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Die Welt · 1911-07-28 · 30 (28.7.1911) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
30 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
– (sequence 14)
Language
German
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> 728 DIE3§ „Bourgeoisie" hatte noch so viel patriarchalisch-traditionelles, hatte so wenig soziales an sich, daß man sie gar nicht klassifizieren, noch weniger aber kritisieren konnte. Die Gegner des Zionismus — ich wiederhole es, ich meine nicht die „liberalen" Assimilationsjuden, denn die waren überhaupt keine Gegner, sie haben sich einfach um die ganze Judenfrage nicht gekümmert — die Gegner aus sozialen und ideologischen Motiven haben nun mit Recht darauf hingewiesen, daß die Judenfrage gleichfalls ein sich immer mehr differenzierender Komplex von Erscheinungen ist, den man nicht mit einer einzigen Formel lösen kann. Sie haben ferner auch darin Recht behalten, daß eine Volksbewegung nicht von romantischen Voraussetzungen ausgehen und in mystischen Häfen landen darf. Der Zionismus war nämlich von allem Anfang dazu prädestiniert, Romantik zu werden, in Mystik sich aufzulösen. Er ging ja vom Begriffe des „Judentums" aus, von der „Idee". Ich weiß sehr wohl, daß der Autor des „JudenStaats" vom Mystizismus, von der romantischen Verherrlichung des „jüdischen Geistes" weit entfernt war, daß er vielmehr ein sehr klar und nüchtern denkender Mensch war. Aber er hat die soziale Seite der Judenfrage nicht zur Genüge gewürdigt. Er nahm die Sache allzu politisch. Und so kam es, daß die. Endziel-Idee auf Kosten der sozialen Frage im Judentum überwog. Und so kam es, daß die Grundformel der Bewegung nicht, wie man hätte erwarten sollen, „die Schaffung einer Heimstätte für diejenigen, welche wegen des Judentums moralisch und materiell leiden", gelautet hat, sondern der Schwerpunkt auf die „Assimilation" gelegt wurde, was wohl ein sehr vieldeutiges Kriterium ist. Dies gab von vornherein der Bewegung einen viel zu allgemeinen, verschwommenen Charakter. Die Keime der Absplitterung waren von allem Anfang an gegeben. Die jüdischen Massen des Ostens litten ja gar nicht an dem „Sichnichtassimilierenkönnen". Sie führen einen verzweifelten Lebenskampf, sie sind halb oder ganz proletarisiert. Sie führen diesen Kampf als Juden, aber auch als Glieder einer bestimmten wirtschaftlich-gesellschaftlichen Ordnung. Als Kleingewerbetreibende, als Lohnarbeiter, als Luftmenschen und Lumpenproletarier, die mit der ökonomischen Entwicklung ihrer Wohnländer nicht schritthalten könnnen. Das Programm des Zionismus müßte deshalb nicht ein ausschließlich nationales, sondern ein national-soziales sein. Das war es aber nicht. Die Leitung der Bewegung befand sich in den Händen der Ideologen. Wenn wir z. B. uns nach dem Osten wenden, so sehen wir dort eine urwüchsig-„bourgoise" Figur wie Ussischkin, dem (wie man ihm nachsagt, und was wohl zutreffen wird) „eine Ziege in Palästina wertvoller ist, als das jüdische Proletariat". Das mag nun vom romantischen Standpunkte sehr schön sein, für das Wachstum und Gedeihen einer Partei ist eine solche „Ideologie" alles eher als fördernd. Womit haben sich die Kongresse beschäftigt? Etwa mit der jüdischen Not, mit der Auswanderung, mit der jüdischen Ökonomie? Hat man von offiziell-zionistischer Seite, sozusagen excathedra auch nur den Versuch gemacht, diese Fragen anzuschneiden und Mittel zur Linderung des jüdischen Elends im Osten vorzuschlagen? Man hat über Nationalismus und Kultur gesprochen. Schön, — aber was hat das Volk davon? Was haben die Delegierten den breiten Massen mitbringen können? Etwa den Beschluß, daß man in hebräischer Sprache offiziell verhandeln wird? Welchen Trost, welchen Hoffnungsschimmer konnten sie den Darbenden und im Lebenskampf sich Aufreibenden bringen? Was kümmert den einfachen Juden die Frage, ob — „jüdisch oder hebräisch"? Als ob es nicht rein akademische Probleme wären? Und auf dem kulturellen Gebiet? Was kann das hebräische Gymnasium in Jaffa dem jüdischen Bildungsdrang bieten? Es ist ja eine nicht zu unterschätzende Tat. Und ich bin der Letzte, der den Wert der praktischen Arbeit in Palästina verkennen würde. Aber es sind Luxustaten. Das Notwendige aber hat man unterlassen. Notwendig ist nun die Erweiterung der Kolonisation, die Regelung der Auswanderung, die Ausforschung neuer Aus wanderungsplätze, die Errichtung von Kreditgenossenschaften, Kooporationen, Volksbanken, die Reform der Gemeinden, Reformen auf allen Gebieten des jüdischen täglichen Lebens. Und dies — hic et nunc, an Ort und Stelle. Der Zionismus hat die Möglichkeit gehabt, die Zentralbewegung des jüdischen Volkes zu werden. Alle Fäden in sich zu vereinigen, alle tätigen Kräfte zu konzentrieren. Er hat diese Möglichkeit nicht ausgenutzt. Und die Folge war, daß die ganze Arbeit des Zionismus in Brüche gegangen ist. Diese Arbeit ersehe ich wahrlich nicht in den Kongressen, nicht im „Bezalel", nicht in dieser oder jener Leistung, sondern in der Organisation. Gerade diese hat ja dem modernen Judentum gefehlt. Als die religiöse Form vollständig oder halb zertrümmert wurde, mußte eine neue gefunden werden. Und die konnte keine andere sein,' als die national-soziale. Der Zionismus hat den Versuch gemacht. Aber er begnügte sich einzig und allein mit dem nationalen Moment, und das war sein Verhängnis. Heute ist der „Bund" (ich nehme diesen Namen als Kollektiv- [ELT - No. 30 begriff für alle sozialistischen Strömungen innerhalb des Judentums) den einfachen Juden viel klarer und verständlicher, ja seelisch näher als der Zionismus. Denn jener spricht ihm von Heute, dieser aber von Morgen und Übermorgen. Deshalb ist es auch erklärlich, daß in Galizien die Massen dem Zionismus entfremdet sind, daß die Organisation in Rußland geschwächt ist, der Resonanzboden fehlt. Kann sich das Rad noch wenden? Ja, aber nur dann, w§nn der Zionismus von Grund auf reformiert, das Baseler Programm revidiert und den Verhältnissen angepaßt, die ganze Richtung geändert wird. Es ist noch nicht zu spät Der Zionismus hat den Vorzug vor allen anderen Programmen des Judentums, daß er ein Totalitätsziel hat, daß er radikal ist,, radikaler als so mancher Zionist glaubt. Nur muß dieser Radikalismus sich auch kundgeben. Die Partei ist vielzusehr eine „bourgoise", volksfremde geworden. Über dem Volke erhaben zu sein, in den Wölken zu tronen, dürfen sich wohl Individuen erlauben, eine Partei, die auf das Volk angewiesen ist, geht daran zugrunde. Der Zionismus muß aus dem Stadium der Romantik in das des konstruktiven Schaffens treten, er muß jede Einseitigkeit und Verschrobenheit von sich werfen, er muß sozial werden .... Und dies zu tun, den Grundstein zur radikalen Reform der Partei zu legen, neue Werte und Gesichtspunkte in die zionistische Bewegung hineinzubringen, die alten Gegensätze auszugleichen und in einer neuen Synthese zu vereinen, dies und dies allein müßte die Aufgabe des kommenden Kongresses, des Jubiläumskongresses sein: Caveant consules! ... An die zionistischen Studentenvereine und Studenten Anläßlich des zehnten Zionistenkongresses wird eine große Zahl zionistischer Studenten nach Basel kommen. Dies veranlaßt mich, mich an die bestehenden Organisationen und nichtinkorporierten zionistischen Studenten zu wenden, um sie zu einer Konferenz einzuladen zur Besprechung und Vorbereitung einer Weltorganisation der zionistischen Studenten. Ich bin zwar Alter Herr, die Sache scheint mir aber, besonders nach den Unterredungen, die ich in diesen Tagen mit den osteuropäischen Berner Studenten gehabt habe, von so großer Wichtigkeit, daß ich mich dazu gezwungen fühle, einen Versuch zu machen, etwas in dieser Hinsicht zustande zu bringen. Obgleich die Vorbereitung und die Aufgaben dieser Organisation auf der erwähnten Zusammenkunft gründlich besprochen werden sollen, möchte ich doch einen flüchtigen Umriß dieser Aufgaben schon hier zeichnen. Die Hauptaufgabe dieser Organisation wird ohne Zweifel die sein, ein Band zwischen den zionistischen Studenten der verschiedenen Länder zu knüpfen, welches ihnen sowohl in zionistischer Hinsicht als auch in Studienangelegenheiten nützen soll. Man wird weiter danach streben müssen, der in so verschiedener Weise assimilierten Jugend Einheit der Gesinnung zu bringen. Der deutsche Verbindungsstudent soll die Osteuropäer achten lernen, die mit so großer Hingebung sich wissenschaftlich zu bilden versuchen und deren Judesein so viel natürlicher und ungezwungener Jist als das seine. Dem Osteuropäer wird es dann leichter fallen, zu verstehen, daß der Weg zum Zionismus für die Westler schwerer war als für ihn, und so wird er glauben, daß es, wenngleich die Form eine andere ist, auch bei den Westlern ein warmes jüdisch-nationales Empfinden gibt. Und wenn er das erkannt hat, so wird es ihm vielleicht auch leichter fallen, von den anderen zu lernen, was ihm fehlt. Für unser Volk und für unsere Bewegung dürfte dies von großer Bedeutung werden; denn wenn unsere Intelligenz so eins werden wird, wird es auch leichter sein, diese Einigkeit auch unserem Volke zu geben. Als Programm möchte ich beantragen: die gemeinschaft. liehe Arbeit an der Kulturfrage; und an erster Stelle eine kräftige Förderung des Hebräischen bei der studierenden Jugend. Weiter eine systematische Vorbereitung unserer jungen Leute zur Arbeit in Palästina.

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