Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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ihr in der Palästinaarbeit „bureaukratische Regierung vom grünen Tisch, Verhöhnung der Doktoren, Übertreibung des kaufmännischen Systems" vor. Abgesehen davon, daß der Vorwurf zugleich zu bureaukratischer und zu kaufmännischer Arbeit ein Widerspruch in sich ist, — wie steht es denn mit den tatsächlichen Grundlagen all dieser Anklagen? Man regiert bureaukratisch vom grünen Tisch in Köln und leistet sich dennoch den Luxus eines Palästinaamts in Jaffa? Das stimmt wohl nicht! Dahinter stecken wohl nur die unbefriedigten Postulate einiger überaus fruchtbarer Projektenmacher in Palästina. Jedes abgelehnte Planchen bedeutet nämlich Bureaukratie! Und wie sieht es mit der Verhöhnung der Akademiker aus? Der Leiter des Palästinaressorts beim E. A. C, der Leiter des Palästinaamts, unser diplomatischer, wirtschafts- und finanzpolitischer Vertreter in Konstantinopel, der Direktor des N, F., eine ganze Reihe von Aufsichtsräten in allen unsern Institutionen sind — Akademiker. Und trotzdem zetert man über zuviel kaufmännische Routine, in einer Zeit, wo z. B. Deutschland bemüht ist, in seiner Kolonialwirtschaft, ja in allen großen Verwaltungszweigen recht viel kaufmännischen Geist großzuziehen! Das alles hätte eben gar keinen Sinn, wenn es nicht von der Absicht diktiert wäre, die Leitung zu diskreditieren. Überhaupt die „Leitung". Wenn man auf die Leitung schimpft, meint man allemal Herrn Wolffsohn. Wie wäre es sonst zu verstehen, daß man „der Leitung" — in der doch Warburg, die Seele und der Initiator aller Palästinaarbeit, auch sitzt und nicht bloß sitzt — immer wieder passiven Widerstand gegen die praktische Arbeit vorwirft! Ja, und auch an jeglichem Plan der Palästinaarbeit fehlt es der „Leitung". Ich möchte bloß wissen, was anderes, was mehr und nach welchem Plane sonst Herr Weizmann in den letzten vier Jahren in Palästina hätte schaffen wollen. Als Wolffsohn vor drei Jahren auf der Jahreskonferenz es perhorres2ierte, die Gründung einer Agrarkreditinstitution zu beschließen, — weil die gesetzlichen Grundlagen dafür noch fehlten, wie sie noch heute fehlen, — da wurde er von den „Planvollen" heftig angegriffen. Wie denkt man sich denn unter den jetzigen politischen Zuständen in der Türkei den Plan einer Palästinaarbeit, der nicht jeden Tag auf den Kopf gestellt werden kann von neuen Wendungen? Da gibt es doch nur ein vorsichtiges Tasten und Anpassen an die jeweiligen Möglichkeiten, und es ist doch wohl alles geleistet worden, was — selbstverständlich mit den vorhandenen Mitteln — sich machen ließ. Ich habe immer wieder nach anderen, besseren Plänen von Palästinaarbeit mich umgesehen, und als ich einmal einen hervorragenden Vertreter dieser Richtung um spezielle Information bat, da wußte er nur zu kritisieren, daß dieses oder jenes Landstück nicht erworben worden sei, was besonders wertvoll gewesen wäre. Träfe das selbst zu, so wäre das doch kein Fehler des Systems, sondern ein Mißgriff, wie er bei jedem System vorkommen kann und wird. Jedenfalls ist es nicht wahr, was immer von neuem behauptet wird, daß die „politischen Zionisten" und mit ihnen „die Leitung" auch jetzt nur schweren Herzens dem Druck der andern Seite nach praktischer Arbeit nachgeben. Wir waren so lange gegen mancherlei — auch nicht gegen alle — Palästinaarbeit, als die despotische Willkür eines einzelnen in der Türkei gebot. Und wir hatten uns nicht zu „neuen Ideen" zu bekehren, als wir mit dem Durchbruch eines freiheitlichen Regimes auch die Basis für umfänglichere und systematischere Arbeit in Palästina gegeben sahen. Aber auch heute können wir nur das für fördernswert erachten, was einen Keim zu Größerem bietet oder die Vorbedingung zu Größerem schafft, und sind noch immer gegen alle „unpraktische" Arbeit und gegen die Verzettelung von Kräften und Mitteln an Bagateliarbeit, die nicht umfassenderen Zwecken nützlich werden kann. Diese Position werden wir nicht aufgeben, im Gegenteil, es scheint fast, als wäre ein Teil der „Praktischen" nach dieser Richtung bereits zu weiser Beschränkung gelangt; dann wäre der Zeitpunkt völliger Verständigung über die Palästinaarbeit nicht mehr fern. Ebenso erfreulich ist es, daß auf jener Seite neuerdings wieder die Wichtigkeit politischer Arbeit mehr gewürdigt wird, nachdem nn an eine Zeitlang die ganze politische Weisheit in dem von Herzl sd streng verurteilten „Einschleichen" ins Land gesehen und dies recht töricht mit der von diplomatischer und militärischer Macht gedeckten penßtration pacifique der Großen verglichen hatte. Nur besteht noch immer eine geradezu komische Scheu vor der Diplomatie als politischer Methode; sie ist in einem parlamentarisch regierten Staat kaum weniger wichtig als in einem absoluten, wenn auch nicht die einzige politische Methode. Der Vorschlag eines politischen Arbeitsamts, den Weizmann macht, wird gerade jetzt auch im Kreise meiner Freunde erörtert, und wir freuen uns, hier auf unverhoffte Unterstützung zu stoßen. Es ist höchste Zeit, der politischen Tätigkeit wieder den gebührenden Raum einzusäumen und durch Schaffung eigener Organe den rechten Nachdruck zu verleihen. Nur wäre es reiflich zu überlegen, ob es gut und nützlich wäre, ein vom E. A. C. unabhängiges oder doch organisatorisch völlig abgezweigtes Organ zu schaffen; das wäre wohl eine capitis diminutio für das E. A. C, eine Komplizierung des Instanzenzuges und eine Quelle steter Kompetenzstreitigkeiten. Ich denke mir ein vom E. A. C. instruiertes und diesem Material sammelndes politisches Amt, ganz nach dem Muster des Palästinaamts, als das zweckmäßigste. Ein solches freilich brauchte nicht unbedingt am Sitz des E. A. C. geschaffen zu werden; ja, die Organisation in einem anderen politischen Zentrum hätte manche in der Sache und in gewissen Personalfragen liegende Vorzüge. Auch darin scheint mir Herr Weizmann das Richtige getroffen zu haben. Endlich die Kulturarbeit anlangend, muß ich gegen Weizmanns Standpunkt den entschiedensten Widerspruch erheben. Der K.-Artikel in der vorigen Nummer der „Welt" bietet hier viele zutreffende Argumente. Ich möchte mich über dieses schwierige Kapitel darum nur kurz fassen. Wir müssen Kulturarbeit für das Diaspora- und für das Palästina-Judentum unterscheiden. Die erstere ist Sache der Landesorganisationen; ich übersehe die einschlägige Arbeit underer Länder nicht, in Deutschland jedenfalls wird in allen Zweigen kultureller Tätigkeit mit zunehmender In- und Extensität gearbeitet, und es wäre vielleicht nützlich, einmal in einem eigenen Kongreßreferat einen Überblick über das in den verschiedenen Ländern bereits Erreichte zu geben. Die Kulturarbeit in Palästina bietet eine Fülle von organisatorisch und materiell durchführbaren Dingen (Turnwesen, hebräische Sprache und Literatur, zionistische Presse, Zentralbibliothek, naturwissenschaftliches Museum, Palästinaforschung usw.). Von allen diesen Dingen, über die volle Einmütigkeit herrscht, wird aber garnicht gesprochen, und doch sind von alledem erst Anfänge zu verzeichnen. Nur gerade das Gebiet des Schulwesens, wo die schwersten Differenzen unvermeidlich sind, wird hervorgezerrt, und das in einem Moment, wo jede Akzentuierung von Differenzen besonders bedenklich erscheint, und zu einem Zeitpunkt, wo die Finanznot ohnehin drängend ist, und die Gewinnung der sehr großen Mittel für eben jene strittigen Kulturzwecke vollkommen ausgeschlossen ist. Also wozu das alles? Vielleicht nur um ein Lüstchen am Diskutieren zu kühlen? Herr Weizmann behauptet zu Unrecht, daß man diesen Dingen aus Mangel an Interesse bisher aus dem Wege gegangen sei. Er hat vergessen, daß auf den ersten Kongressen die Kulturfrage überhaupt wiederholt behandelt wurde, daß aber die unerquicklichen Diskussionen über religiös-kulturelle Fragen dazu führten, diese Dinge geflissentlich auszuschalten. Sollen sie wieder aufleben? Gerade jetzt? Ist es nicht richtiger, weiter all die ungeheure Arbeit auf allen Gebieten jüdischer Wiedergeburt, über die wir einig sind, im Auge zu behalten, und gerade diesen heiklen Bezirk religiöser Verschiedenheiten als Reservat den einzelnen Richtungen zu überlassen? Die Sache des Schulwesens selbst würde — wie die Erfahrung bereits bewiesen — bei diesem System der 3