Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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700 Die^Etf No. 31 kann, oft recht schwer ins Gewicht fällt. Wie z. B. wenn ein leitender Beamter einer Landesorganisation, der ich angehören muß, es unternehmen wollte, mit "meinem Beitrag am Sabbat zu reisen, oder wenn er Institutionen empfiehlt, die zu bekämpfen mir höchste Gewissenspflicht ist, weil sie die „besondere" Weltanschauung des Judentums untergraben und zerstören? Ja, aber ein Eingehen auf Isakben Jakobs Vorschläge liegt doch im eigensten Interesse der Sonderverbände. Isak ben Jakob sagt es ja selbst; es muß doch etwas dr#n sein? Er weiß ja, daß Herr Dr. Bodenheimer diesem Gedanken schon öfters Ausdruck gegeben hat/ Aber er wird durch die Wiederholung nicht richtiger. Möge man doch die Sorge dafür, welches der beste Weg ist, der „besonderen" Weltanschauung unserer Föderation zum Siege zu verhelfen, den dazu Berufenen überlassen, die sicher alle Möglichkeiten genau überlegt haben. Dem liebenswürdigen Fischer, der den Fischen Ratschläge gibt, wie sie es anfangen sollen, nicht ins Garn zu gehen, muß man in der Regel mißtrauen. Da wird ferner gesagt, der Erfolg der bisherigen Sonderverbände ist halt gar zu . kläglich, nur mit größter Mühe konnten die erforderlichen Schekel- " zahler aufgebracht werden. Von dieser Mühe müßte ich als einer der Beteiligten doch auch etwas wissen. Ich meine fast, wir hätten uns zu wenig bemüht. Oberhaupt erhält der Misrachi seine Schekelzahler mit weit geringerer Anstrengung, als irgendeine Landesorganisation. Ein paar Briefe und Zirkulare an seine Vertrauensmänner genügen. Dabei hat er keine Zeitung zur Verfügung, und muß es über sich ergehen lassen, wenn er von seinen zahlreichen Feinden innerhalb und außerhalb des zionistischen Lagers (sogar von dem offiziellen hebräischen Parteiorgan) bekämpft und verleumdet wird. Und doch hat er seinen Stand aufrecht erhalten! Wenn Herr Isak ben Jakob berechnet, wieviel Schekelzahler der Misrachi nach dem Verhältnisse des Ergebnisses der diesjährigen Kongreßsammlung zu dem der vorigen haben muß, so wird er das zugeben müssen. Es ist uns übrigens noch eine große Summe avisiert worden, die den Misrachi weit über das Maß des Verhältnisses erheben wird. Dabei haben zwei Länder versagt: Rußland und Palästina. Wenn aber die mächtige russische Landesorganisation aus den bekannten politischen Gründen diesmal nur 50% der vorigen Kongreßsammlung erreichte, warum soll dann der Misrachi mehr Erfolg haben? Und Palästina? Da empfehle ich Herrn Isak ben Jakob im „Haibri" den Bericht über eine am 3. Tamtnus stattgehabte Versammlung zu lesen (die übrige zionistische Presse hat keinen Platz für diesen Bericht) oder sich aus Palästina einen objektiven Bericht über gewisse Wirkungen des Zionismus geben lassen. Vielleicht hört er da manches, was ihn stutzig macht. Ein kläglicher Erfolg der Schekelsammlung wird also unserseits bestritten. Aber so frage ich nun Herrn Isak ben Jakob, wo sind denn die mehr als 200000 Schekelzahler aus Herzls Zeiten, als es noch keine Misrachiföderation gab und die in ihrer überwiegenden Mehrzahl fromme Ostjuden waren? Ich will es ihm verraten. Die Höhe des Schekelertrags des Misrachi entspricht dem Barometerstand des Vertrauens der Anhänger des überlieferten Judentums zum Zionismus. Das Vertrauensmaximum hat längst einem Minimum Platz gemacht. Nicht der Misrachi und seine Arbeit, das praktische Verhalten des Zionismus wird es sein, wodurch ein Steigen des Vertrauensbarometers hervorgerufen wird. Man kann ja Isak ben Jakob folgen und das Barometer zerschlagen. Damit aber wird das Tief noch lange nicht in ein Hoch verwandelt. Wie das Quecksilber verläuft und verrinnt, wird auch der Zionismus den größten Teil der Misrachisten einfach verlieren, da für sie ohne die Misrachiföderation jede Möglichkeit entfällt, dem Zionismus weiterhin anzugehören. Nicht der Misrachi wird geschädigt, wenn ihm durch Isak ben Jakobs Vorschläge die Existenz unmöglich gemacht wird, denn die Misrachisten werden zur Erreichung ihrer Ziele in irgendeiner Form immer zusammen halten, sondern der Zionismus. — Einige Tage vor dem Kongreß hält der Misrachi in Frankfurt a. M. seinen Delegiertentag ab. Es ist ein mißlich Ding um das Prophezeien. Aber ich müßte die entschlossene Stimmung, die in der letzten Zeit zum Ausdruck kam, schlecht deuten, wenn der Beschluß über Isak ben Jakobs Vorschläge anders lauten sollte als: Absolut unannehmbar. Und darum: Caveant consules! Entgegnung Von Isak ben Jakob Warum meine Ausführungen in der „Welt" ein Attentat sein sollen, ist mir unverständlich. Die „Welt" als unser Zentralorgan scheint mir gerade der geeignete Platz zur Erörterung so wichtiger Fragen der Organisation und wurde verschiedentlich zu Diskussäonen der Statutentwürfe in der „Welt" benutzt. Auf die übrigen persönlichen Anspielungen gehe ich nicht ein. Herr Stern suchte den Eindruck zu erwecken, als ob der Vorsitzende der Organisationskommission, Dr. Bodenheimer, allein den in der „Welt" publizierten Gegenvorschlag vertrete. Demgegenüber weise ich darauf hin, daß die Majorität der ersten Kommission diesen Vorschlag glatt angenommen hatte, auch die große Kommission, wenn auch in etwas geänderter Form-. Wenn schließlich die Kommission gegenüber der Erklärung des Misrachibureaus, daß der Vorschlag einer Einbeziehung der Mitglieder der Sonderverbände in die Landesverbände den Entwurf für sie unannehmbar mache, nachgegeben hat, so beweist dies nur, daß die Kommission des lieben Friedens willen nicht den Mut der Konsequenz ihrer Überzeugung hatte. Ich bin aber überzeugt, daß die große Mehrheit der Mitglieder der Kommission noch heute auf dem Standpunkte steht, daß die gegenwärtige Regelung der Föderationsfrage unzureichend und bedenklich ist. Herr Stern betont den interterritorialen Charakter des Zionismus und folgert daraus die Berechtigung des interterritorialen Sonderverbands. Dem möchte ich das Wort Herzls entgegenhalten, daß wir eine interterritoriale Aussprache auf dem Kongreß schaffen wollen, aber keine interterritoriale Organisation. Darum haben wir im Aktionskomitee ein Organ des Kongresses geschaffen und brauchen die Landesorganisationen aus politischen und gesetzlichen Gründen als Mittelpunkte zur Organisation der Juden aller Länder. Die Zerstörung der Landesverbände bedeutet die Vernichtung der Grundlage unserer Gesamtorganisation. Zur interterritorialen Ansprache genügt die Möglichkeit der Fraktionsbildung, die nach der neuen Geschäftsordnung vorgesehen ist. Daß aber nun die Landsmannschaften gleich zwangsweise aufgehoben werden sollen, ist ein unerfreulicher Gedanke des Herrn Stern, für den die Landesverbände gewiß das Recht der Talion nicht ausüben werden. Vielleicht erkennt man aber auch hierin eine gefährliche Tendenz der Sonderverbände. , Bei objektiver Würdigung ist nicht einzusehen, was die Föderation Misrachi gegen den Vorschlag Ben Jakobs ernstlich vorbringen kann, da derselbe ja die Bildung von Sonderverbänden erleichtert und nur die Mitgliedschaft zum Landesverband als Vorbedingung stellt. Wenn Herr Stern sagt, daß der Misrachi bereit wäre hierauf einzugehen, wenn die Landesverbände eine streng neutrale Organisation wären, so ist er merkwürdig schlecht unterrichtet, da ja das Bureau Misrachi auch für diesen Fall die Mitgliedschaft in den Landesverbänden abgelehnt hat, obwohl von einer Beitragsleistung hierfür abgesehen werden sollte. Ich höre also immer nur das „Nein" und fürchte, die Versammlung des Misrachi in Frankfurt wird zu ihrem eigenen Schaden meine Vorschläge ablehnen. Wenn ich aber auch kein wichtiger Mann bin, wie Herr Stern irrig unterstellt, so will ich mir mein gutes Recht doch nicht nehmen lassen, einer besseren Einsicht auf dem Kongreß zum Sieg zu helfen. Vorschlag zur Gründung eines Sanitätsfonds für die Kolonien Von Di\ Meinrath, Konstanz Etwa vor einem Monat lenkte ich durch einen Artikel in der „Welt" die Aufmerksamkeit der Zionisten auf die wenig ausreichenden sanitären Einrichtungen in unsern Kolonien. Inzwischen sind zwei weitere Arbeiten aus Palästina selbst erschienen, welche auf diesen wunden Punkt und vernachlässigten Teil in unserer Kolonisationsarbeit hinweisen. (Frau Mayer-Lübke in der „Jüdischen Rundschau", Dr. Joffe in der „Welt".) Ich habe meine Eindrücke auf meiner Palästinareise unabhängig von jenen palästinensischen Gg. niedergeschrieben. Um so mehr erscheint es mir gerechtfertigt, nochmals darauf hinzuweisen, wie notwendig es ist, daß wir auf die bisher in unsern Bestrebungen so wenig berücksichtigten sanitären Forderungen bei unserer Kolonisation in Zukunft doppelt Rücksicht nehmen. Gibt es eine größere Anklage gegen unsere Sorglosigkeit als die Tatsache, daß das Spital in Jaffa, dem Mittelpunkte einer jüdischen Kolonistengruppe, seit drei Monaten geschlossen ist, aus Mangel an den erforderlichen Geldmitteln! Uns Juden mangelt es doch im allgemeinen nicht an einem offenen Herzen und einer offenen Hand, wenn es sich darum handelt, die Wohlfahrtsbestrebungen Andersgläubiger zu unterstützen. Welchen Eifer haben erst vor kurzem beispielsweise die deutschen Juden an den Tag gelegt, als es sich darum handelte, Gelder aufzubringen zur Unterstützung deutscher Invaliden! Wir lesen in den Zeitungen vor/1 beabsichtigten Millionenstiftungen jüdischer Philanthropen für die