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Die Welt · 1911-07-28 · 30 (28.7.1911) · page 23

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
30 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
– (sequence 23)
Language
German
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No. 30 DlE3§KELt 737 eine Vergnügungsreise nach Syrien, iPalästina und Ägypten. An dieser Reise beteiligen sich 350 Personen, darunter viele Juden. Durch die Veranstaltung wird vielen Jungtürken auch Gelegenheit gegeben, die Verbältnisse der jüdischen Kolonien kennen zu lernen und sich von den großen Vorteilen zu überzeugen, die das ottomanische Reich von einer jüdischen Ansiedlung in Palästina zu erwarten hat. Das Programm der Kommission für hebräische Sprache in Jerusalem Der Waad Halaschon Haibrith in Jerusalem, dem unter andern Ben- Jehuda, D. Yellin, Dr. Torczyner, Dr. Masie angehören, veröffentlicht jetzt die Grundsätze für seine Tätigkeit, die in fünf Sitzungen in langen Diskussionen durchberaten wurden und die alle Freunde des Hebräischen interessieren dürften. Die Grundsätze lauten: Aufgabe des Waad Halaschon. Die Aufgabendes Waad sind folgende: 1. die hebräische Sprache dazu geeignet zu machen, daß sie als gesprochene Sprache in allen Lebensverhältnissen, zu Hause, in der Schule, im öffentlichen Leben, in Handel und Wandel, in Handwerk und Industrie, in Kunst und Wissenschaft gebraucht werden kann; 2. auf den orientalischen Charakter der Sprache, ihre Aussprache, ihre Buchstaben im Wortbau und ihren Stil zu achten und zugleich ihr die nötige Biegsamkeit zu verleihen, damit sie die Gedanken unserer Zeit voll und ganz ausdrücken kann. Arbeit des Waad Halaschon. Damit der Waad seine Aufgabe erfülle, befaßt er sich mit folgenden Arbeiten: 1. Er publiziert jene Wörter, die sich bereits im hebräischen Wortschatz befinden, dem größern Publikum jedoch nicht bekannt sind; 2. er sucht die fehlenden Wörter durch Schaffung neuer Wörter zu ergänzen; 3. er ist bestrebt die orientalische Aussprache, die einen größeren lautlichen Unterschied der einzelnen Buchstaben aufweist, zur Geltung zu bringen; 4. er setzt die Orthographie und Syntax fest und macht auf die sich in die gesprochene Sprache und den Stil einschleichenden Fehler und Irrtümer aufmerksam. Sprachliche Quellen. 1. Der Waad durchforscht alle Gebiete der hebräischen Literatur und greift heraus: a) alle rein hebräischen Wörter, die im Laufe der verschiedenen Epochen gebildet worden sind. In Fällen, in denen der Sinn eines Wortes zweifelhaft ist, sucht der Waad auf wissenschaftlicher Grundlage den Sinn klarzulegen. Wo eine endgültige Klärung nicht möglich ist, zieht es der Waad vor, ein neues Wort zu schaffen, anstatt sich eines strittigen Wortes zu. bedienen; b) aramäische Wörter, insofern sie fehlende hebräische Wörter ersetzen: In diesem Falle bestrebt sich der Waad den Worten in bezug auf Form, Laut und Schreibart ein hebräisches Gepräge zu verleihen; c) nichtsemitische Wörter werden nur dann verwendet, wenn sie eine hebräische Form haben und schon lange in der Sprache eingebürgert sind. 2. Um fehlende Wörter zu ersetzen, schafft der Waad neue Wörter: a) in erster Reihe aus hebräischen Stammwörtern; b) in zweiter Reihte aus allgemein semitischen Stammwörtern, aramäischen, phönizischen, ägyptischen und insbesondere arabischen; c) nichtsemitische Wörter werden im allgemeinen vermieden; d) für wissenschaftliche Begriffe, für die in der alten Literatur noch kein Ausdruck geschaffen wurde, sucht der Waad die Bennenung gemäß der Bedeutung der Begriffe zu bestimmen und nicht den arischen Sprachen zu entlehnen; e) die neu zu schaffenden Wörter haben nicht bloß den sprachwissenschaftlichen, sondern auch den sprachästhetischen Anforderungen zu entsprechen. Rußland Zur Kiewer Ritualmordhetze In der Kiewer Ritualmordhetze ist wiederum eine neue Wendung eingetreten. Die zur Untersuchung der Angelegenheit aus Petersburg hergesandten Beamten waren zunächst mit großer Energie und Unbefangenheit an ihre Aufgabe gegangen. Sie gelangten bald zur Überzeugung, daß das Verbrechen vom Stiefvater des ermordeten Knaben, dem eine Reihe Personen assistiert haben müssen, begangen wurde. Sie machten auch kein Hehl daraus, daß die Untersuchung ursprünglich äußerst tendenziös geführt worden und vom Wunsche beseelt war, unbedingt einen „Ritualmord" zu ermitteln, wodurch die Angelegenheit verdunkelt wurde und wichtige Indizien verlorengingen. Diese Wendung der Sache, die die Verhaftung von Brichodjko (dem Stiefvater des ermordeten Juschtschinsky), dessen Schwager und einiger anderer Personen zur Folge hatte, paßte natürlich den Herren Patrioten nicht in den Kram. Es begann nun eine unerhörte Hetze gegen die Untersuchungsbehörde. Die „Russkoje snamja" schrie Zeter und Mordio gegen das Justizministerium, das sich in seiner Tätigkeit vom jüdischen Gel de bestimmen lasse. Das Untersuchungsmaterial werde vom Justizministerium durch Vermittlung der Hessen, Qurland (Gurland ist der getaufte Redakteur der antisemitischen offiziellen „Rossija"!), Sliosberg u. a. dem Kanal ausgeliefert; als Geheimpolizisten würden nach Kiew treulose Polen u nd Juden gesandt us w. Die Zeitung forderte die Regierung auf, dem Justizminister den strengen Befehl zu erteilen, daß er aufhöre, ein Spielzeug in den Händen der „Judenbengels Hessen und Winawer" zu sein, daß er ferner die nichtsnutzigen Untersuchungsbeamten ans dem Dienste jage usw. In ähnlicher Weise, agitierten 4ie andern patriotischen Blätter, die nicht aufhörten, über die Macbt des jüdischen Geldes zu wehklagen, der es zu verdanken sei, daß schuldlose russische Männer im Gefängnisse schmachten, während die verbrecherischen Rabbiner, deren Schuld zur Evidenz b3wies&n sei, frei umhergehen. Die skrupellose Agitation der patriotischen Blätter blieb nicht ohne Folgen. Die festgenommenen Verwandten des ermordeten Juschtschinsky wurden bald freigelassen, resp. sollen demnächst freigelassen werden. Nun wurde bereits eine neue D eutung des Verbrechens lanziert. Wie verlautet, wird nunmehr angenommen, daß der ermordete Knabe von seinen nächsten Verwandten den Zigeunern, die zur Zeit des Verbrechens in Kiew weilten, verkauft worden sei. Diese hätten versucht, den Knaben zu verstümmeln, um ihn so fürs Betteln zu präparieren. Juschtschinsky <it>er, — ein recht entwickelter und eigensinniger Knabe, hätte energischen Widerstand geleistet, worauf ihn die Zigeuner aus Furcht vor der Strafe ermordet hätten. Diese Version befriedigte im des die Herren Patrioten durchaus nicht. Mit großer Vehemenz tieten nun die „rechten" Preßorgane gegen diese Annahme auf, ,rda ja nur die Juden menschliches Blut gebrauchen". Dabei wird allerlei über die Machinationen der Rabbiner, die sich in Wälna versammelt hätten, um einen Plan zur Irreführung und Verwirrung der Angelegenheit auszuarbeiten, und des „Kanals" gefabelt mnd das russische Volk unzweideutig aufgefordert, die Konsequenzen aus der Affäre zu ziehen. Judenhetzen in Kursk Der Rabbiner zu Kursk hat sich an Sei Gouverneur wie auch an den Staatsanwalt mit einer Beschwerde anläßlich der in der Stadt in großen Massen verbreiteten Pogromaufrufe, wie auch anläßlich der unverblümten Pogromagitatiom der Zeitung „Kurskaja Bylj" gewandt. Vom Gouverneur erhielt er den Bescheid, daß dieser nicht in der Lage sei, etwas hierin m tun. Der Staatsanwalt verständigte den Rabbiner, daß er geeignete Maßnahmen ergreifen werde, um die Verbreiter des Pogrom auf rifes ausfindig zu machen; die Verklagung des Redakteurs der „Kursk aja Bylj" lehnte er indes ab und riet, sich diesbezüglich an den fjokurator der Gerichtskammer zu wenden. Geistlicher Antisemitismus Der wolhynische Bischof Antonius hat auf Veranlassung des Verbandes des russischen Volkes ein episkopales Rundschreiben erlassen, in welchem angeordnet wird, Juden keine Aufträge für Bau- und Verpflegungsunternehtnungen mw. zu erteilen. [^Nachrichten ^s] Die Sammlung für Drohobycz Die von dem Jüdischen NationalvereSn in Wien veranstaltete Sammlung für die Opfer von Crohobycz hat bisher 12674 Kr. ergeben. Die Sammlung wird fortgesetzt. Gleiche Subskriptionen sind in Gatizien, in der Bukowina, in Prag und im Brünn im Gange. Eine große Bibliothek von eineira Rabbinerseminar erworben Dank einer Spende des bekannten Philanthropen Jacob Schiff wurde die große Hebraica-Bibliothek des Prof. Kautsch für das Rabbinerseminar in New York erworben. Auswanderung persischer Juden nach Palästina Einer telegraphischen Meldung zufolge treffen dieser Tage ungefähr 100 obdachlose Juden aus Schiras (Persien) in Buschir ein. Infolge der Judenverfolgungen in Persien haben sie sich entschlossen, nach Palästina auszuwandern. Sie benötigen ca. 4000 Jt, um ihre Fahrt fortsetzen zu können. Die Ju den in Buschir appellieren daher an die jüdische Öffentlichkeit, Spendcer für diesen Zweck per Adresse E, D. Sasson & Co. in Buschir zu senden.

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