Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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ideellen Konkurrenz am bestenpahren und unserem Kongreß blieben die widerwärtigen Theologenzänkereien und Paritätsstreitigkeiten erspart, wie sie z. B. alljährlich im preußischen Abgeordnetenhaus wiederkehren. Den gordischen Knoten aber damit durchhauen, daß man die gesetzestreue Minorität hinausdrängt oder mindestens ihr die zionistische Gesinnung abspricht — das wäre ein Akt der Selbstverstümmelung, der den ganzen Organismus aufs schwerste gefährden müßte. Oder soll die „Konsolidierung" des Herrn Weizmann so oft wiederholt werden, bis man ganz solo dasteht? Ich denke im Gegenteil: nichts tut uns mehr not, als eine Ralliierung aller wahrhaft nationalen Kräfte auf breitester Basis gegenseitiger Duldung. In diesem Sinne begrüße ich mit besonderer Freude, daß das E. A. C. das Emigrationsprobiem endlich wieder auf die Kongreßtribüne bringt. Seit dem Tage, da Herzl mit dem Ugandavorschlag der ungeheuren Wanderungsnot mit einem Schlag ungeahnte Perspektiven eröffnete, ist diese aktuellste, quantitativ und qualitativ bedeutsamste Gegenwartsfrage der Judenmassen bei uns förmlich totgeschwiegen worden. Ich bin noch jetzt überzeugt, daß gerade diese Entfernung des Zionismus von alljüdischen Tendenzen, diese Abstinenz auf einem Gebiete, wo unsere Massen der Schuh täglich so empfindlich drückt, uns in den Emigrantenländern eine große Zahl von Anhängern entzogen und weiterhin die Propaganda ungemein erschwert hat; denn der Rückgang in Rußland speziell datiert ja nicht erst seit der neuerlichen behördlichen Bedrückung, sondern war bereits seit dem VII. Kongreß ein stetiger. Hier gilt es wieder anzuknüpfen. Es gibt ja eine ganze Reihe dringlicher Emigrationsprobleme, an deren Lösung praktisch oder moralisch mitzuwirken für uns eine Ehrenpflicht und dazu taktisches Gebot ist. Zur Frage der Sonderverbände Von Isak ben Jakob*) Jeder, der an dem Entwurf der Neuorganisation unserer Bewegung einigen Anteil genommen hat, wird begreifen, von welcher Wichtigkeit die Frage der Neuregelung der Sonderverbände ist. Ich würde dennoch davon Abstand nehmen, diese Frage im gegenwärtigen Augenblick nochmals zu behandeln, wenn zu befürchten wäre, daß hierdurch die Annahme des Entwurfs gefährdet werden könnte, da dieser im übrigen so große Vorzüge besitzt, daß es zu bedauern wäre, wenn er über eine Einzelfrage, auch wenn sie noch so wichtig wäre, zu Fall käme. Anderseits ist die Frage der Sonderverbände wieder von solcher Bedeutung, daß es ein großer Fehler der Neuorganisation sein würde, wenn sie den schädlichen Bestimmungen des alten Statuts in dieser Frage wieder auf Jahre hinaus Geltung schaffte. Darum möchte ich doch den Versuch machen, die Stimme des Kongresses für meine Vorschläge zu gewinnen. Für diesen Zweck wird es zunächst notwendig sein, sich ein zutreffendes Bild von dem Wesen unserer Organisation zu machen. Dieses besteht darin, daß an der Spitze der ganzen Organisation ein aus den verschiedenen Landsmannschaften zusammengesetztes Komitee steht, welches früher den Namen des Großen Actions-Comites geführt hat und jetzt nach dem neuen Statut als Zentralkomitee und Actions-Comite bezeichnet wird. Dieses Komitee hat als seine oberste Spitze wiederum das Präsidium der Bewegung. Es ist ersicht- *) Es wird gebeten, Zustimmungserklärungen oder Verbesserungsvorschläge an die Redaktion der „Welt" zu richten. Der Verfasser. lieh, daß diese Körperschaft, welche eine internationale Zusammensetzung erfahren muß, nicht in den einzelnen Ländern unmittelbar die Organisation einrichten und überwachen kann. Zur Ausführung dieser organisatorischen Maßnahmen ist ein Landesverband bestimmt, welcher demnach keine andere , Funktion hat, als die Exekutivbehörde des Präsidiums zu sein. Wenn diese letztere den Kopf der Bewegung darstellt so gleichen die Landesorganisationen derHandr welche den Willen des organisatorischen Körpers ver- , wirklicht. Wenn man sich über dieses Prinzip klar ist" so ist einleuchtend, daß jede diesem einfachen Gedanken zuwiderlaufende Organisation eine gefährliche Veränderung des wünschenswerten Zustandes bedeutet. Es ist aber unter der Herrschaft dieses Grundgedankens ganz und gar unmöglich, daß Organisationen, welche dieselben Rechte haben wie die Landesverbände, innerhalb der Grenzen derselben Agitations- und Propagandaarbeit leisten, die wesentlich völlig verschieden sein muß von derjenigen, welche der Landesverband unternimmt. So wie heute zwei verschiedene Richtungen existieren, die in Konkurrenz zu der Landesorganisation treten, können ebensogut noch andere Verbände entstehen, welche das Recht in Anspruch nehmen, in derselben Weise Propaganda zu treiben. Hierdurch wird der Landesverband in seiner Arbeit gestört und statt der Stoßkraft eines von einem einheitlichen Willen beseelten Ganzen bietet er das Bild innerer Zerrissenheit und Schwäche. Welchen Eindruck der Unklarheit und Zwiespältigkeit innerhalb der zionistischen Bewegung muß ein derartiger Vorgang auf die Außenstehenden erwecken. Dieselben werden in Zweifel über das Wesen und die Ziele der zionistischen Bewegung geraten, statt ein klares Bild hiervon zu erlangen. Man wird sagen, wie kann man sich einer Bewegung anschließen, innerhalb deren so viel verschiedene Ansichten über Grundfragen der Weltanschauung existieren wie in der zionistischen. Die Folge davon wird sein, daß durch eine derartige Propaganda die Außenstehenden nicht angezogen, sondern abgeschreckt werden, sich der zionistischen Bewegung anzuschließen. Die Notwendigkeit, diese Propaganda zu betreiben und das erforderliche Minimum der Schekelzahler zur Bildung - des Sonderverbandes zu erhalten, führt aber auch zu einem schädlichen Wettbewerb zwischen den verschiedenen Sonderverbänden und der Landesorganisation Einen Beweis hierfür bildet die seltsame Tatsache, daß Schekelzahler von Sonderverbänden als Mitglieder aufgenommen werden, die durchaus nicht auf dem idealen Boden des Verbandes stehen, der sie geworben hat, vielmehr oft nur aus örtlichen, äußerlichen Bedenken, ja sogar aus Gründen der Disziplinlosigkeit gegenüber der Landesorganisation den Entschluß gefaßt haben, sich einem Sonderverband, der außerhalb ihres Landes tätig ist, anzuschließen. Das Schädlichste an dieser Föderationsbildung ist der internationale Charakter derselben, durch den sie nicht nur eine Parallelorganisation gegenüber der Landesorganisation bilden, sondern auch die Möglichkeit haben, ihre Organisation über die ganze Welt auszudehnen und demnach gleichzeitig den Charakter einer Nebenregierung gegenüber der Zentrale der Gesamtorganisation gewinnen. Hierdurch wird wiederum der einheitlicheGedanke unsererOrganisation durchbrochen,indem der