Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-08-04 · 31 (4.8.1911) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
31 (4.8.1911)
Date
1911-08-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316492--54813-3348616
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 31 DIEMKE LT 753 ist ein Abbruch, den wir selbst unserer Organisation verursachen und der auf die Dauer unmöglich ota<e betrübende, ohne gefährliche Folgen bleiben kann. Die Gefahr eines solchen Abbruchs ist aber besonders gro ß, wenn eines der Mittel, die wir zur Erreichung unseres Ziels anwenden, mit dem Ziele verwechselt wird, selb s-t als Ziel proklamiert wird. Da ist nicht nur die Zersplitterung der Gesamtkraft unserer Organisation, da ist auch am letzten Ende eine ^nderung unseres Zieles zu fürchten. Darum wohl spricht Nordau mit Recht von Bestrebungen und Plänen, die nützlich und lobenswert, aber nicht — Zionismus sind. Ich will exemplifizieren, Es ist zweifellos in manchen Ländern nützlich und vielleicht auch lobenswert, wenn Juden eine jüdische Politik in ihrem Lande betreiben. Es ist begreiflich, daß sich viele Zionisten für solche innerpolitische Bestrebungen in ihren Aufenthaltsländern interessieren, und es gibt Leute, die sogar von der Erziehung zur Politik eine Einwirkung im zionistischen Sinne erwarten. Weim dies aber auch ein ebenso unanfechtbares Axiom wäre, als es gegenwärtig Hypothese ist, was in aller Welt soll uns dazu bewegen, die zionistische Organisation als solche für innerpolitische Aktionen zu engagieren? Ist denn innere Politik die Aufgabe des Zionismus? Ist sie unter den Mitteln genannt, die wür zur Erreichung unseres Endziels anwenden sollen? Nun wird sie als ein solches Mittel ausgegeben und! es wurden in einzelnen Ländern gewaltige Anstrengunge 11 gemacht, um die zionistische Organisation als solclue für innerpolitische Zwecke zu benützen. Was dann geschah, im innerpolitischen Kampfe geschah, wurde auf das Konto unserer Bewegung gesetzt, unserer Bewegung, die damit absolut nichts zu tun hat. Dls muß sitHnal öffentlich festgestellt werden. Ich will gar nicht daran denken, was es für Folgen haben könnte, wenn die wichtigsten Faktoren einzelner Länder tatsächlich zu dem falschen Glauben kämen, daß der Zionismus dazu da sei, um in den einzelnen Ländenn. innere Politik zu betreiben. „Das Werk, das uns vorschwebt, wollen wir zwar aus eigener Kraft tun; aber viel Wohlwollen muß uns dazu umgeben, sonst kann es nicht gelingen." Das sind Worte Herzls. IcSi glaube nicht, daß es der innerpolitische Kampf ist, d&r uns dies Wohlwollen erringen helfen kann. Zum mindesten ist er ein unnötiges Experiment über die B&- lastungsfähigkeit der Sympathie oder Toleranz einflußreicher Faktoren in bezug auf den Zionismus. Den äußeren Wandlungen entsprechen auch mancherlei innere. Ich halte sie für nicht minder wichtig als dte äußeren. Für gefährlich allerdings lcann ich sie nicht ansehen. Was da geschah, das ist, um es kurz zu sagen, der Erfolg, den die Methoden des Chowewfrzionismus über die Herzischen errungen habe«, Dieser Umschwung ist in vieler Beziehung höchst merkwürdig, aber er erklärt sich nicht nur durch den Tocd Herzls, sondern auch dadurch, daß alle diese Methoden des Neo-Chowewezionismus voll sind des Herzlschem Geistes. Darum kann es auch zur Möglichkeit einer Umkehr zu den Methoden vor Herzls Auftreten gar nicht kommen. Unsere Aufgabe ist es, daß wir uns mit der gegenwärtigen Situation im Zionismus im Guten oder Bösen abfinden. Ich hoffe, daß es im Guten geht:. Es scheint mir, daß wir das auch hoffen dürfeit, ohne ein Opfer des Intellektes zu bringen. Was unvergänglich ist an Herzls Ideen, das kann wohl zeitweise verdunkelt, nie aber vernichtet werden. Wir alle sind des frohen Glaubens, ja der innigen Überzeugung, daß Herzl nicht umsonst gelebt hat, nicht vergebens für das jüdische Volk gestorben ist. Seine Ideen, die für die Auffassung des Judenproblems schon jetzt von unbestrittenem Einfluß sind, werden immer nachhaltiger wirken müssen. Wir brauchen wirklich nicht zu befürchten, daß sie jemals unwirksam werden. Was jetzt geschieht, das ist einfach eine Rückkehr zu älteren Methoden, die aber im Herzischen Geist verbessert wurden und unter Benützung der von Herzl geschaffenen Institution nach höheren Zielen streben. So ist dieser Erfolg des Chowewezionismus zu verstehen. Er ist, erfüllt von Herzls Ideen, größer, an Inhalt reicher geworden. Ich glaube nicht, daß er in seiner Entwicklung wieder bis auf die Zeit vor Herzl zurückgreifen kann. Im Gegenteil! Sowie wieder eine große schöpferische Kraft, ein „Willensgenie" auftauchen wird, wird sich dieser Zionismus wieder mächtig zu den Höhen heben, die Herzl erstrebt hat. Unsere Bewegung hat sich neuen Verhältnissen akkomodieren müssen. Manches Wertvolle ist dabei beklagenswerterweise beiseite geschoben worden, ja man hat Wege beschritten, die .Herzl nicht als die große, gerade Kaiserstraße betrachtete, die er gerne vermieden hat. Sind wir auch nicht auf den hohen Berg gekommen, den unser unvergeßlicher Führer im Sturm nehmen wollte, so haben wir dennoch ein Stück Weg nach aufwärts zurückgelegt, wenn wir auch von der Hauptrichtung abgedrängt wurden. Von der Richtung, nicht vom Ziele! Wenn wir das aber erkennen, dann sollen gerade wir Zionisten, die wir auch die Methoden und Mittel Herzls für die erstrebenswerten halten, alle unsere Kraft für unsere Bewegung einsetzen. Gerade unsere ausdauernde Arbeit wird ein allzu großes Abdrängen auf Seitenwege verhindern. Gewiß, es wird manchen harten Strauß geben, um unsere Arbeit zur Geltung zu bringen; aber von ein paar Unvernünftigen abgesehen, wird deshalb bei unseren Gesinnungsgenossen niemand unsere Arbeit anzweifeln. Und geschähe es auch, so wissen wir, daß wir nicht um die Gunst gegenwärtiger oder künftiger Machthaber, nicht um Beifall ringen, sondern das tun, was wir im Interesse unseres Volkes, im Sinne Herzls tun zu müssen glauben. Am zehnten, am Jubiläumskongresse, wird, das bezweifle ich nicht, der Geist Herzls die Einigung und Duldung bewirken, die unserer Bewegung nottun. Wir werden uns alle seiner freuen dürfen, auch wenn er nicht allen alles bringen kann. Unsere Parole „Vorwärts — ostwärts! wird auch er neuerlich bekräftigen. Das ist die Hoffnung aller arbeitenden Zionisten. Die Kulturarbeit im Zionismus* Von Dr. D. Pasmanik, Petersburg Ich will nur vom zionistischen und nicht vom allgemein-jüdischen Kulturproblem sprechen. Und da vernehmen wir den Ruf: der Zionismus darf sich mit unserem Kulturproblem nicht befassen. Das ist der Sinn der diesbezüglichen Manifestationen der Misrachisten. Deshalb müssen wir, bevor wir zum Thema selbst übergehen, zuerst die Frage beantworten: Dürfen wir uns mit Kulturprobleinen beschäftigen? Bekanntlich steht der Misrachi auf folgendemStandpunkte: *) Dem Grundsätze freier Diskussion folgend, gehen wir den Artikel des Herrn Dr. Pasmanik Raum, ohne uns mit seinen Ausführungen zu identifizieren.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.