Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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754 DIE3|gELT die zionistische Organisation als solche darf keine Kulturarbeit leisten, sonst würden die orthodoxen Zipnisten aus der Organisation austreten müssen. Mit welchem Rechte aber dürfen die Misrachisten der zionistischen Organisation Bedingungen vorschreiben? Das orthodoxe Judentum hat gerade in zionistischer Hinsicht ungeheuer viel gesündigt ... Es waren ja Zeiten, wo die Orthodoxie das ganze Judentum beherrschte; was hat sie für die Wiedergeburt des Judentums in Zion — und nicht bloß für dessen Konservierung im Goluth — getan? Und als der ehrwürdige Rabbi Mohilewer auf die Notwendigkeit der praktischen Arbeit in Palästina hinwies und mit aufmuntern Jem Beispiel voranging, — wie viel orthodoxe Juden scharten sich um ihn? Ja, wenn wir Rabbiner hätten, die imstande wären, das Volk zu führen, nach Zion zu führen, dann wäre die Saehe anders. Jetzt aber können wir uns nicht von den Misrachisten leiten lassen. Der Zionismus hat Kulturarbeit zu leisten. Er kann auf sie nicht zugunsten des Misrachi verzichten. Aber welche Kultur? Im Golus können wir keine ganz jüdische Kultur schaffen. Alles, was wir da tun können, ist Flickarbeit, und diese soll von den Zionisten „ gemeinsam mit allen nationalgesinnten Juden geleistet werden. Im Golus kann und muß die zionistische Organisation sich nur mit solcher Kulturarbeit befassen, die sie unmittelbar zum Zwecke der Propaganda des Zionismus braucht. Sie muß eine gediegene zionistische Literatur schaffen, die allen Juden die Kenntnisse über unser Volk und über unser Land vermitteln soll. Nicht mehr. Wir müssen unsere Kräfte auf einem Punkte konzentrieren, — unsere ganze* Kulturarbeit muß in der Türkei und speziell in Palästina geleistet werden. Da entsteht eben die schwere Frage: welche Kultur? Und nun behaupte ich: nicht aus opportunistischen, sondern aus prinzipiellen Gründen können und dürfen wir nicht den Kulturtypus vorausbestimmen, In Palästina sind wir weder klerikal, noch antiklerikal, sondern national. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Mit einem Worte: wir müssen in Palästina solche Kulturarbeit leisten, die den dortigen Juden die Möglichkeit gibt, ein gesund nationales Leben zu führen. Und die echte originelle Kultur, die schafft das Leben von selbst, ich meine das palästinensische Leben, genauer gesagt, das Leben des wirtschaftlich gesunden Judentums in Palästina. Wir sind nicht die Schöpfer, sondern die Geburtshelfer der neuen jüdischen Kultur. Und da wir jetzt über den Kulturtypus nicht entscheiden können, so müssen wir alle kulturellen Unternehmungen in Palästina unterstützen, — das Jaffaer Gymnasium und dieTachkemonischule, — soweit sie einem praktischen Bedürfnisse entsprechen. Es ist klar, wenn z. B. das Jaffaer Gymnasium nicht die Bedürfnisse eines Teiles der Palästinensischen Juden befriedigen würde, hätte es keine Schüler. Dasselbe ist bezüglich der Tachkemonischule zu sagen. Aber an beide Schulen stellen wir eine Grundforderung. Sie sollen bodenständige, für die wirtschaftliche Unabhängigkeit vorbereitete Nationaljuden erziehen. Also Volks-, Mittel- und professionelle Schulen müssen in Palästina gegründet werden, in denen ein echt jüdischer Geist herrschen soll. Und da entsteht eben die Hauptfrage: was heißt jüdischer Geist? Da kommen die Misrachisten und erklären: „Echt jüdischer Geist ist nur der, wie wir ihn definieren." Und frischgebackene Antiklerikale kommen und sagen — jüdischer Geist, ja, aber ohne Religion. Da entsteht eben ein Kulturproblem, dessen Lösung nur von der schöpferischen Lebenszukunft erwartet werden kann. Aber wir müssen eine Richtschnur haben. Und die haben wir auch. Einerseits kann der jüdische Geist nicht außerhalb unserer historischen Werte liegen. Wenn jemand behauptet, man könne ein guter Jude sein, ohne all die uns überlieferten geistigen Werte anzuerkennen, so muß ich das ganz entschieden verneinen. Anderseits ist damit nicht gesagt, daß man, um Jude zu sein, unbedingt alle Phasen des geschichtlichen Judaismus anerkennen muß. Das Wesentliche ist: die zionistische Organisation unterstützt nur solche Kulturinstitutionen, die auf allen unsern geschichtlichen Werten oder auf einem Teil beruhen. Dabei predigen wir weder liberales Judentum, noch Bibelkritik. Das liberale Judentum begann vor allem mit der Entnationalisierung des Judentums, und Bibelkritik können in Volks- und Mittelschulen nur Dummköpfe treiben, oder ganz schlechte Pädagogen. Was wir behaupten, ist folgendes: Jüdische Kultur ist kein Monopol, weder der Misrachisten, noch der Antiklerikalen. Und die zionistische Organisation, die sich bemüht, in Palästina materielle Werte zu schaffen, ist mithin gezwungen, auch geistige Werte zu schaffen. Denn beide sind eng verknüpft. Das hat man ja sehr gut an der Schemita-Frage beobachten können. Und je mehr das materielle Leben sich entwickelt, desto schärfer tritt der Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Kultur hervor. Darf unsere Bank Zinsen nehmen oder nicht? All diese Fragen werden einmal beantwortet werden, aber in welchem Sinne, das kann niemand voraussagen. Daß unsere großen NO. 31 Rabbiner der uralten Zeit für neue aufgetauchte Lebenserscheinungen Lösungen fanden, lehrt uns die Geschichte des Proshalus. Eines können wir hoffen: in Palästina werden einst grofte Thoralehrer entstehen, und die werden neue Kulturwerte schaffen. Vom Golus aus darf niemand den ganzen zukünftigen Weg vorausbestimmen. Es wäre ein nutzloses Unterfangen. Noch eine Kulturarbeit hat die zionistische Organisation zu leisten: sie muß mithelfen, in Palästina eine gute hebräische Literatur zu schaffen. Hebräische Lehrbücher aller Art für alle jüdischen Schulen, hebräische Übersetzungen der besten Werke der Weltliteratur auf allen Gebieten und in gutem Hebräisch geschriebene Werke, die uns alle jüdischen Kulturwerte seit der M;schnah übermitteln sollen — den Talmud, die mittelalterlichen Philosophen, die rabbinische Literatur, soweit sie sich nicht mit dem Ritual beschäftigt, damit jeder Durchschnittsjude imstande sein soll, sich mit unserer geschichtlichen Kultur vertraut zu machen. Das wäre ein großes Stück Kulturarbeit, an der alle mitarbeiten könnten. Durch diese Arbeit wäre überhaupt unser geistiges Schaffen angeregt, an dem alle Teile des Judentums ihre Freude hätten. Und dadurch bekämen wir einmal dasjenige Kulturzentrum in Palästina, das auch das Diasporajudentum befruchten könnte, indem es ihm das Selbstvertrauen, den nationalen Stolz, die Liebe zur eigenen Geschichte und die Sehnsucht nach einer selbstgeschaffenen Zukunft wiedergibt. Nur durch diese Kulturarbeit können wir hoffen, die zerstreuten Teile des jüdischen Volkes kulturell zu vereinigen, was ja eigentlich die erste Aufgabe des organisierten Zionismus ist. Und nun frage ich: was können ernste und weitsichtige orthodoxe Juden gegen Kulturarbeit solcher Art haben? Wenn sie das Wesen des Judentums nur in seiner Religion erblicken, so müssen sie sich doch sagen: im Golus geht unsere Religion zu Grunde. Wie unsere Religion im jüdischen Palästina in der Zukunft aussehen wird, das weiß niemand. Eines aber wissen wir sicher: im Golus kann sich unsere Religion nicht weiter entwickeln, und deshalb wird sie immer mehr an Einfluß verlieren müssen. In Palästina aber — dessen sind wir sicher — wird der verjüngte jüdische Genius wieder ewige religiöse Werte schaffen; denn darin besteht unser Wesen, unsere Originalität, wenn man will, unsere Rasseneigenschaft. Um aber dieses neue Schaffen zu ermöglichen, müssen wir in Palästina national-kulturelle Arbeit leisten. Wir wünschen den Misrachisten von ganzem Herzen, daß ihre Anhängerscharen immer größer werden, damit sie in Palästina intensiver ihre Kulturarbeit verrichten. Aber die zionistische Organisation als solche kann und darf sich nicht auf einen Kulturtypus versteifen. Sie muß alle Kuiturformen unterstützen, die eine Renaissance des jüdischen Volkes in Erez Israel bezwecken. Frauenarbeit in Palästina Von Sonja Gronemann, Berlin Der Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina hat in der ganzen Zeit seit seiner Gründung auf dem Haager Kongreß seine Arbeit still und fleißig verrichtet. Es dürfte aber jetzt, kurz vor dem Jubiläumskongreß, auf dem die zionistische Frauenwelt einen Zusammenschluß sämtlicher Frauenvereine plant, für viele von Interesse sein, über die Tätigkeit dieses Verbandes Näheres zu erfahren. Ich wage zu behaupten, — und werde mich freuen, wenn mir das Gegenteil bewiesen wird, — daß viele zionistische Frauenvereine von den Leistungen des Verbandes wenig Notiz nehmen, — ja, daß sie noch immer nicht Mitglieder des Verbandes sind. Es gibt aber auch rühmliche Ausnahmen, so vor allem die Moskauer Frauengruppe, die den Verband tatkräftig unterstützt und Hand in Hand mit ihm arbeitet. Wenn man bedenkt, daß der Verband jüdischer Frauen auf einem zionistischen Kongreß von Zionistinnen gegründet worden ist, daß die Arbeit, die er in Palästina leistet, vollständig in unserem Sinne ist, ürid daß er trotzdem auch anderen jüdischen Frauen, die, ohne sich unseren politischen Tendenzen anschließen zu können, gern bei praktischer Arbeit auf unserer Seite stehen, die Möglichkeit sich zu betätigen gibt, so muß man siph wundern, wenn es auch nur noch eine Zionistin gibt, die interesselos bei Seite steht. Der Verband fing seine Tätigkeit in Palästina mit der Errichtung eines Ateliers für Spitzenarbeiten in Jaffa an. Junge Mädchen, die ihre Tage ziemlich nutzlos verbrachten, wurden in das Atelier