Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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730 D!E3§£ELT No 30 der in sich eine Einheit bildet, dessen Seelenleben harmonisch ist, dessen Gefühle, Gedanken und Handlungen sich in Übereinstimmung miteinander befinden. Wichtigste Voraussetzung zur Persönlichkeit ist Konsequenz im Denken und Handeln, ein ununterbrochenes Sichtreubleiben in allen Lebenslagen. Sich treu bleiben, seiner selbst bewußt sein, seine Eigenart durchzusetzen suchen, man bezeichne diese Eigenschaft mit einem philosophischen Ausdruck, man reihe sie in die Begriffsterminologie ein, und man hat jene Eigenschaft, die von allen Kennern der jüdischen Seele als der vornehmste und hervorstechendste Zug unseres Volkscharakters hingestellt wird, jene Eigenschaft, die uns von unsern Feinden vorgeworfen wird, auf die wir aber stolz sind, den Individualismus, den Individualismus in seiner schönen Form. Dieser individualistische Zug also, seit jeher der wichtigste Bestandteil unseres Volkscharakters, — ppy n&p nennt uns schon die Bibel, — verleiht dem Juden von Haus aus jene Gabe, um die andere jahrelang ringen müssen, und prädestiniert so den Juden geradezu zur Persönlichkeit. Es kommt noch ein zweites Moment hinzu. Wenn man nach den Wegen sucht, die zur Persönlichkeitsbildung führen, so gibt es keinen sicherern und bessern, als den der Hingabe an eine große ■Idee. Denn wenn ich ganz und gar einer bestimmten Idee ergeben bin, für sie wirke und lebe, mich von ihr in all meinern Denken und Handeln, bestimmen lasse, so wird mein ganzes Leben notwendigerweise etwas Geschlossenes und Einheitliches werden und ich werde so jene Eigenschaft erlangen, die wir vorhin als die Eigenart der Persönlichkeit bezeichnet haben. DieHingabe an eineldee fällt aber keinem Menschen leichter als dem Juden. Und zwar ist dies in gewissem Sinne auch eine Folge seines Individualismus, seines Subjektivismus. Infolge seines starken individuellen Selbstbewußtseins, seines mächtigen Persönlichkeitsdranges wird es dem Juden schwer, schier unmöglich, gegenüber seiner Umwelt, seiner Berufstätigkeit, den Dingen mit denen er in Berührung kommt, Objektivität zu bewahren; er tritt stets zu ihnen in ein subjektives Verhältnis. Er liebt die Dinge oder er haßt sie; er bewundert seinen Mitmenschen oder verachtet ihn; er verficht eineldee oder bekämpft sie; niemals aber wird er indifferent beiseite stehen und die Dinge kaltherzig betrachten. Überdies richtet der Jude von Natur aus seinen Sinn auf das Ganze, durchschreitet den Weg stets bis zum letzten Zielpunkt. Darum: wenn der Jude sich einer Idee hingibt, tut er dies mit ganzer Seele, er opfert sich ihr auf, hängt ihr mit allen Fasern seines Herzens an. „Der Jude", sagt Martin Bub er in seiner feinsinnigen Einleitung zu den Geschichten des Rabbi Nachman, „opfert sich dem Nutzen hin, wenn er eine enge, er bring sich einer Idee dar, wenn er eine weite Seele hat." Daraus erklärt sich die Tatsache, daß man nirgends solche reine Idealisten und Schwärmer wie bei uns, nirgends aber auch solche Geldmenschen und Materialisten wie bei uns findet. Diese Eigenschaft nun der völligen Hingabe an ein bestimmtes Ziel befähigt den Juden gleichfalls von vornherein zur Persönlichkeit, ja zwingt ihn fast, eine solche zu werden. II. Und wie die jüdische Seele instinktiv zur Persönlichkeit drängt stellt der jüdische Geist nachdrücklichst die Forderung der Persönlichkeit auf. Dabei kommt eine Eigenschaft des jüdischen Geistes in Betracht, die auf all seine Schöpfungen den tiefsten Einfluß geübt hat, ich meine: sein Streben nach Einheit. Der jüdische Denker sucht überall in der Welt die Einheit, die Zusammenfassung möglichst vieler Einzelerscheinungen untef einem Begriff, die Aufdeckung der innern Zusammenhänge zwischen den verschiedensten Dingen. Dieses Einheitsstreben weist kein anderer Volksgeist in solch hohem Maße auf wie der jüdische. Nur so ist es zu erklären, daß das jüdische Volk als einziges in der Weltgeschichte in so früher Zeit schon von dem Gedanken eines einzigen Gottes durchdrungen war, als erstes auch den Begriff der einen Menschheit geboren hat. Und ebenso wie das Judentum die Vorstellung des einen Gottes gekannt, die Vorstellung der einen Menschheit geschaffen, so hat es auch die des einen Menschen gebildet, d. h. des Menschen, der in sich eine Einheit bildet. Nicht nur Einheit in der Begriffswelt, Einheit in der Natur, Einheit in der Menschheit, sondern auch in der Seelenwelt des einzelnen, innere Geschlossenheit, seelische Harmonie. So hat das Judentum zum erstenmal in der Weltgeschichte das Postulat der Persönlichkeit erhoben, und, seiner ganzen Natur nach mehr darauf bedacht, die Idee in Tat, das Postulat in Wirklichkeit umzusetzen, hat es auch zum ersten Male versucht, seine Bekenner zu Persönlichkeiten zu erziehen. Es tat dies in einer ganz -eignen Art, die die Verfechter des modernen schrankenlosen Individualismus gewiß nicht werden gelten lassen wollen, die aber für unser Volk die einzig mögliche und auch richtige war. Er versuchte nämlich, das gesamte Leben eines jeden einzelnen zu umfassen, alle Handlungen und Lebensverrichtungen seiner Bekenner bis ins kleinste zu regeln und dafür feste Normen aufzustellen. Da all die Vorschriften nun aus einem Geiste geboren waren, so mußte das Leben des Juden, der sie befolgte, notwendigerweise etwas Geschlossenes, Einheitliches, Znsammenhängendes werden, der Jude selbst aber, der bei der Ausübung jedes Gesetzes sich bewußt war, der einen Gottesidee zu dienen, fast ohne es zu wollen, zur Persönlichkeit sich heranbilden. Diese Art der Erziehung zur Persönlichkeit mag, — wie gesagt — in unserer Zeit, die das unbeschränkte „Sich-Ausleben" des Individiums zum höchsten Ideal erhoben hat, nur bei wenigen Verständnis finden. Schließlich kommt es ja aber bei einer Erziehungsmethode vor allem auf die Wirkung, auf den Erfolg an; und der Erfolg, den das Judentum in seinem Erziehungswerk erreicht, ist glänzend, fast erstaunlich. III. Dieser Erfolg läßt sich erst am Golusjuden wahrnehmen, denn erst dem Golusjuden, den allen fremden störenden Einflüssen entrückten Golusjuden war es möglich, sein Leben ganz dem jüdischen Gesetz anzupassen. Und betrachtet man diesen Golusjuden, lernt man ihn kennen, man wird über die machtvolle Persönlichkeit staunen, die ihm innewohnt. So paradox dies klingt, es ist so. Dieser elende, schmutzige, mit krummen Rücken daherschreitende Jude mit den eingefallenen Wangen und dem scheuen Blick, dieser Golusjude ist eine Persönlichkeit In der eisernen Konsequenz betreffs der Ausübung seiner Religionsvorschriften, in der bewundernswerten Anhänglichkeit an die von altersher überlieferten Ideale, in der Begeisterung für seine Kulturgüter und in der heldenhaften Bereitwilligkeit, sich ganz für sie zu opfern, ist jeder durchschnittliche Golusjude eine Persönlichkeit, wie man sie heutzutage nicht oft findet. In ihm ist alles geschlossen, sein Glauben und Denken ist einheitlich, er kennt keine Zweifel, er weiß nichts von Widersprüchen, er schwankt nicht und zögert nicht, er weint und hofft, er klagt und tröstet sich, aber sein Weinen ist wahr und sein Hoffen echt, und so erscheint er uns als eine vollendete Persönlichkeit. Und zwar als eine Persönlichkeit ganz besonderer Art, die uns heutzutage fremd ist. Wir modernen Menschen sind gewohnt, bei einer Persönlichkeit höchste Tatkraft und größte Energie vorauszusetzen, sind gewohnt, die Persönlichkeit mitten im Lebenskampfe tätig zu sehen, erwarten von ihr Taten. Eine solche Persönlichkeit ist der Golusjude nicht. Er ist vielmehr eine mehr passive Persönlichkeit, die sich darauf beschränkt, alles gottergeben hinzunehmen^ohne zu murren und trotzt aller Anfechtungen und Leiden auf ihrem Standpunkte zu beharren. Der Grund hierfür ist in dem Ideal zu suchen, dem der Golusjude lebt, daß ihn völlig beherrscht und ihn gerade zur Persönlichkeit werden läßt: im Messianismus. Infolge dieses Ideals konzentrierte der Golusjude seine Hoffnungen, Wünsche und Gedanken stets au jene ferne Zeit, da der Messias sein Volk nach seinem Lande zurückführen wird; dadurch verlor die Gegenwart für ihn alle Bedeutung,