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Die Welt · 1911-07-28 · 30 (28.7.1911) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
30 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nur eine ganz junge Bewegung, die ihre richtige Bahn noch nicht gefunden hat, braucht Losungsworte. Oder aber eine Bewegung, die eine tiefe Krisis durchmacht. Eine gesunde Bewegung, die nach langem Herumtappen sich selbst gefunden hat, muß prosaische Arbeit leisten, denn das gesunde Leben ist die alltägliche Prosa. Wir sind in dem Stadium, wo wir nur unsere Ideale in die Wirklichkeit umsetzen müssen. Und wenn die Schaffung des Ideals Poesie ist, so ist seine Verwirklichung Prosa. Wir sollten uns freuen, daß wir auf dem X. Kongreß praktische Fragen zu lösen haben, daß wir, mit einem Worte, wirklich legislatorische Arbeit zu leisten haben werden. Welche Arbeit? Die Tagesordnung des X. Kongresses umfaßt drei Gebiete: Organisationsstatut, Regelung der finanziellen Lage der Organisation und die Kulturaktion. Man muß diese algebraischen Formeln auflösen und ihren wirklichen Inhalt aufdecken. Daß der Inhalt nicht ganz in diesen Formeln ausgedrückt ist, ersieht man daraus, daß in vielen Kreisen über eine andere Frage gestritten wird, über die der Leitung. Und hinter dieser Frage verbergen sich wieder inhaltsschwere Fragen. Die einen sagen: vor allem Propaganda, die andern behaupten vor allem: praktische Palästinaarbeit. Analysieren wir genauer die offizielle Tagesordnung und wir werden den richtigen Inhalt unserer Kongreßaufgabe erfassen. Denn finanzielle Fragen lösen heißt nicht etwa den bisherigen Fehlbetrag decken, sondern, was viel wichtiger ist, wie soll man die Mittel schaffen, um der Leitung die Möglichkeit zu geben, die aus der steigenden Tätigkeit der Organisation gewachsenen Geldbedürfnisse zu befriedigen. Somit berühren wir die- Tätigkeit selbst, wir bestimmen eine ganze Reihe von Arbeitsformen, von Leistungen. Und ebenso ist es mit der Organisationsfrage, die in sich ja auch die Frage von der Gestaltung der künftigen Leitung enthält. Wir wollen eine solche Leitung haben, die diese und jene Arbeit leisten wird. Und ebenso steht es mit der Kulturfrage. Also die Kongreßfragen sind vor allem Fragen der nächsten Arbeitsaufgaben. 1. Die erste und nächstliegende Aufgabe ist die der Ausgestaltung unserer Propaganda. Es mag paradox klingen, aber es ist wahr, daß wir bis jetzt auf diesem Gebiete nichts Systematisches geleistet haben. Wir besitzen weder die dazu notwendige Literatur, noch verfügen wir über ein ausgebildetes und allen Bedürfnissen entsprechendes System der Propaganda und noch weniger über ein dafür vorbereitetes Personal. Jeder arbeitet aufs Geratewohl, und jedesmal muß man von Anfang an beginnen. Es findet nicht einmal ein richtiger Austausch zwischen den verschiedenen Landsmannschaften statt. Man behauptet; die Propaganda muß eben verschiedenartig sein, entsprechend den Bedürfnissen der verschiedenen Länder. Ich kann mir erlauben, in dieser Beziehung eine maßgebende Meinung abzugeben, da ich über Erfahrungen in verschiedenen Ländern und in verschiedenen Schichten des Judentums verfüge. Die Grundprinzipien der Propaganda sind überall die gleichen. Die theoretische Basis und die praktische Ausgestaltung der Propaganda sind überall dieselben. Sie muß deshalb zentralisiert und systematisiert werden. Nicht eine Schablone, sondern ein wissenschaftlich durchdachtes und praktisch angepaßtes System soll geschaffen werden. Und nach diesem System soll ein entsprechendes Personal ausgebildet werden. Es ist für mich kein Zweifel, daß eine richtige Propaganda unserer Organisation Zehn- und Hunderttausende von Anhängern verschaffen würde. Aber eine solche Propaganda braucht viel Wissen und viel Geld. Und speziell was die reifere Jugend anbetrifft, so kann man sie mit unserer seichten Zeitungsliteratur un&mit unseren Gelegenheitsrednern nicht für den Zionismus gewinnen. Aber sehe man doch, was die sozialistischen Parteien auf diesem Gebiete leisten, genauer an. Und deshalb geht ein großer Teil unserer Jugend in das kosmopolitisch-sozialistische Lager hinüber, weil wir dem nichts entgegenstellen können. Wie viele von unseren zionistischen Agitatoren kennen die ökonomische, politische und kulturelle Lage der Juden in den verschiedenen Ländern, den wirklichen Inhalt unserer nationalen Kultur der Vergangenheit und der Gegenwart, den ganzen Komplex von Fragen, der mit Palästina verbunden ist usw.? Dei X. Kongreß soll die Frage der zionistischen Propaganda endlich lösen. Keine langen Referate, sondern ein systematischer Tätigkeitsplan darüber muß dem Kongreß vorgelegt werden. 2. Als zweite Aufgabe betrachten wir die Systematisierung der ganzen praktischen Palästinaarbeit in ihrem vollen Umfange.' Dabei kommen fünf Fragen in Betracht: a) Die Förderung der Kolonisation von bemittelten Juden, wofür wir die Palestine Land Development Company geschaffen ^haben. Vom Kongreß aus muß eine Aktion zugunsten dieser Institution geschaffen werden. b) Die Förderung der Kolonisation von wenig bemittelten Juden, die nur durch die Schaffung eines Agrarfonds geschehen kann, was absolut keine Chimäre ist, sogar unter den gegebenen Verhältnissen wie manche, wie die meisten von uns noch heute glauben. Nur etwas Energie, und die Chimäre wird zur Wirklichkeit. c) Die Kolonisation von Arbeitern, die ja vom neunten Kongreß auch beschlossen worden ist, einerseits durch die Schaffung einer Siedlungsgenossenschaft, anderseits durch den Beschluß, für die Arbeiter in den schon existierenden Kolonien Häuser und, soweit es möglich ist, mit Gärten zu bauen. Auch da muß mehr System hineingebracht werden. d) Städtische Kolonisation — durch Häuserbau —, Förderung jüdischer Industrie, jüdischen Handwerks und Handels und Anlage von Gartenstädten. Da wird wieder die Frage über die Vergrößerung der Mittel der A. P. Company auftauchen. e) Die kulturelle Arbeit in Palästina, worüber wir später sprechen werden. Alle diese Fragen können im Zusammenhange mit dem Berichte des Palästinaamtes oder Ressorts behandelt werden. 3. Die Kulturaktion muß eine der Hauptaufgaben des X. Kongresses bilden. Aber wohlverstanden: Keine theoretisierenden Referate über den Kulturtypus.^ Wir sind uns doch klar, daß, wenn wir jetzt von Kultur sprechen, wir etwas ganz Bestimmtes meinen: Schulen, und zwar Schulen in Palästina und für das türkische Judentum. Ob weltliche, ob religiöse, ob traditionelle, ob neuzeitliche Kultur, — das kann der Kongreß nicht entscheiden. Er kann nur eine allgemeine Forderung stellen: Solche Kultur, die den Juden zum Judentum zurückführt, und zwar zu dem sich bejahenden

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