Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-07-28 · 30 (28.7.1911) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
30 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316491--54794-3348596
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

sie war nur die Brücke, die zur messianischen Zukunft führt«, an und für sich war sie ihm nichts, war sie nicht wert, daß er ihr seine Kräfte weihte. Und diese seine Passivität seiner Gegenwart, seiner Welt gegenüber ist der Grund, daß wir modernen Menschen im Goluthjuden nicht die Persönlichkeit auf den ersten Blick erkennen, ja daß er in unserer Zeit manchem geradezu verachtungswürdig erscheint. Man muß ihn erst kennen lernen, sein Seelenleben verstehen und erfassen können, um die starke Persönlichkeit in ihm wahrzunehmen. In dieser Eigenschaft des Golusjuden ist im letzten Grunde die Erklärung enthalten, daß wir zwei Jahrtausende hindurch allen Anfeindungen zum Trotz unser Volkstum behauptet liaben. Wir blieben Juden, nicht weil wir scharfsinnige Denker» sondern weil wir starke Persönlichkeiten waren; denn Treue, Ausdauer, Opfermut und Standhaftigkeit sind nicht die Attribute großer Geister, sondern ganzer Männer, wahrhafter Persönlichkeiten. IV. All dies änderte sich erst, nachdem das Ghetto gefallen und die Epoche der Emanzipation gekommen war. Denn nun fielen zum Teil die zwei Faktoren weg, die uns zu Persönlichkeiten gestaltet hatten: das Leben unter einem Gesetze und das Leben für ein Ideal. Der Geist, der bisher das Wesen der Juden beherrscht hatte, wurde aus seiner absoluten Herrschaft verdrängt und ein zweiter, fremder ihm beigegeben; die Kultur, in deren Mitte der Jude bis dahin gelebt hatte, wurde beiseite geworfen und eine neue, fremde trat an ihre Stelle. Der Jude, der so unvermutet die europäische Kultur erblickt hatte, brannte danach, sie in sielt aufzunehmen, und da er glaubte, daß in seiner Seele für sie kein Platz mehr war, warf er die jüdische Kultur hinaus und setzte die europäische an ihre Stelle. Dies alles hätte noch nicH den Verlust der Persönlichkeit zur Folge gehabt, wäre es dem Juden wirklich gelungen, sein Wesen ganz und gar zu ändern, mit einem Schlage Europäer statt Jude zu werden. Dies war ihm Nabe=r unmöglich, unmöglich aus Gründen, die der in seinem Durste nach Kultur und Gleichberechtigung und in seiner Weltbürgertumsschwärmerei befangene Jude der Emanzipationszeit wohl nicht merkte, die wir aber heute schon seit langem erkannt haben. Trotz aller Wünsche, ganz und gar Europäer oder vielmehr Deutscher, Franzose oder Engländer zu werden, bewahrte der assimilierte Jude einen beträchtlichen Teil seiner nationalen Eigenart, blieb in meinem Wesensgrunde Jude. So gerieten bei ihm Wollen und S&in in Konflikt, er erstrebte ein Ziel, das zu erreichen ihm unmöglich war, und die Folge davon war ein tiefer Riß in sfcinem Seelenleben. Die innere Einheit, die er bisher besessen hatte, ging in die Brüche. Hierzu kam noch ein zweites Moment, das bereits in der letzten Zeit des Ghettojudentums zutage getreten war, der Verlust der innern Würde. Der Golusjude, der seine Kultur für die größte und erhabenste hielt, war auf sein Judentum stolz:, und die Demütigungen seitens seiner Gegner konnten ihm nichts anhaben. Und da er auch an die einstige Wiederaufrichtung seines Staatswesens im Lande seiner Väter unerschütterlich glaubte, so besaß er nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine nationale Würde. Dieses Bewußtsein der innern Würde war allmählich geschwunden, schon beim Ghettojuden. Die Hoffnung auf die messianische Zeit war bei einem Teil des Volkes durch den völligen Bankrott der Unternehmungen Sabbätai-Zwis stark ins Winken geraten und die Kenntnis der nationalen Kultur und Geschichte nahm bei den westeuropäischen Ghettojuden — und diese -waren es ja in erster Linie, die sich dann assimilierten — immer m&hr ab; So war ihre innere Würde geschwunden, infolge der Demütigungen ihrer Gegner verloren sie jede Achtung vor sich selbst und dadurch allein war schon ihre Unfähigkeit, Persönlichkeiten hervorzubringen, bedingt. Und dazu kam noch die innere Zerrissenheit, die ihnen die letzte Möglichkeit zur Persönlichkeit raubte. Und so kommt es denn, daß wir unter den modernen Julien in der Tat so wenig Persönlichkeiten finden. Dies nahm ihnen aweh die Fähigkeit zu wirklich ewigen Kulturschöpfungen und unvergänglichen Werken; kein moderner jüdischer Dichter der dem Judentum den Rücken kehrte, hat ein unsterbliches Werk geschaffen, es sei denn, daß es, wie bei Heinrich Heine, eboen wegen seiner innern Zerrissenheit unsterblich wäre. Und ilies fühlen diese Juden instinktiv wohl selbst. Daher ihr oft leidenschaftlicher Haß gegen das Judentum. Sie empfinden es, daß :sie es ihm zu verdanken haben, wenn sie innerlich so gespalten sind, wenn sie unfähig sind, Persönlichkeiten zu werden. Und — es ist eine bekannte psychologische Regel — wenn man die Ursache eines Obels kennt und kann sie nicht ändern, so haßt man sie. Und diese Juden kennen eben zum Teil den Weg nicht, der sie zur Persönlichkeit führen würde, können, diesen Weg oft nicht mehr einschlagen, wollen ihn aber zum großen Teil auch nküi betreten. V. Und wie ist es mit den Juden, die diesen Weg zu betreten wissen, die ihn betreten können und wollen? Wie ist es — nind damit komme ich zu dem praktischen Resultat dieser theoretisdiien Ausführungen — wie ist es mit uns Nationaljuden in dieser Beziehung? Haben wir bereits die Stufe der Persönlichkeit erreic ht, die wir mit dem Augenblicke erreicht hätten, da wir Volljuden geworden wären? Nun, wer die Wahrheit kennt und sich nicht scheut, sie zu sagen, wird zugeben müssen, daß wir da noch eine länge Entwicklung durchmachen müssen um wieder so weit zu sein, wie unsere Ahnen im Ghetto waren. Der Riß in unserer Seele ist noch nicht geheilt; ja die Heilung wäre eine schlechte gewesen, wäre sie schon vollzogen. Es ist eine bekannte Regel, daß ererbte Krankheiten am schwersten zu heilen sind, und für seelische Gebrechen gilt fiies erst recht. Seit mehr als 100 Jahren kranken wir an der Seele, und um unsere hundertjährige seelische Zerrissenheit selbst heilen zu können, dazu gehört eine ungeheure Willenskraft, gewaltige Energie. Diese aber fehlt uns noch zum großen Teil. Wie \Sele Nationaljuden findet man, die ihrem Bekenntnis nach Volljuden sind, ihrer individuellen Kultur, ihrem Denken und Schaffen nach aber sehr wenig jüdisch erscheinen. Mit dem Bekenntnis allein, mit dem Willen allein ist es nklit getan; jeder national gesinnte Jude muß es als seine Pflicht ansehen, die Wegstrecke, um die seine Ahnen sich vom Judentum entfernt haben, wieder zurückzulegen, ohne aber die kulturellen Güter, die sie auf dieser Wegstrecke erworben haben, etwa wiesd<er aufzugeben; er muß die jüdische Kultur, die sie von sich geworfen haben, wieder in sich aufnehmen, und das, was sie als Grundlage ihrer geistigen Bildung angesehen haben, die europäische Kulttur, nur Überbau sein lassen, der sich auf dem starken Grunde der jüdischen Volkskultur,/ erhebt. Dies ist gewiß eine schwere Aufgabe, aber sie ist nicht zu umgehen. Nationales Juden tum bedeutet kein bloßes politisches Parteibekenntnis, sondern eine völlige Umwandlung unsers Ichs, eine Umformung unsers Seelenlebens. Das ist aber auch zugleich das Große und Wunderbare an unserm nationalen Judentum: daß es dem, der es ganz erfaßt und in sich aufgenommen hat, das Schönste verspricht, das Menschen auf Erden beschieden ist: die Persönlichkeit. Freilich, der neue Volljude wird eine andere Persönlichkeit sein als sein Ahne im Ghetto; war jener nur in der Passivität groß, so wird sein Enkel aktiive Persönlichkeit sein, die in den Lauf des Lebens, in das föad der Geschichte tätig eingreifen will. Ist doch das Bedeutungsvollste, das der Zionismus geschaffen hat, die Negation äes Golusprinzips, die Verneinung des bloßen passiven Widerstan ds. Wir wollen handeln, nicht allein hoffen, sondern unsere Hoffnung in Wirklichkeit umzusetzen suchen. Und in demselben Maße wie die Aktivität höher als die Passivität, wie die Tat schöner als die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.