Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Bruderblatt, ein offizielles zionistisches Organ, solchen täppischen Anrempelungen Raum gewährt. Wenn irgend ein anonymer Querulant, selbst wenn er Zionist ist, eine ungereimte Frage stellt, so ist die „Jüdische Rundschau" noch nicht verpflichtet, diese Frage ihren Lesern mitzuteilen. Es ist aber vor allem beschämend, daß diese Aufsätze wie die von Dr. Nordau und Dr. Klatzkin bei mahchenZionisten Entrüstung hervorrufen konnten. Wenn es so weiter geht, können wir es noch dahin bringen, daß die Berufung auf Herzl in zionistischen Kreisen als verpönt gelten wird. Mehr als befremdend ist es auch, daß die Redaktion der „Jüdischen Rundschau" die Anklage wegen Unterlassung eines Palästinareferates ohne jede Zurückweisung wiedergibt, während sie doch soviel politisches Verständnis besitzen sollte, um zu begreifen, weshalb das Actions-Comite ein Palästinareferat nicht ansetzen konnte. Einladung Die kleineren Landsmannschaften können die Meinung ihrer Delegierten nur dann zu einem angemessenen Ausdruck auf dem Kongreß bringen, wenn sie über die dieselben beschäftigenden Fragen gemeinschaftlich beraten und beschließen. Es wird dies besonders nach der neuen Geschäftsordnung von Bedeutung sein. Hierdurch soll der Freiheit der einzelnen Landsmannschaften, sich getrennt zu konstituieren, kein Eintrag getan werden. Die gemeinschaftliche Beratung 30II nur dazu dienen, eine Zersplitterung bei den Beratungen des Kongresses zu vermeiden. Auch kleinere Distriktskomitees und einzelne Delegierte, die in wichtigen Fragen mit der Majorität der Landsmannschaft nicht übereinstimmen und den Anschauungen dieser vereinigten Landsmannschaften näher stehen, sollen hierdurch Gelegenheit finden, gemeinschaftlich mit denselben zu beraten. Zum Zwecke der Beratung und Beschlußfassung über die Konstituierung der vereinigten Landsmannschaften werden demnach alle Delegierten, welche sich hierfür interessieren, eingeladen, an einer Sitzung teilzunehmen, welche am Montag den 7. August, 7 Uhr abends im Saale des Kongreßgebäudes stattfindet. Mit Zionsgruß: Dr. M. J. Bodenheimer-Cölri. L. Keßler-London. Dr. S. Franzie Berenstein-Haag. Dr. L. Herz-Antwerpen. Abraham Levin-Montreal. Heinrich M. Schein-Galatz. Zur Frage der „Sonderverbände" Von Bartsch Stern Mitglied des Zentralkomitees der Misrachiföieration Der in Nr. 29 der „Welt" veröffentlichte, zur Grundlage der Debatten auf dem Kongreß bestimmte Organisationsentwurf der vom A. C. eingesetzten autoritativen Kommission hat nur noch wenige von den neuen leitenden Gedanken übrig gelassen, die die Grundlage der ersten Entwürfe bildeten. Es soll hier nicht die Frage aufgeworfen werden, warum das so sein mußte. Auch nicht die andere, ob das einzige scheinbar Neue, die Regelung der Leitung, nicht schon mittelst des alten Statuts in derselben Weise, wie jetzt vorgeschlagen, möglich wäre. Es muß darum besonders auffallen, daß plötzlich hinsichtlich der Sonder verbände die Fassung der Kommission, die — soweit es sich um die aufrecht zu erhaltenden interterritorialen Sonderverbände handelt — ebenfalls nur eine Kodifikation des bisherigen Rechts darstellt, ersetzt werden soll durch die in Nr. 30 der „Welt" veröffentlichten Vorschläge von Isak ben Jakob, die sich wegen ihrer Veröffentlichung im letztrnöglichen Augenblick als ein Attentat gegen den Bestand der Föderationen überhaupt herausstellen. Noch auffälliger ist es, daß, wie der Artikel beweist, dieses Attentat von einer über alle Vorgänge genau informierten Seite stammt, und zwar, wie nicht nur aus der Bitte um Zustimmungserklärungen an die Redaktion der „Welt" hervorgeht, aus der Mitte der Kommission, deren Arbeit ein Kompromiß darstellt, mit dem alle Beteiligten leidlich zufrieden sein können. Zunächst eine Vorfrage. Gibt es überhaupt eine „Frage" der Sonderverbände? Wenn, man die zahlreichen Organisationsentwürfe durchstudiert, sollte man glauben: Ja, es gibt im ganzen Zionismus keine Frage, die brennender ist. Verfolgt man aber die zionistischen Ereignisse seit dem Haager Kongreß, der die Föderationen erst geschaffen hat, so findet man nirgends den Wunsch, diese neugeschaffenen Institutionen gleich wieder zu vernichten. Höchstens die Föderationen innerhalb eines Landesverbands (Knights of Zion und Maccabeans) gaben, aber mehr aus persönlichen als aus sachlichen Gründen, Anlaß zu Beschwerden. Über deren Berechtigung will ich nicht streiten; nur möchte ich hinweisen auf die Ausführungen des Herrn Präsidenten Wolffsohn auf dem IX. Kongreß (Pf otok. S. 313/4). Gegen die beiden anderen Föderationen aber wurde von bestimmter Seite der Zerstörungsprozeß schon eingeleitet, bevor noch der Misrachi — den Herr Isak ben Jakob ausschließlich im Auge hat — überhaupt'als Föderation begründet war. Noch ehe es überhaupt möglich war, Erfahrungen über die neuen Bestimmungen über die Föderationen zu sammeln, wurde die „Föderationsfrage" künstlich hervorgerufen. Und der Grund? Jsak ben Jakob hat ihn ausgeplaudert: Die Föderationen werden mißliebig, „insbesondere wenn sie anfangen, irgendwelche Bedeutung durch die Zahl ihrer Mitglieder zu gewinnen." Das ist des Pudels Kern. Herr Isak ben Jakob scheint ja mit der Entwicklung der zionistischen Organisation recht enge verwachsen zu sein. Aber dennoch hat er die Organisation schief dargestellt. Es ist richtig, dem Kopfe, der Leitung steht der Körper, die Masse der SchekeJzahler gegenüber. Beide bedürfen des vermittelnden Bindeglieds, der Hand. Aber muß dieses Glied ausgerechnet die Landesorganisation sein? Sollten die Zionisten, die in der bekannten Dreikaiserecke in Österreich.-Schlesien, Preußen, Rußland undGalizien nur ein paar Stunden voneinander entfernt wohnen, nur auf dem Wege via Wien, Berlin, Wilna und Lemberg mit der Zentrale verkehren dürfen, weil das nun einmal die gottgewollten staatlichen Einrichtungen so vorschreiben, d. h. die Golusspaltung der Judenheit gewaltsam in den den Golus überwindenwollenden Zionismus hineintragen. Das mag in den Anfängen der zionistischen Organisation vielleicht einen berechtigten Sinn •gehabt haben. Heute nach 15 Jahren Zionismus sind genug gesonderte Richtungen im Zionismus zu unterscheiden (nicht nur die zwei bis jetzt in Föderationen organisierten, wie Dr. Pasmanik in derselben Nummer der „Welt" richtig ausgeführt hat), daß man ohne Gefahr für die Bewegung das Prinzip der Landesorganisation durch das der interterritorialen Föderation ersetzen könnte. (Isak ben Jakob schreibt internationalen; einem alten Zionisten sollte dieses Wort nicht einmal in der Eile entschlüpfen, geschweige denn in einem schon so lange und sorgfältig durchdachten Vorschlag.) Durch die interterritoriale Föderation, die mit der Zentrale organisch verknüpft ist, nicht mechanisch wie der Landesverband, wird die Einheitlichkeit der Bewegung nicht gestört. Vielmehr wird durch die erweiterte Möglichkeit der Heranziehung neuer Anhänger der Gesamtbewegung ein großer Vorteil erwachsen. Aber, wurde weiter gesagt, diese organische Verknüpfung ist gerade das schädlichste der internationalen — sc. interterritoriale — Föderation, die dadurch den Charakter einer Oberregierung gewinnt und als Kontrollorgan gegenüber der Zentrale dient. Das ers'ere glaubt doch Herr Isak ben Jakob selbst nicht. Was der Misrachi an Taten und Unterlassungen gefordert hat, hat er offen und klar vom A. C. verlangt, hätte er auch verlangen müssen, wenn er nicht als Föderation organisiert wäre, sondern gemäß den allerneuesten Vorschlägen in der letzten „Welt"; denn ein Verzicht auf diese Forderungen käme einem Selbstaufgeben gleich. Oder will Herr Isak ben Jakob, der wohl ein mächtiger Mann ist, selbst das Fordern unmöglich machen, indem er dem nach seinem Willen konstruierten Sonderverband jeden Vertreter im A. C, jede Möglichkeit, dort zu Wort zu gelangen, abschneiden will? Das zu erfahren, wäre ja ganz interessant. Außerdem — das sollte Isak ben Jakob wissen — hat der Misrachi mit diesen Forderungen noch wenig Glück gehabt.