Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316492--54821-3348624- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No, 31 : DIE] Gründung der Universität Frankfurt; der amerikanische Jude Strauß üterschemmt die Welt mit seinen Einrichtungen Für Säuglingsmilchküchen. Dort wo es sich um die Juden hoidelt, versagt unser Wohltätigkeitssinn, oder wir müssen aus Pfennigen die Mittel zusammenbetteln, welche anderswo aus freiem Antrie b< in so reichlichem Maße fließen: Ich halte es nicht für angebracht im Interesse unsers jüdischen Volkes jenen Wohltätern gegenükr die bisher von uns im allgemeinen beobachtete Zurückhaltung «ich weiterhin zu befolgen und ich glaube sicherlich, daß wir nicht erfolglos bitten werden, wenn nur die geeigneten Männer oder dies in betrachtkommenden Organisationen Fühlung mit jenen Philanthropen suchen. Mögen diese Großen auch aus irgendwelchen Gritiisden für die zionistischen Ideen keine Interesse haben, für die Besserung der sanitären Verhältnisse in den jüdischen Kolonien werben sie schon aus rein menschlichen Gefühlen ihre Mittel reichlich ließen lassen. In ganz besonderm Maße haben aber diejenigen Gesellschaften, welche in Palästina selbst Kolonisation betreiben, clie moralische Verpflichtung, dafür zu sorgen, daß ein genügender Schutz für die Gesundheit der Kolonisten vorhanden ist und daß »rieht die vorhandenen sanitären Einrichtungen für die Kolonisten mangels genügender Mittel nutzlose öeld- und Arbeitsvergeudumgen bleiben. Wenn unsere Zentrale Länder kauft, um darauf jüdische Kolonisten für Kulturarbeit anzusiedeln, wenn die geistigen Führen junge Juden hinaussenden, damit sie in teilweise unkultivierter (liegend irgendwelche wissenschaftliche Ideen praktisch verwirklichen sollen, übernahmen sie nicht gleichzeitig die moralische Pflicht, alles zu tun, um die doppelt gefährdete Gesundheit dieser jungen Menschenleben vor gesundheitlichem Schaden zu bewahren und ihraen in Krankheitsfällen ärztliche Hilfe — das ist wohl die erste For derung — zu gewähren? Ist es nicht ebenso bezeichnend für'unsere Sorglosigkeit, wie bedauerlich, daß sich die jüdischen Arbeiter in Ki«ereth, — das ja in technischer Beziehung ein Mustergut sein soll — unsere jüdischen Arbeiter gesunde Wohnungen erst durch einen Streik erkämpfen mußten! Es war mir eigentümlich zumute, als ich dort einen jüdischen Arbeiter fand, der drei Tage lang mit e inem Abszeß am Becken bei hohem Fieber vergeblich auf ärztliche Hilfe wartete, um dann auf meine Anordnung in das Spital des englisdh-christliehen Arztes nach Tiberias transportiert zu werden. In Jesmma versieht ein junger Apotheker (1) wenn auch mit viel Eifer dies Funktioneri eines Arztes. Und der Mangel ärztlicher Hilfe wurde mir gerade hier als einer der Gründe angegeben, weshalb die jMischen Kolonisten in den neuen Kolonien nicht bodenständig bleiben. Abgesehen von den größeren Kolonien ist die nu erreichende ärztliche Hilfe sehr mangelhaft. Was uns besonders tehlt, ist innerhalb der Koloniebezirken eine Krankenhauszentrale, wo die Kolonisten ausreichende ärztliche Hilfe in schweren Erkankungsfällen jederzeit finden können, soweit ihnen in den einzelnen Kolonien solche nicht zu Teil werden kann. Wir dürfen nicht lange zusehen wie unsere Kolonisten mangels geeigneter Hilfsmittel Schaden an ihrer Gesundheit nehmen. Wir müssen einen „Sanitätsfonds" durch eine energische» Propaganda schaffen, an deren Spitze außer den Ärzten innerhalb und außerhalb Palästinas vor allem die Organisationen und Männer stehen, welche unser Kolonisten zur Übernahme der Kulturarbeit in Palästina veranlassen, denn sie übelnehmen damit auch zugleich die Verantwortung für ihre Gesundheit, Eine einzelne Kulturaufgabe Von Dr. Heinrich Loewe Neben der Notwendigkeit, im Lande Israel eine jiMSsche Kulturgemeinschaft in hebräischem Geiste aufwachsen zu lassen, darf der Nationaljude nicht die Aufgaben übersehen, die ihm iwch außerhalb der statnmestümlichen Heimat erwachsen. So sehr ein erwachende £ELT =- 761 jüdische Kultur des Landes Israel an und für sich auf die Juden in den Ländern ihrer Zerstreuung zurückwirken muß, so ist es doch ein dringendes Erfordernis, auch direkt dafür zu arbeiten, daß die jüdische Jugend durch Kenntnisse vom Judentum und Liebe zu ihm diesem erhalten bleibt. Die Frage einer jüdischen Erziehung in Westeuropa ist eine unumgängliche geworden, und ihre Beantwortung ist notwendig. Nicht minder dringend ist aber die Erziehungsfrage im Osten Europas. Dort wo den hunderttausenden jüdischen Kindern der Weg zur Bildung mit tausend Hindernissen und Schranken versperrt wird, wo der endlich erzwungene Eintritt einer kleinen Minderheit mit einem Verlust an Seele erkämpft wird, wo eine viel größere Zahl täglich mit dem Köder der sonst verbotenen Bildung aus dem angestammten Judentum herausgelockt wird, ist eine solche jüdische Kulturnot entstanden, die sich täglich vergrößert, daß sie der dringendsten Abhilfe bedarf. Wenn wir ebenso der Hineinzwängung in die geistigen Ketten der Unwissenheit wie dem erzwungenen und erlockten Abfall vom Judentum nicht die Hand zur Zerstörung unseres Volkstums in dem wichtigsten Teile der Judenheit bieten wollen, so müssen wir etwas schaffen, was dazu geeignet ist, einem Teile dieser Jugend eine allgemeine höhere Bildung in engster Fühlung mit dem Geiste des Judentums zu geben. In Rußland ist die Gründung eines eigenen jüdischen Lyceums zu diesem Zwecke ganz ausgeschlossen. Weder würde man den absolvierenden Schülern die „Berechtigungen" geben, noch würde man zulassen, daß dem Judentum selbst der breite, ihm gebührende Raum überlassen würde. Außerdem wäre es nur eine Frage der Zeit, wann man die Zahl der jüdischen Schüler auf dieser den Juden gehörigen Privatschule auf einen kleinen und immer kleinern Prozentsatz herabsetzt. Darum hat unser hebräisches Gymnasium in Jaffa noch weit mehr Bedeutung für die Jugend der russischen als der syrischen Juden. Diese höhere Schule in Jaffa wird mehr den jungen Leuten in Rußland als sogar der aufstrebenden Jugend unserer Kolonien zugute kommen. Trotz alledem bedürfen wir noch weiterer Schulen und Bildungsstätten in jüdischem Geiste, vor allem aber in der Nähe Rußlands, so daß die Eltern ihre Kinder und diese ihre Eltern in kurzer Zeit erreichen können. Gerade die sorgsamsten Eltern haben oft große Scheu, ihre Kinder so weit von sich wegzuschicken, daß sie in dringenden Fällen verhindert sind, sofort zu ihnen eilen zu können. Darum wird aus den westlichen Gebieten Rußlands und aus Polen stets nur eine geringe Zahl ihre Kinder nach Jaffa schicken. Um aber auch hier dem dringenden Bedürfnis nach Bildung und dem heißen Hünger nach Judentum einigermaßen entgegenzukommen, bedürfen wir in der Nähe der russischen Westgrenze einer höheren jüdischen Schule mit dem Unterrichtsziele, das die Berechtigung zum Besuche von Universität, Polytechnikum und Handelshochschule verleiht. Eine solche Schule müßte ein Realgymnasium mit gemeinsamem Unterbau sein, das sich in den höchsten Stufen in eine humanistische und in eine reale Abteilung gabelt. Die Hauptunterrichtssprache wäre zwar deutsch, doch muß dem Hebräischen und dem Judentume ein so breiter Platz eingeräumt werden, daß die Anstalt die volle jüdische Bildung neben der ganzen europäischen Bildung vermittelt. Der Geist der Schule wäre ohne weiteres ein konservativer. Denn die dort gepflegte jüdischnationale Richtung kann im Unterricht nur als eine historische Unterrichtsmethode zum Ausdruck kommen. Wir haben allen Grund anzunehmen, daß vom preußischen Kultusministerium der Errichtung einer solchen, aus privaten Mitteln geschaffenen Schule jede Förderung zuteil wird. Denn die deutsche Nation hätte ein leicht verständliches großes Interesse daran, daß die Söhne der wohlhabendsten russischen Juden ihre Bildung in Berlin und in deutscher Sprache erhalten. Das ist ein unermeßlicher wirtschaftlicher Vorsprung für deutschen Handel und deutsche 3*