Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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\ö. 31 DIE^ELT 759 Tatsächlich haben die Neb en regier» n gen ihren Sitz viel eher in bestimmten Landesorganisationen. ASso verlange ich —Herr Isak ben Jakob muß mir zustimmen — Aufhebung der Landesorganisationen! Bleibt noch die Föderation als „Kontrollorgan gegenüber der Zentrale". Die Zentrale zu kontrollieren, kann doch bei der so oft betonten demokratischen Verfassung des Zionismus kein Tadel sein; die Kontrolle ist eine Pflicht jedes einzelnen. Nachdem beispielsweise die Leitung &e und so oft die bekannten Versicherungen hinsichtlich der Siellungnahnn & des Zionismus zu religiösen Fragen abgegeben hat, wäre es das Recht und die Pflicht eines jeden auch nur einigermaßen religiös interessierten Zionisten, die Leitung zu interpellieren, sobald er Grund zu der Befürchtung hat, daß' in irgendeinem von der Zentiale abgezweigten zionistischen Bureau der Sabbat nicht gehalten wird, oder den N. F. zu fragen, ob auf seinen Ländereien die gewiß maßvollen Forderungen des Jaffaer Rabbiners hinsichtlich der S«1irnittah beachtet werden. Geschieht das nicht geräuschloser und fcesser von einer Zentralstelle aus als von hundert einzelnen? Den Leitern der betreffenden Institute mögen solche Fragen freilich mitunter recht unangenehm sein; ja, es wäre wirklich besser, sie brauchten gar nicht gestellt zu werden. Aber--! Ein Nebeneinander von Landesorganisation und Föderation kann ebenso wie ein solches verschiedener Föderationen gewiß zu Unstimmigkeiten führen. (Damit denke ich nicht an die Vorkommnisse in Frankfurt und Nürnberg, die ja wohl weidlich gegen die Föderationen ausgenutzt werden sollen. Wäre die Organisation bereits nach den ursprünglichen Dr, Bodenheim ersehen Vorschlägen eingerichtet, die nun Herr Isak ben Jakob vertritt, so hätten die Differenzen viel schärfer und tiefgehender zum Austrag kommen müssen.) Der von Isak ben Jakob befürchtete feindliche Wettbewerb zwischen den Organisation^» kann aber verhindert werden, vorausgesetzt, daß allerseits der gute Wille dazu vorhanden ist. Es gibt zwar — trotz Isak ben Jakob und anderen, — keine allgemeinzionistische Weltanschauung^ Die zionistische Organisation ist weder eine philosophische nocTi eine religiöse Gemeinschaft; und nur auf eine solche angewandt hat das Wort Weltanschauung einen vernünftigen, überhaupt anwendbaren Sinn. Wohl aber gibt es eine ganze Anzahl praktisch gemeinsamer, alle Zionisten einigender Punkte. Nicht nur die Schekel- oder N. F.-Sammlung. In diesen Punkten kann die Einheit und Gemeinsamkeit der Bewegung leicht gewahrt werden durch örtliche und territoriale Arbeitsgemeinschaften der . verschiedenen Organisationen. Der Misrachi hat?u solchen Gemeinschaften den Versuch gemacht. Es wäre sehr interessant, würde sfber zu weit führen, zu untersuchen, warum diese Arbeitsgemeinschaften bis jetzt versagt haben. Dem einigermaßen Nachdenkendem gibt vielleicht die Tatsache einen Fingerzeig, daß z. B. die scheinbar genaue und aktenmäßige Darstellung des Frankfurter Konflikts, durch Herrn Dr. Schwarzschild in der letzten Nummer der Welt diese in Frankfurt bestandene Arbeitsgemeinschaft gar nicht erwähnt. Daß weiter noch nirgends erwähnt wurde (auch nicht in (Uli Resolutionen des deutschen C. C), daß es die deutsche Landesorganisation war, die mit größter Beharrlichkeit das Verbleiben der deutschen Misrachisten in ihrem Verbände gewünscht und durchgesetzt hat, um dann freilich die elementarsten Voraussetzungen für gemeinschaftliche Arbeit außer acht zu lassen; Nun ist von Herrn Isak ben Jakob die Befürchtung ausgesprochen worden, die Propaganda cd es Sonderverbandes neben der für den Landesverband müsse auf den Außenstehenden den Eindruck der Unklarheit und Zwiespältigkeit innerhalb der zionistischen Organisation machen. Vor allem übersieht er dabei, daß der Zionismus die gesamte Judenheit repräsentiert. Das jüdische Volk bildet aber einmal keine geistige oder kulturelle Einheit, hat sich vielmehr im Laufe des Goluslebens nach ckn verschiedensten Seiten hin differenziert. Muß nicht die zionistische Bewegung, die das ganze jüdische Volk umfassen will, die Möglichkeit bieten, daß sich in ihr diese Verschiedenheit in Grundfragen der Weltanschauung (nicht der zionistischen Weltanschauung, die es, das muß immer wieder gesagt werden, gar nicht gibt) gerade schon in der Grundform der Organisation wiederspiegeln könne»? Unmöglich gibt es dafür eine bessere Form als die der Föderation Gleichgesinnter zur Durchführung ihrer Ideen. Isak kit Jakob will alle diese Schattierungen in eine Landesorganisatian und damit erst recht in eine einzige lokale Organisationsforrn zusammenpressen. Der Außenstehende, an den er denkt, übersieli gar nicht die Gesamtorganisation, er sieht ja nur die allern äcliste Umgebung. Darum bemerkt er (wenn das überhaupt ein Ungliklc ist) die Verschiedenheiten der Anschauungen unter den Zionisten, den Aüstrag der Differenzen in den Ortsvereinen, wenn die Organisation nach Isak ben Jakob eingerichtet werden sollte, viel eher als bei dem Bestand einzelner Föderationen mit obligatorischer ■ Airfceitsgemeinschaft. Es sei denn, die Absicht von Isak ben Jakob gehe dahin, jede nichtoffizielle Ansicht müsse unmöglich gemacht werden. Es scheint ja wirklich, daß Isak ben Jakob darauf ausgeht, den Misrachi auszuschalten, denn das muß in der Tat die Wirkung seiner Vorschläge sein. Es dürfte ihm aber nicht unbekannt sein, daß der Vorsitzende des Misrachi Herrn Dr. Bodenheimer mehrfach gesagt hat, daß der Misrachi gerne auf jeden Sonderverband verzichtet, wenn nur die Gesamtorganisation sich in dem Rahmen der Betätigung hielte, die für alle Zionisten eine Plattform abgeben könnte, und, wenn sie nicht auf solche Gebiete übergreifen wollte, die der Weltanschauung des Misrachi zuwider sind. Tatsächlich könnte man dem Wunsche Isak ben Jakob nachkommen und auf jeden Sonderverband verzichten, wenn zwei Voraussetzungen erfüllt würden: L die Statuierung der Landesorganisation als reine Verwaltungsbehörde und 2. die zwangsweise Einführung von Fraktionen auf Kongreß- und Delegiertentagen unter Wegfall der Landsmannschaften. Isak ben Jakob bezeichnet die Landesorganisation als ein ausführendes Organ der Zentrale und spricht ihr jeden selbständigen Charakter ab. In Wirklichkeit ist das nicht der Fall. Immer werden in der Landesorganisation gewisse Strömungen vorherrschend sein, die in ihrer ganzen Führung zum Ausdruck kommen. Diese Strömungen werden gefördert, andere bekämpft werden. Die Beispiele dafür sind so billig wie Brombeeren. Und wer leugnen will, daß die Landesorganisätion eine eminent politische Behörde ist, der tut es nur, weil es ihm gerade paßt, das Gegenteil wahr haben zu wollen. Man hat allerdings versucht, die Landesorganisation zu neutralisieren, indem man in einen der Entwürfe die Bestimmung setzte: „Ein Landesverband darf keine Sonderzwecke innerhalb der zionistischen Organisation verfolgen." Aber das A. C. hat diesen Satz wieder gestrichen, da es einsah, daß bei der heutigen Verfassung diese absolute Neutralität praktisch gar nicht durchführbar ist. Der Misrachi kann aber erwarten, daß Herr Isak ben Jakob die Mittel angibt, die dazu führen, die Landesorganisation zu einer wirklich neutralen Institution zumachen. Dann könnte man ja weiter sehen. Die zweite Voraussetzung wäre die Aufhebung der Kongreßlandsmannschaften und ihre Ersetzung durch Fraktionen. Jeder Delegierte muß gezwungen sein, sich einer Fraktion anzuschließen, die nicht auf rein landsmannschaftlicher Basis begründet sein darf. Die Fraktionslosen bilden eine Fraktion der „Wilden", um bei Aufstellung der Rednerliste, Kommissionswahlen usw. Berücksichtigung zu finden. Das landsmannschaftliche Prinzip auf dem Kongreß, das wird sicher auch Herr Isak ben Jakob zugeben, ist das größte Unding, das denkbar ist. Auf dem Kongreß könnte dieses Golusprinzip mit Leichtigkeit beseitigt werden. Das trüge nicht nur zur Vereinfachung der Geschäfte bei, wäre vielmehr für den ganzen Verlauf des Kongresses von größter Wichtigkeit, wenn es auch anfangs manchem Delegierten nicht so leicht würde, seine Fraktion zu wählen. Nachdenken wirkt da manchmal recht erzieherisch. Freilich wird es nicht gut möglich sein, die Schritte zur Bildung einer Fraktion erst ein paar Tage vor dem Kongreß zu unternehmen, wenn die Fraktionierung eine Bedeutung gewinnen soll. Die Fraktionen müssen ein Organ haben, das während des ganzen Jahres rechtmäßig funktionieren kann. Das ist ganz gut durchführbar, da ja auch das Delegiertenmandat von einem Kongreß bis zum nächsten ordentlichen Kongreß gültig ist. (§ 12 des zurzeit gültigen Organisationsstatuts, § 32 des Neuentwurfs.) Eine vollständige Realisierung dieser Vorschläge würde die Sonderverbände tatsächlich überflüssig machen. Sie würde starke Kongreßfraktionen begründen, die sich schon genügenden Einfluß auf die Leitung verschaffen würden. Ohne eine eingehende Diskussion, zu der es jetzt an Zeit mangelt, werden sie allerdings nicht durchführbar sein; es müßte noch mancher Punkt geklärt werden. Die nächste Folge ihrer Durchführung wäre aber die Aufhebung des Einflusses gewisser Landesorganisationen und eine vollständige Verschiebung der Machtverhältnisse im Zionismus. Ich zweifle, ob Isak ben Jakob diese Konsequenzen erwünscht sind. Dann aber bleibt ihm nichts anders übrig, als eine Erhaltung der Föderationen, so wie sie jetzt sind, ohne irgendeine Verpflichtung gegen die Landesorganisation. Herr Isak ben Jakob freilich meint, es gäbe im Zionismus nichts wichtigeres als diese. Darum hat er auch seine Frage rasch beantwortet. Das Sonderverbandsmitglied soll so viel Idealismus haben, daß es der ihm oft ganz fremden Landesorganisation seinen Beitrag noch lieber und reichlicher zahlt als dem Verband, der seine besondere Weltanschauung vertritt. Aber die Voraussetzung ist falsch und damit die ganze These. Herr Isak ben Jakob spricht immer wieder von besonderer Weltanschauung. Soweit der Misrachi in Frage kommt, ahnt Isak ben Jakob gar nicht, daß diese „besondere" Weltanschauung die Weltanschauung und zwar die einzige, dos Judentums ist. Eine Weltanschauung, die bei der Frage, ob man einer bestimmten Organisation angehören