Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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No. 30 HE Wl ELT 729 Als Organisationsform dürfte eine solche in Betracht kommen, die die großen in dieser Hinsicht bestehenden Unterschiede unberührt läßt. Die freie Vereinigung der russisch- und der holländischjüdischen Studenten wird neben den deutschen Verbindungen bestehen bleiben; keiner versuche seine Form als die superiore Jen andern aufzudrängen. Deshalb soll die Organisation eine Föderdion der bestehenden Vereine werden, die außerdem sich bemühen soll, überall dort, wo es noch keine zionistischen Studentenvereine gi bt, solche zu bilden auf einer Organisationsbasis, die sich den örtliclten Verhältnissen am besten anpaßt. Diejenigen, die mit einer vorläufigen Konferenz einverstanden sind, bitte ich, mir kurz schriftlich ihre Zustimmung bekannt zu geben. Ich werde dann so bald als möglich in diesem Blatte anzeigen, wo und wann (während des Kongresses) die Zusammenkunft stattfinden wird. Bottmingen bei Basel. L. S. Ornstein. Eine allstudentische Organisation Von B. Papert, Zürich. Herr Prof. Or nst ein, der Generalsekretär des Kongreßbureaus und Delegierter holländischer Studenten auf dem Kongreß, Miat vorletzten Sonntag im akademischen Zionistenverein in Bern «die Frage aufgeworfen, ob die Gründung einer Weltorganisation zionistischer Studenten wünschenswert und möglich wäre. Herr Prof. Oinstein wird sich mit den verschiedenen in Betracht kommenden Vereinen Deutschlands, Österreichs, Hollands, Englands und der Schweiz zu diesem Zwecke in Verbindung setzen. Gleichzeitig läßt er in der „Welt" einen diesbezüglichen Aufruf erschein-en. (Siehe oben.) Wenn schon auch nicht viel Zeit dazu übrig geblieben dst, so wäre es doch angebracht, eine Diskussion darüber zu eröffnen, inwiefern eine solche Organisation dem Zionismus nützen könnte und ob die Basis vorhanden ist, auf der eine Vereinigung des zionistischen Verbindungsstudenten Österreichs und Deutschlands und des mehr auf Kulturarbeit und innere jüdische Ausbildung Wert legenden osteuropäischen Studenten zur gemeinsamen Tätigkeit sichermöglichen ließe. Unter osteuropäischen Studenten ist Torzugs weise der in Westeuropa studierende russische Jude zu verstellen. Ihm geistig nahe steht der galizische zionistische Student, soweit er nicht inkorporiert ist, und so sonderbar es auch klingen mag, der holländische und englische Student. Die in Rußland selbst studierenden Zionisten werden, wie die Verhältnisse jetzt dort liegen, nicht mitmachen können, ohne sich großen Gefahren auszusetzen. Daß eine Organisation der akademischen Jugend der nationalen Idee unendlich viele gute Dienste leisten wird, unterliegt keinem Zweifel. Wer die Geschichte der Befreiungs und Freiheitskämpfe anderer Völker verfolgt hat, kennt sicherlich auch die Rolle, die die Studenten überall dabei gespielt haben, und weiß sie zu würdigen. Auch in unserer Bewegung wird ihnen daher ein breites kulturelles Arbeitsfeld eingeräumt werden müssen, wenn wir auf ihr fortdauerndes Interesse und ständiges Mitarbeiten rechnen wollen. Betrachten wir einen jeden als Zionisten, der einen Schekel zahlt und die zionistischen Institutionen unterstützt, so mag das wohl für andere genug sein. Vom Studenten müssen und dürfen wir mehr verlangen. Der Student wenigstens soll in der Sache seines Volkes seine eigene sehen. Eine Studentenorganisation kann ihre Mitglieder zu vielem verpflichten. Um nur ein Beispiel zu nennen: sie kann die Erlernung des Hebräischen ihren Angehörigen gegenüber als conditio sine qua non aufstellen, was die zionistische Organisation als solche niemals tun darf. Eine Gefährdung des Studiums würde durch eine solche Forderung nicht entstehen. Kommt eine Organisation zionistischer Studenten zustande, so wird sie in kurzer Zeit, wenn sie den richtigen Weg einschlägt, unserer Bewegung ein Heer intelligenter, nationaler Juden zuführen, das ihr den Schwung der Herzltage wieder verleihen wird. Durch Selbsterziehung für die Verwirklichung unserer Ideale vorgebildet, für das Judentum alles aufzuopfern bereit, körperlich und geistig gesund, was könnten sie nicht vollbringen? Und die Selbsterziehung zu ganzen und gesunden Menschen" soll das Hauptziel unserer Studentenorganisation sein. Um aber ganze Menschen, Charaktere zu bilden, müssen die Juden vor allen Dingen zum Judentume zurückkehren. Zu dieser Erkenntnis hat uns ja der Zionismus gebracht. Daher wird die Erziehung zu Vollblutjuden unser Hauptbestreben sein. Wollen wir aber in der kulturellen Arbeit das einigende Moment für die Organisation finden, so ist die Frage nicht zu umgehen: Werden die deutschen und österreichischen akademischen Gesinnungsgenossen dazu zu bringen sein, im Interesse höherer Ideale von ihrer in den Verbindungen bestehenden Exklusivität abzusehen und zusammen mit Nichtinkorperierten in der Organisation zu arbeiten? Mögen die Ansichten über das Verbindungswesen noch so sehr differieren, es steckt in den Korporationen unserer zionistischen Kommilitonen eine nationale Arbeitskraft, die wir bei Gründung einer Weltorganisation zionistischer Studenten nicht übergehen dürfen. f□□□□□□ >> - FEUILLETON o □□□□□□ ev JUDENTUM UND PERSÖNLICHKEIT Ein Essay Von Nah um Goldmann, Frankfurt a. M. Persönlichkeiten erziehen ist das wichtigste Postulat aller modernen Pädagogik. Möglichst viele Persönlichkeiten ausbilden, ist das höchste Ziel jeder idealistischen Volkskultur. Persömlidikeit werden ist das schönste Ideal jedes Menschen. Je mehr der Mensch Persönlichkeit ist, desto größern Einfluß besitzt er auf seine Mitmenschen, desto nachhaltigere Wirkung übt er auf seine Umwelt aus. Je reicher ein Volk an Persönlichkeiten ist, utn so machtvoller seine Stellung, um so umfassender seine Kultur, uin so reicher sein Geistesleben. I. Uns Juden spricht man oft die Persönlichkeiten ab; man sagt, wir seien reich an fähigen, begabten, talentierten Menschen, aber arm an Charakteren und Persönlichkeiten. Dieser Vorwurf wird nicht nur von jenem antisemitischen Mob erhoben, dessen Anklagen nur Verachtung hervorrufen können; man hört ihn oft auch aus dem Munde von Männern, die über den Verdacht der geisingen und moralischen Zugehörigkeit zu diesem Mob erhaben sind, Es muß also doch wohl ein Körnchen Wahrheit darin stecken. "Und — seien wir ehrlich — ganz unbegründet ist diese Charakterisierung unserer Wesenheit in der Tat nicht. Wo in aller Welt findet man ein anderes Volk, das ebenso reich wäre an seelisch verkrüppelten Jammergestalten, schwankenden, haltlosen Naturen, innerlich gebrochenen Existenzen auf der einen Seite, und feigen Charakteren rückgratlosen Knechtseelen auf der andern Seite wie das jüdische? Es ist wahr, wir sind nicht reich an Persönlichkeiten. Doch fragt es sich, ob wir es auch niemals waren; denn wenn wir es einst waren, so können wir es ja wohl wieder werden. Die Fragestellung darf nicht lauten: Ist der moderne Jude — im allgemeinen — keine Persönlichkeit, sondern: Ist der Jude an sich keine Persönlichkeit, oder präziser ausgedrückt: Bilden die Begriffe Jude und Persönlichkeit einen Gegensatz? Doch was verstehen wir unter einer Persönlichkeit? Man streitet heutzutage oft über die verschiedensten Begriffe, ohne sie vorher genau definiert zu haben; und wenn man endlich zur Begriffsbestimmung gelangt, stellt es sich bisweilen heraus, daß ein jeder der Streitenden unter dem umstrittenen Begriff etwas anderes versteht Darum ist es besser, wir umgrenzen zuerst den Begriff der Persönlichkeit. Ich verstehe darunter einen Menschen,