herr Bildhauer Rosenthal, zugleich Schriftführer und Kassierer, und als N.-F.-Kommiss. Herr Heinrich Mair. Sodann legte man die Statuten des unter dem Namen „Zionistische Jugendgruppe Nürnberg-Fürth" gegründeten Vereins fest, der seine Tätigkeit gewissermassen als Jungmannschaft der zionistischen Ortsgruppe Nürnberg-Fürth eröffnen soll. Ständiges Lokal mit Briefablage: Cafe Habsburg, Nürnberg, Königstraße. Durch Referate, die jedesmal einen Abschnitt des Zionismus behandeln werden, mit daranschließender Diskussion soll einerseits die zionistische Gesinnung der Mitglieder vertieft werden, anderseits die nichtzionistische Jugend unserer Bewegung gewonnen werden. In der Gründungsversammlung wurde es abgelehnt, Aufgaben, welche den schon bestehenden allgemein-jüdischen Jugendvereinen zufallen, zu übernehmen. Österreich Fricdek. Jüd. akad, FerialVerbindung „Hasmonaea", Chargenwahlen: J. U. C. Fritz Singer X, M. U. C. Emil Tramer XX, J. U. C. Leo Singer XXX. Iglau. Arn 9. Juli eröffnete die jud.-akad. Ferialverbindung „Hasmonaea" ihr fünftes Semester mit den Chargen wählen. Das Resultat derselben ist: Ernst Sommer X, Ignatz Hamlisch XX und Walter Pollak XXX. Am 13. Juli veranstaltete die „Hasmonaea" im örand-Hotel eine Herzlgedenkfeier, zu der etwa 100 Personen erschienen. Der Erstchargierte las ein eigenes Gedicht über Herzl. Hierauf folgte die* Gedenkrede, gehalten vom Drittchargierten, nachher zahlreiche Rezitationen, unter denen besonders die des A. H. Dr. Werner und des Herrn Off er hervor-