Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316492--54822-3348625- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
762 DIEEaEELT No. 31 Industrie in Rußland, das sich in voller wirtschaftlicher Entwicklung befindet. Auch für eine Reihe von deutschen Juden wäre damit der Ort gegeben, wo sie ihren Kindern eine geeignete Bildung im Judentum geben könnte, da bekanntlich das einseitige dogmatisch-liberale Regime der jüdischen Gemeinde zu Berlin es verhindert, daß höhere jüdische Lehranstalten in Berlin entstehen, so daß wir unsere Kinder in christlichkonfessionelle Schulen schicken müssen, weil jüdische Realschulen und Gymnasien diesem konfessionellen Liberalismus zu jüdisch-konfessionell sind. Es ist keine Frage, daß wir hier vor einer der allerwichtigsten Aufgaben des Tages stehen. Die Arbeit ist zwar groß, die Arbeiter noch müßig, aber die Not des Judentums drängt. Es wäre daher von weittragender Bedeutung, wenn sich die Freunde dieses Gedankens in Basel vereinigen würden, um die notwendigen Schritte gemeinsam zu besprechen. Freunde dieser Siehe müssen aber alle sein, die einsehen, daß die Gründung einer höheren jüdischen Schule, eines jüdischen Lyceums in Berlin allein der Weg ist, einem großen Teile unserer in Rußland und auch in Westeuropa heranwachsenden Jugend die volle Bildung mit allen darangeknüpften Rechten zu geben, und sie zugleich im Judentume zu erhalten und auszubilden. Wir werden nicht aus Basel hinweggehen, ohne dieser Aufgabe gerecht geworden zu sein. ( □ =£5=^ FEUILLETON □ DDP □ D~^j O DU SOLLST NICHT TÖTEN Von Ch. Perski Aus dem Russischen übertragen von R. S. Er war ein Sofer und galt als ein Meister in seinem Fach, und die von ihm geschriebenen Thorarollen wurden hoch geschätzt. Er hieß Reb Ephraim. Friedlich und still floß sein Leben in heiliger Arbeit dahin. Einst, als er, von dem Morgengebete aus der Synagoge zurückgekehrt, an seiner Thora arbeitete und die heiligen Gebote hineinschrieb, drang ein dumpfes, verworrenes Geräusch, das einem fernen Brüllen glich, an sein Ohr. Der Lärm und das Getöse wurden immer vernehmlicher. Schon konnte man deutlich einzelne drohende Rufe unterscheiden. Reb Ephraim war starr vor Schreck. Plötzlich ertönte in der benachbarten Kirche lautes Sturmgeläut: Bum, bum . . . Irgendwo in der Nähe klirrten Fensterscheiben. Reb Ephraim erinnerte sich nicht, wie alles gekommen war; er erinnerte sich nicht, wer zuerst auf ihn losgeschlagen, Personen und Handlungen flössen in seiner Erinnerung ineinander, aber er erinnerte sich deutlich, wie einer der Mordgesellen das heilige Pergament zerriß und es mit Füßen trat* und wie ein anderer in einem roten Hemde seine Frau Chanele auf den Kopf schlug, so daß ihr das Blut aus Kopf, Ohren und Nase strömte ... Sie schrie, sie flehte, sie rief ihn, — Ephraim, — zu Hilfe!; aber er lag selbst in einer Blutlache auf dem Boden und befühlte mit seinen Fingern die weiche, blutige Masse . . . Als Reb Ephraim aus dem Krankenhause herauskam, war alles schon ruhig. In der Stadt zogen Patrouillen umher. Der Polizeisoldat stand auf seinem Posten. Droschken und Pferdebahn hatten wieder den Betrieb aufgenommen. Nur die zerbrochenen Fensterscheiben, da und dort einige nicht fortgeschaffte, umherfliegende Bettfedern und die scheuen, furchtsamen Blicke der vorübergehenden Juden gaben Kunde von dem, was geschehen war. Viele fand Ephraim nicht wieder vor. Seine Frau Chanele war erschlagen, der Rabbiner, mit dem Reb Ephraim sich so gern nach dem Gebete zu unterhalten pflegte, der Synagogendiener, — alle waren erschlagen. Und noch viele andere mit ihnen . . . Das Leben hatte für Reb Ephraim jeden Sinn verloren. Das Schreiben der Thora, jener ehrfurchtsvolle Schauer, der ihn beim Schreiben erfüllte, das Bewußtsein, daß Kinder, Enkel, Urenkel in seiner Thorarolle lesen würden, — das alles war dahin. Die von Gott verliehene Thora, die ER geboten, zu ehren und zu lieben, wurde in Stücke zerrissen, mit schmutzigen Füßen getreten. Am hellen Tage brach man in die Häuser ein, erschlug unschuldige Menschen, und das Blut floß und floß . . . Er hörte Stöhnen und Wehklagen: bald rief seine Frau Chanele um Hilfe, bald ganz junge Mädchen, Kinder, Säuglinge, und die Welt, — die ungeheure Welt, — schwieg wie das Grab ... — und keiner, kein einziger schrie ihnen zu: „Du sollst nicht töten!" Reb Ephraim wurde in sich gekehrt und schweigsam. Er mied die Menschen, sprach mit keinem und ging oft auf den Friedhof. Dorthin kamen viele Juden, sie beteten an den Gräbern ihrer Angehörigen und weinten bitterlich. Und das Herz Ephraims weinte mit ihnen. Neue Gräber und frische Pfähle erzählten von den vor kurzem bestatteten Opfern des Pogroms. Hier waren auch die während des Pogroms geschändeten Thorarollen der Erde übergeben worden, Nach dem jüdischen Gesetz werden die Thorarollen der Erde übergeben, ebenso wie die Menschen. Die göttliche und ewige Thora überlebt nicht ihre Schmach ... Der Friedhofswächter Chajim trat immer zu Ephraim, und dann entspann sich zwischen ihnen folgendes Gespräch: „Seht, Reb Ephraim, dort jenes Denkmal . . , Das ist ein hübsches Denkmal, nicht wahr? ... Es ist für Sima, die Tochter eines unserer Reichen. Die Arme! Wie sehr hat man sie gequält! Man hat ihr die Augen ausgestochen, die Brüste ausgeschnitten ... Sie war so jung! Erst achtzehn Jahre." „Und dort liegt Eure Chanele, und dort auf der Hälfte für die Männer rechts der Rabbiner. Er hat noch kein Denkmal. Die Gemeinde ist nach dem Pogrom verarmt. Und dort weiter liegt der Schammes Eurer Synagoge. Man hat ihn und seine Frau erschlagen. Sechs Kinder sind zurückgeblieben." Und bei den Worten Chajims wurde Ephraim immer finsterer und schweigsamer. Er grübelte, — grübelte lange voll krankhafter Anspannung, und seine Grübeleien nahmen kein Ende . . .