Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 30 DIES^ELT 727 Ein Kongreß-Präludium*) Von Dr. A. Coralnik, Wien „Zeit ist zu bauen" Es ist an der Zeit, offen zu sprechen. Die Ereignisse in Galiziefi, die Stimmung allerorts zwingt zur rücksichtslosen Aussprache, zur Oberprüfung und Kritik. Ich erinnerte an Galizien. Ist es nicht symptomatisch im höchsten Grade, daß die zionistische Partei in Galizien vor vier Jahren drei Abgeordnete in den österreichischen Reichsrat entsenden konnte und daß es ihnen jetzt nicht gelungen ist, auch einen einzigen durchzubringen. Gewiß, das allein wäre kein Beweis. In Galizien geschehen auch sonst Zeichen und Wunder. Galizien ist das Land der unbeschränkten Absurditäten und Wahlfälschungen. Gewitf, gegen die Zionisten haben sich diesmal alle koaliert, die Polen und die Moszko-Polen, die „Herren" und die Knechte (leider ohne Anführungszeichen). Und doch ist die. Niederlage der Zionisten eine recht schwere. Daß in Brody, in einer Stadt, die beinahe exklusiv jüdisch ist, die altjüdische Traditionen hat, die Wiege der „Aufklärung", der „Haskala" war, der zionistische Kandidat, und gewesene Abgeordnete der Stadt bloß 300 Stimnren auf sich vereinigt hat, das spricht mehr als alle Deklamationen und Erklärungen. Es ist die Sprache der Zahlen.**) Eines von den beiden: Entweder hat der Zionismus die Juden enttäuscht, die in ihn gesetzten Erwartungen und Hoffnungen nicht erfüllt, oder aber war der Zionismus auch früher nur oberflächlich vom Volke verstanden, ohne daß er je tiefere Wurzeln gefaßt hätte. Es war ja eigentlich nicht gar zuviel zu erwarten. Als vor vier Jahren die vier zionistischen Abgeordneten in den österreichischen Reichsrat geschickt wurden, haben die Einsichtigen keine allzu hohen Hoffnungen an diese Tatsache geknüpft. Er war dekorativ, aber nichts mehr. Der Bewegung, der Idee des Zionismus konnte die österreichische Politik nichts bieten, hat ihr schließlich eher geschadet als Vorschub geleistet. Der sogenannte „jüdische Klub" war eine beliebte Zielscheibe der Kritik. Er konnte es keinem recht tun. Hatte keinen politischen Einfluß, weil er zu klein, aber auch oppositionell war und es sein mußte. Hatte kein Programm, das er mit Nachdruck und Ausdauer hätte vertreten können. Die zionistischen Abgeordneten hatten nicht die Möglichkeit und auch nicht die Vollmacht, im Namen des jüdischen Volkes in Österreich oder wenigstens in Galizien, zu sprechen. Denn ihnen traten die Löwensteins, Kolischers, Gold, Groß und wie die „Polen mosaischer Konfession" sonst heißen, entgegen und gebärdeten sich gleichfalls als Vertreter der Juden. Schließlich waren es ja auch jüdische Stimmen, durch die sie ins Parlament kamen. Schließlich repräsentierten die Zionisten doch nur einen Teil der galizischen Judenheit. Und daß sich in einem im großen und ganzen den Juden abholden Parlamente, wo die meisten und die maßgebendsten Parteien den Antisemitismus predigten oder wenigstens mit ihm kokettierten, wo ein „Freiheitlicher", wie der verstorbene Abgeordnete Per gelt sich den Luxus leisten konnte, „auf die Juden zu pfeifen", wo sogar die Sozialdemokratie einen tiefen Groll gegen die Juden als solche, eine offene Feindseligkeit allen nationaljüdischen Aspirationen gegenüber unverhüllt zur Schau trägt, oder wenigstens durchschimmern läßt, daß also in diesem Parlament Juden verschiedener, himmelweit von einander entfernter und sich scharf bekämpfender Anschauungen über Wesen und Aufgabe der jüdischen Politik sich entgegentraten, dieses Schauspiel war wahrlich nicht erhebend und ermunternd. Es hat nicht an Stimmen gefehlt, und ich gestehe offen, daß auch ich mich diesem Chorus anschloß, die sich überhaupt gegen eine ausgesprochene zionistische Parlamentspolitik aussprachen. Was hat eigentlich die zionistische Bewegung als solche in Österreich oder in jedem andern Lande außer dem Lande, wohin sie gravitiert, zu erwarten? Was kann irgend ein Parlament — das türkische nicht ausgenommen — für die Realisierung des zionistischen Programms in seiner alten Fassung tun? Die „Heimstätte für die Juden, die sich nicht assimilieren wollen", ausbauen helfen? Die Kolonisation in Palästina fördern? Die jüdische Kultur zu einer neuen Einheit zusammenzuschmieden? Und wenn die zionistischen Abgeordneten mit tausend Zungen reden könnten, wenn sich unter ihnen Parlamentarier vom Range eines Jaures oder Bebel gefunden hätten, sie könnten nichts, rein nichts ausrichten. Es gibt einen * Indem wir den folgenden Artikel veröffentlichen, brauchen wir wohl nicht erst zu versichern, daß wir weder mit seinen Voraussetzungen noch Folgerungen übereinstimmen. Wir stellen aber gerne das Thema, mit dem sich der Autor beschäftigt, zur Diskussion. — Die Redaktion. **) Herr Stand, der gewesene zionistische Abgeordnete von Brody, teilte mir mit, daß die zionistischen Wähler der Stadt angesichts der ungeheuerlichen Wahlschwindeleien der Gegenpartei sich der Abstimmung enthielten. Eine seltsame politische Logik fürwahr! einzigen Progiammpunkt, den die spezifischen jüdischen Politiker durchzuführen hätten und könnten, nämlich die volle Gleichberechtigung dei Juden in jeder Hinsicht, aber auch in der nationalen. Aber das hängt, wenigstens in den Ländern, die hier in Betracht kommen, also in Österreich und in Rußland, mit der ganzen Entwicklung derCiesamtpolitik dieser Staaten zusammen. Eine wirkliche .Nationalitätenpolitik könnte nur dann durchgeführt werden, wenn das Prinzip «d es zentralistischen Staates dem des föderativen weichen würi^, was natürlich eine radikale Umwälzung der Verhältnisse bedingen, einen gigantischen Kampf kosten würde. Diesem Kampf sind aber die Juden, und gar die zionistisch gesinnten, keineswegs gewachsen. Und dann erwächst noch eine andere Schwierigkeit. Mag man in der Theorie noch so sehr das exterritoriale -Moment der Nationalitätsidee betonen, die Tatsache läßt sich nichi wegleugnen, daß eine Nation nur dann ihr Recht auf Eigensein auch in die Macht der Sonderexistenz, das papierene Recht in konkretes Leben umwandeln kann, wenn sie eine innerlich geschlossene Gruppe darstellt. Was hilft die nationale Autonomie, retin die Möglichkeit der Verwirklichung, ja das Ziel fehlt! Das Ziel einer autonomen Nation ist Erhaltung und Wachstum. Beides geschieht oft auf Kosten der Nachbarn. Nicht die großen Staaten allein sind expansionslüstern, ja expansionsbedürftig. Diebleinen Nationen, die ein beschränktes Territorium, also einen beschränkten Absatzmarkt haben, die eine starke Konkurrenz auf wirts-diaitlichem und geistigem Gebiete bekämpfen müssen, sind in nocL höherem Maße auf die Expansion angewiesen. Die Serben sbreben nach der Ergatterung eines Stückes von Mazedonien oder irgendeines andern Balkangebietes. Die Montenegriner haben ihr Aage auf Albanien geworfen, Griechenland aspiriert auf Kreta, die Ruthenen in der Bukowina geben sich die größte Mühe, die Eiitnänen zu verdrängen und zu depossedieren. Und dies alles aus wirklicher^ Not, aus innerer Notwendigkeit. Sonst muß ein großsei Teil des Oberschusses der Bevölkerung auswandern, dem Volkstum verloren gehen. Wie schwierig würde sich erst die Lage der Juden gestalten, wenn sie wirklich eine Autonomie erlangen würden! Das schmerzensreiche, quälemls jüdische Problem würde in der ganzen Schärfe auftauchen un4 die Juden würden um nichts besser daran sein. Es gibt eine Strömung, die besonders in Rußland vertreten ist, die von einer jüdischen „Konstituante" träumt. Nationale Autonomie, ein jüdisches ftetionalparlament — und die Judenfrage ist gelöst. Und fragt man die Vertreter dieser Ansicht, was eigentlich dieses „Parlament" zm leisten hätte, so antworten sie: „Die Regelung der jüdischen Frage, die Konzentrierung und zielbewußte Leitung der jüdischen Kröte." Rine sehr leichte, weil sehr allgemeine Antwort. Dringen vir aber tiefer, verlangen wir eine präzisere Antwort, so wird das Programm zu einer Negation. Es soll bloß eine Verneinung der 1) estehenden Ziellosigkeit innerhalb des Judentums sein, ein Protest gegen die Desorganisiertheit. Das ist ja recht schön — aber schließlich ist es bloß eine Negation, und bekanntlich ergeben negative Prämissen keinen bejahenden Schluß. E mere negativis nihil sequitur, lautet die alte logische Regel. . Es liegt mir allerdings fern, hier die Theorie der Autonomisten einer eingehenden Kritik unterziehen zu wollen. Sie ist jedenfalls bloß Theorie und grau wie diese. Es fehlt ihr der Duft des knospenden, initner sich erneuernden Lebens. Es hat bisher nur zwei klare, präzise und positive Programme der jüdischen Politik gegeben. Das eine war das Programm des „Bundes", dei jüdischen Sozialdemokratie, das andere hat der Zionismus geboten. Alle die andern Programme und Progrämmchen, die die verseil3edentliehen Allianzen und sonstige ungebetene Judenretter aufgestellt haben, haben zu wenig Bedeutung, — wenn sie überhaupt existieren — und können füglich übergangen werden. Von einer jüdischen Politik der philanthropischen Organisationen, der Verbände für Gleichberechtigung und wie die alle heißen, kann ja keine Rede sein. Denn ihr Merkmal ist eben das antijüdische, die stille oder offene Feindseligkeit gegen die Juden als historisch gewordene Individualität, wenn sie auch an dem abstrakten, keinem Denkenden recht verständlichen „Prinzip" des Judentums festhalten, oder es wenigstens vorgeben. „Bund" und „Zionismus", das waren die Gegenpole der jüdischen Politik und sie sind es geblieben. Die einen bejahten die Diaspora ganz, die andern negierten sie ebenso fest und bestimmt. Die einen hatten tin Klassenprogramm, die andern das Nationalideal aufgestellt. Düe Geschichte des Zionismus ist eben die Geschichte des Zweikampfs dieser beiden Prinzipien. Wir haben lange und schwer mit dwi „Bundisten" gekämpft, nicht weil wir (ich spreche wenigstens in meinem Namen und in dem einiger ähnlich Gesinnten) gegen den Sozialismus waren, weil wir für das soziale Problem, für den Klassenkampf kein Verständnis hatten. Gewiß, viele, sehr viele sogar unter den Zionisten waren „Bourgeois". Aber diese