Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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738 DIES Hohe Auszeichnung eines englischen Juden Sir Matthew Nathan, Sekretär der englischen Postverwaltung, wurde zum Vorsitzenden der Fiskusverwaltung ernannt. Sir M. Nathan ist der einzige Jude, der zu verschiedenen Malen das Amt eines Governors in einigen britischen Kolonien bekleidete. Sir Matthew Nathan kam auch als Nachfolger des jüngst verstorbenen englischen Generalkonsuls in Ägypten, Sir Bldon Gorst, in Betracht Ein Rabbiner im Alter von 104 Jahren gestorben Rabbiner Jehuda Jasmdn in Tunis ist im Alter von 104 Jahren gestorben. Er halte sein Amt mehr als 70 Jahre inne und war als talmudische Autorität sehr angesehen. Etwa 20000 Juden haben an dem Leichenbegängnis teilgenommen. Ein jüdischer Gesandter in Kostarika Herr Lewis Einstein wurde vom Präsidenten Taft zum amerikanischen Gesandten in Kostarika (Zentralamerika) ernannt. Herr L. Einstein war bereits im diplomatischen Dienst der Vereinigten Staaten in London, Paris, Konstantinopel und Peking tätig. Deutsche Orient-Gesellschaft Die Deutsche Orient-Gesellschaft macht in dem soeben zur Ver Sendung kommenden 45. Heft ihrer Mitteilungen ihren Mitgliedern d;e Berichte zugängig, die über die Ausgrabungen in Babylon und in Assur während des letzten halben Jahres von den leitenden Architekten hier eingegangen sind. In Babylon sind ganz besonders wichtige Ergebnisse zu verzeichnen. An der Nordostecke des von den Eingebornen Kasr, d. h. Schloß, genannten Hügels, der die großen Palastbauten Nebukadnezars umfaßt, ist die mächtige Endbastion freigelegt worden, die den Abschluß eines die Prozessionsstraße begleitenden Mauerzuges bildet und zu einem höchst interessanten Ausfallsvorwerk dieser Hochburg von Babylon gehört. Ob ein an jene Bastion anstoßendes monumentales Gebäude das von einigen Assyriologen dort vermutete Heiligtum, die sogenannte „Schicksalskammer", darstellt, wird der Fortgang der Grabungen lehren. In dem eigentlichen Wohngebiete der alten Stadt, das heute den Namen Merkes führt, ist die Erforschung des Straßennetzes und der Privathäuser fortgesetzt worden. Dabei stieß man unerwartet auf einen kleinen Tempel, der von Nebukadnezar auf der Stelle eines ältern Heiligtums angelegt worden ist und der sich durch die wohlerhaltene schwarzweiße Bemalung seiner Wände auszeichnet. Am Amran-Hügel wurde die Erforschung der Umfassungsmauern des gewaltigen Hofes, der Etemenanki, den Turm von Babylon, rings umschloß, zu Ende geführt, und von dem großen, dem Marduk geweihten Haupttempel Esagila ist die ganze Westfront und ein Teil der Nordseite freigelegt worden. Endlich wurde bei der Untersuchung der von Nabupolassar, Nebukadnezar und Nabonid erbauten bis zu 7 m starken Mauerzüge zwischen Kasr und Amran, die das Staunen der alten griechischen Schriftsteller erregt haben, ein großes Tor, nach Professor Koldeweys Vermutung das Urasch-Tor, entdeckt und die Pfeiler der von ihm aus über den Strom führenden, im Altertum oft gerühmten Brücke. In Assur wurde das Nationalheiligtum der Assyrer, der große, auf der höchsten Stelle der Oberstadt gelegene Asur-Ternpel, an dem fast alle bedeutenden Herrscher von grauer Vorzeit an bis ins siebente Jahrhundert herab gebaut haben, weiter bis ins Einzelne durchforscht. Auf dem Vorplatze des Asur-Tempels kam eine ausgedehnte Anlage von sorgfältig gebauten Bassins zutage, die durch ein kompliziertes Netz von Kanälen und Röhren miteinander in Verbindung s!ehen und die ebenfalls eine lange Baugeschichte zu haben scheinen. Von den geschichtlch höchst wichtigen Steinpfeilern mit Namensinschriften von Königen und hohen Beamten, die schon früher in unmittelbarer Nähe der Stadtmauer an der Grenze der südlichen Vorstadt beisammen gefunden wurden, ist eine weitere große Anzahl aufgedeckt worden, so daß sich das Ganze als eine sehr eindrucksvolle Anlage darstellt. Aus der Zeit der Herrschaft der Parther in Assur stammt ein großer Palast, bei dessen weiterer Ausgrabung sowohl die Grundrißgestaltung wie die Einzelheiten der in Gipsstuck ausgeführten Ausschmückungen seiner Räume neue wichtige Erkenntnisse für die Kunstgeschichte einbrachten. Den Schluß des stattlichen und reich illustrierten Heftes bilden Auszüge aus Privatbriefen Dr. Andraes, in denen er über zwei Ausflüge nach der einige 50 km östlich von Assur mitten in der Wüste gelegenen Ruinenstadt Hatra plaudert. Dabei erzählt er nicht nur von seiner dort getanen archäologischen Arbeit, er entwirft zugleich ein außerordentlich lebensvolles Bild von, den Lebensgewohnheiten der Schammar-Beduinen und von der kraftvollen und wohlüberlegten Art, wie der inzwischen abberufene Gouverneur von Bagdad, Nazim Pascha, unter diesen von jeher unbotmäßigen Söhnen der Wüste die staatliche Autorität der Türkei zur Geltung zu bringen verstand. _ 'ELT " ' ' ' No, 30 if^3^ ' =7^!==^ 1^ SPRECHSAAL jj Eine Bitte an die judischen Journalisten Wir erhalten folgende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie mir, mich durch Ihre Vermittlung an meine Kollegen von der jüdischen Presse mit folgender Bitte zu wenden: Vor kurzem habe ich hier meine Studien an der iScole des Hautes fitudes Sociales, Abteilung L'ßcole du Journalisme, beendet. Gemäß dem Herkommen an allen Hochschulen muß ich eine These (Dissertation) vorlegen. Ich schlug der Direktion zuerst zwei Themata vor: „U Histoire du mouvement Sioniste" und ,,L' Histoire de la Situation des Juifs en Roumanie". Allein die Direktion lehnte diese Themen mit der Begründung ab, daß sie außerhalb der Domäne des Rein journalistischen lägen; man erwarte von mir „ein speziell journalistisches Dokument". Eine Polemik, die kürzlich zwischen einem jüdischen Professor für hebräische Sprache und Literatur an der Sorbonne und einem nichtjüdischen Hebraisten, der am College de France lehrt, entbrannte, und in deren Verlauf der nichtjüdische Professor sich geringschätzig über die jüdische Presse — die er absolut nicht kennt — äußerte, verarilaßte mich, als Thema für meine Dissertation die Geschichte der jüdischen Presse zu wählen. Diesmal hatte ich bei der Direktion mehr Glück; sie erklärte sich mit meinem Thema rückhaltlos einverstanden. Ich verhehle mir nun keineswegs, daß ich mich einer äußerst schwierigen Aufgabe unterzogen habe. Das Arbeitsfeld, um das es sich handelt, ist sehr ausgedehnt und dornenvoll. Unsere Presse erscheint in unzähligen Sprachen, und es erscheint fast unmöglich, daß ein einzelner alle diese Sprachen beherrsche. Die Aufgabe übersteigt in der Tat auch die Kräfte des emsigsten, bestunterrichteten und fähigsten Bearbeiters. Um mir nun die Arbeit einigermaßen zu erleichtern und die Herbeischaffung des erforderlichen Materials zu beschleunigen, nehme ich mir die Freiheit, an alle Kollegen, die eine jüdische Zeitung leiten oder geleitet haben, — mag es sich um ein noch bestehendes oder ein der Vergangenheit angehörendes Blatt handeln, — die höfliche Bitte zu richten, mich in meinem Vorhaben zu fördern und mir die nachstehenden Fragen freundlichst zu beantworten. Zuvor möchte ich noch bemerken, daß ich im Sinne der Leitung unserer „ficole du Joumalisme" beabsichtige, „eine jede Zeitung ihre Geschichte selbst erzählen zu lassen". Die Fragen, deren möglichst genaue Beantwortung mir erwünscht wäre, sind die folgenden: 1. In welchem Jahre hat Ihre Zeitung zu erscheinen begonnen? Erscheint sie seither ununterbrochen? Wie oft? Eventuell Datum und Motive der Unterbrechung und des Wiedererscheinens. Sprache der Zeitung. 2. Ist die Zeitung Eigentum eines einzelnen, einer politischen Gruppe oder einer Aktiengesellschaft? In letzerm Falle womöglich Angabe des Aktienkapitals und Zusendung der Statuten. 3. Wie groß ist zurzeit die Auflage der Zeitung? Die Auflageziffern der frühern Jahre. Arbeitet die Zeitung mit Gewinn oder mit Verlust? Ist die Druckerei Eigentum der Zeitung? Druck- und sonstige Kosten. 4. Bezugspreis? Hat die Zeitung auswärtige Korrespondenten, und wo? 5. Name des Direktors oder Chefredakteurs. Falls die Zeitung schon mehrere Leiter gehabt hat, Name des ersten und des gegenwärtigen Leiters. Hat der Leiter auch noch einen andern Beruf, und welchen? Anzahl der Redakteure. 6. Welches literarische Genre pflegt die Zeitung vorzugsweise? Anzahl und Beruf der Mitarbeiter. 7. Aus welchen Bevölkerungsklassen setzt sich der Leserkreis zusammen? Hat das Blatt auch nichtjüdische Leser, und wieviel? 8. Bemerkenswerte Ereignisse. Beziehungen zu andern Blättern, zu den Lesern, zu den Behörden. Gilt für die jüdischen Zeitungen das allgemeine Preßgesetz oder sind sie besondern Bestimmungen unterworfen, und welchen? Evtl. Auszüge aus den betr. Vorschriften. 9. Welche Stellung nehmen die. jüdischen Zeitungen innerhalb der Presse des Landes ein. Evtl. Äußerungen der nicht jüdischen Zeitungen über die jüdische Presse. 10. Parteirichtung der Zeitung? Welches sind ihre Beziehungen zu den Männern des jüdischen öffentlichen Lebens? 11. Sind Spezialnummern erschienen? Aus welchem Anlasse?