Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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736 DIE^ELT No. 30 zwecks Propagierung der zionistischen Idee in den Vereinigten Staaten. 2. Es sollen Komitees gegründet werden, deren Hauptaufgabe es ist, an Hochschulen und Universitäten Zionistenvereine zu gründen und die schon bestehenden zu reorganisieren. 3. Bei der Agitation ist großes Gewicht auf die Synagogen und hebräischen Volksschulen zu legen. 4. Die Delegiertön zum X. Kongreß sollen dafür eintreten, daß die verschiedenen Föderationen vollkommene Autorität erhalten und ihre innern Angelegenheiten unter sich selbst, ohne Einmischung des1 Kongresses, erledigen. Der Hauptmoment der Jahreskonferenz war die Verlesung des Palästinaberichts des Herrn Lewin Epstein. Die Kolonien seien in gutem Zustande, die geistige Lage der Kolonisten eine höchst befriedigende. Die jüdischen Kolonisten sind Männer, welche mehr oder weniger ihr Fach studiert haben und in mancher Hinsicht für alle Länder vorbildlich sein dürften. Die jetzt aus allen Ländern organisierten „Palästina-Reisen" bringen gute Resultate, da die Kenntnis des heiligen Landes die Liebe zu ihm verbreitet und oft auch die Ansiediung von reichen Leuten fördert. Die örangenpfianzungen wären zufriedenstellend. In Haifa und Jaffa werden Fabriken gebaut, die hauptsächlich Juden beschäftigen. Referent wies die Beschuldigung, daß die „Bezalel"-Schule meist arabischen Arbeitern Beschäftigung gäbe, energisch zurück. Der Bericht ist voll von interessanten Daten und wird, laut Beschluß der Konferenz, in vielen Tausend Exemplaren gedruckt und im Lande verteilt werden. Die neue Leitung besteht aus folgenden Herren: Dr. H. Friedenwald, Ehrenpräsident; Louis Lipsky, Chairman der Exekutive; Ab. Goldberg und S. Abel, Mitglieder des Administrationskomitees; Dr. de Sola Pool, M. Brodsky, H. Fromenson, Mitglieder des Exekutivekomitees, und N. Rosenblatt, Sekretär der Föderation. In das A. C. wurden vorgeschlagen die Herren: Dr. H. Friedenwald, Prof. Dr. Friedländer, A. Lubarsky, E.W. Lewin Epstein und Dr. Max Heller. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Schlimme Zeichen „Das Schicksal scheint mit unverwischbaren Lettern: ,Geh zugrunde!' auf unsere Stirne geschrieben zu haben", so schrieb der „Renin", der Nachfolger des „Tanin", vor wenigen Tagen. Die dumpfe Verzweiflung, die sich in solchen düstern Gesichtern kundgibt, hat nicht in hypochondrischer Überschwenglichkeit ihren Ursprung, sondern in der fatalen Logik der Tatsachen. Es gibt Leute, und die besten Türken gehören zu ihnen, die nur noch ein Wunder in der Fortexistenz der Türkei in ihrer heutigen Gestalt erblicken. Nichts will aber auch gelingen oder dauernd gelingen. Die albanischen Wirren, die durch die Siege Torgud Schefktts und die schöne Reise des Sultans so gut wie beendigt schienen, sind in Wahrheit alles eher als beendet. Die Zugeständnisse der Regierung wurden von den Rebellen nicht angenommen, die Ansprüche der Rebellen von der Regierung zurückgewiesen; nur die wenigsten Aufständischen kehren heim, neue Aufstände drohen in allen übrigen Zonen Albaniens aufzuflackern; Montenegro macht, unbekümmert um die Proteste der Pforte und die Intervention der Mächte, mit den Aufrührern gemeinsame Hand und die eigne Armee mobil; aus den freundschaftlichen Ratschlägen einiger Kabinette ist eine geradezu feindliche österreichisch-italienisch-russische Konstellation geworden, die der Türkei mit mehr oder minder sanfter Gewalt die albanische Autonomie abpressen will, den ersten Schritt zu jenem dezentralistischen Reichssystem, das wir in der Theorie zwar als das einzig angängige für die Türkei ansprechen müssen, das aber — wir müssen es offen gestehen — heute schon in der Praxis angewandt, die Türkei zerreißen und zersplittern muß. Sind die Gerüchte von einer griechisch-montenegrinischen Geheimabmachung Wahrheit? Wird Bulgarien, wenn es an der Grenze der Schwarzen Berge losgeht, gegen Mazedonien losschlagen? Wird Österreich Nowibasar wiederbesetzen? Wird Rußland die Schwarze-Meer-Flotte auf den Bosporus entsenden? Welchen Handstreich hat sich Italien vorbehalten? Niemand weiß das und möchte etwas davon glauben, aber alles wird gefürchtet. Und das allerschlimmste ist, daß dem fatalsten Ende nicht nur von außen, sondern mehr noch, mit diabolischem Eifer, von innen her zugearbeitet wird. Einer der bedeutendsten Söhne des Landes selbst, Ismael Kernal, der inoffizielle Führer der Abanesen, reist an den Höfen und Kabinetten Europas umher und zündet überall gegen sein Vaterland Feuer an. Das Reich ist schärfer, als je in seine Rassenelemente zerspalten und das stärkste Element, die heutige Stütze und hbffnung des Ganzen, die türkische Nation, in zwei Hälften zerrissen, die mit mehr Haß und Erbitterung einander verfolgen als zwei urfeindliche Völker könnten. Dabei trennt sie beide nichts als der Besitz der Macht; das Komitee hat sie, und die Opposition will sie haben; das ist alles. Das Endresultat dürfte sein, daß ein dritter — wer weiß wer — lachender Erbe der Streitenden sein wird. Die Machtbasis des Komitees ist stark erschüttert; aber die andern haben darum doch keine für sich gewonnen. Die Selbstzerfleischung ist bald auf dem Gipfel angelangt. Der politische Mord, begangen an dem oppositionellen Journalisten Seki Bei, der dritte politische Mord diesen Charakters seit der Begründung des Konstitutionalismus, hat die Gemüter wieder furchtbar aufgewühlt Einer der Mörder ist der Bruder eines Komiteedeputierten, desselben Derwisch Bej. der den Albanesen Ismail Kemal vor Monaten in der Kammer mit Schlägen überfallen. Das benutzt die Opposition, um das Salonikier Zentralkomitee als eigentlichen verborgenen Schuldigen hinzustellen. Diese Mordgeschichte, von der gewiß das Komitee selbst keine Ahnung hatte, hat alles das und noch mehr wieder vernichtet, was das Komitee durch die von ihm inscenierte und so prächtig gelungene Sultanreise an Popularität wiedergewonnen hatte. Die Stimmung ist so, daß Drohungen umliefen, wenn nicht bald die Mörder gehenkt und die Anstifter gefunden würden, so werde eine neue Revolution losbrechen. Nun, so schlimm wird das ja wohl noch nicht werden; aber die Anarchisierung der Gemüter schreitet mit beängstigenden Schritten vorwärts. Die Opposition gießt soviel Öl ins Feuer als sie kann; die demonstrative Selbstsuspendierung fast aller oppositionellen Blätter wirkte aufrührerisch vergiftend; und sowohl die Abreise der Familie des Komiteeführers Hussein Dschahid, von der die Rede geht, wie die Fahrt des Oppositionsführers Lutfi Fikri nach London, die bevorstehen soll, werden als Sturmzeichen angesehen. Eine Brandkatastrophe In den ersten Tagen dieser Woche ist Konstantinopel von einer furchtbaren Brandkatastrophe heimgesucht worden, die wenige Stunden nach der Freiheitsfeier hereinbrach. Es sind durchweg ärmere Bevölkerungskreise, darunter die jüdische Einwohnerschaft von Balat, betroffen worden. Der Brand, deran sechs Orten zugleich entstand, nahm solche Dimensionen an, daß die gesamte Garnison zur Unterstützung der ohnmächtigen Feuerwehr herangezogen werden mußte. Auch staatliche Gebäude, darunter das Archiv des Generalstabes, wurden vernichtet. Man befürchtet, daß auch Menschen ums Leben gekommen sind. Unter den Verwundeten befindet sich auch der Kriegsminister Mahmud Sehewket. Die Folgen der Katastrophe lassen sich noch nicht übersehen. Ebenso steht die Ursache noch nicht fest, und es ist vorläufig nur eine Vermutung, die die Entstehung des Brandes politischen Beweggründen zuschreibt. Nach einer späteren Nachricht sind bei dem Brande in Balat 2000 meist jüdische Häuser niedergebrannt, darunter mehrere Synagogen und Schulen. Das Elend der nach vielen Tausenden zählenden obdachlosen jüdischen Bevölkerung ist außerordentlich groß. Zu einer Beratung über die Mittel und Wege, wie der schweren Not wirksam abgeholfen werden kann, traten am 26. Juli unter dem Vorsitz des Großrabbiners sämtliche jüdischen Vereine Konstantinopels zusammen. * * * Infolge eines dringenden Appells aus Konstantinopel hat der Hilfsverein der Deutschen Juden angesichts des großen Unglücks eine öffentliche Sammlung eingeleitet um gemeinsam mit den übrigen jüdischen Institutionen eine rasche und zweckmäßige Hilfsaktion zu ermöglichen. Palästina Eine Vergnügungsreise nach Palästina Der Klub „Einheit und Fortschritt" in Saloniki veranstaltet am 6. August im Einvernehmen mit der Zentralleitung