Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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N.o. 30 DIE3^ELT 719 Judentum. Der Kongreß muß die Schulen, die das rein nationale, sowie das nationale und religiöse Moment betonen, gleichmäßig unterstützen. Praktisch gesprochen: er muß Mittel schaffen — für das Jaffaer Qymnasium und für die Tachkemonischule. Welche Kulturform lebensfähiger ist, das soll das Leben zeigen. Und nur wenn wir uns auf diesen Standpunkt stellen, können wir den leidigen Streit zwischen Misrachi und Modernisten los werden. (Auf diesen Streit werden wir in einem zweiten Artikel zurückkommen.) Aber die Kulturfrage — d. 1. für uns die Schulfrage und was damit zusammenhängt — muß sich nicht bloß auf Palästina beschränken, sondern auf das ganze türkische Judentum ausdehnen. Man mag über die künftige Gestaltung der türkischen Verhältnisse welche Meinung immer hegen, eines ist aber klar: ohne die tatkräftige Mitwirkung der türkischen Juden ist der Zionismus nicht leicht zu verwirklichen. All die sensationellen Nachrichten über türkische Widerstände gegen den Zionismus sind insofern unrichtig, als sie ein wesentliches Moment außer acht lassen: die Juden waren es, die diese Widerstände großgezogen haben. Wir wollen da von der Rolle der Alliance nicht sprechen; aber die unter ihrem Einflüsse stehenden, in ihrem Geiste erzogenen türkischen Juden haben am meisten — neben den christlichen Arabern — dazu beigetragen, daß der Zionismus in manchen maßgebenden Kreisen mit scheelen Augen betrachtet wird. Wollen wir in den türkischen Juden Bundesgenossen bekommen, so müssen wir sie national erziehen, — geduldig und systematisch, ohne Überstürzung und ohne Zänkereien: durch die Volksschule. Der türkische Jude hat Sinn für die national-jüdische Schule und durch sie können wir das kommende Geschlecht gewinnen. Beginnen wir mit einer einzigen Schule in Konstantinopel, aber diese Schule soll musterhaft sein, sie soll allen gerechten Forderungen entsprechen, und sie wird dadurch maßgebend für alle andern Schulen werden. Es muß ein Anfang gemacht werden: mit der Zeit werden wir mehr Mittel bekommen, und die türkischen Juden selbst werden auch mit der Zeit lernen, aus eigenen Mitteln Musterschulen zu bauen. Wir müssen das erste Beispiel geben, und das Begonnene wird sich entwickeln — durch die Sympathien von außen und von innen. Ich wollte die auf dem Kongresse zu behandelnden Fragen nur streifen, um zu zeigen, welche nützliche Arbeit nächstens in Basel geleistet werden muß und kann. Und jetzt können wir leichter die offiziell angekündigten Kongreßfragen analysieren: Finanzen, Organisation und Leitung. Ja, um all die oben angedeuteten Arbeiten zu leisten, brauchen wir viel Geld. Und jetzt haben wir kein Geld. Was soll da geschehen? Wir sind überzeugt, daß, wenn intensive und gute Arbeit geleistet werden wird, wir mit der Zeit die notwendigen Mittel bekommen. Bekommen wir später 300 — 400000 Schekelzahler, dann haben wir unser Budget gesichert. Und wir bekommen sie, wenn wir tüchtig arbeiten. Also es handelt sich nur darum, Mittel für die nächsten 5 Jahre zu bekommen. Da sind mir alle Wege gut: Selbstbesteuerung der vermögenden Zionisten, Besteuerung der Einkünfte unserer finanziellen Institute mit Einschluß des Nationalfonds, die ja alle durch die gesteigerte Propaganda nur gewinnen werden. Im Grunde sind alle diese Besteuerungen nur temporäre Maßregeln, bis der Schekeleingang so anwachsen wird, daß er allein alle unsere laufenden Ausgaben wird decken können. Darüber, wie man jetzt unser Budget sichern soll, dürfen wir wirklich nicht viel herumdiskutieren. Und was unsere Organisation anbetrifft, gibt es nur eine diskutable Frage: die der Föderationen. Ich persönlich bin für die volle Freigabe von sachlichen — aber nicht territorialen, wie in England — Föderationen. Denn unsere Teilung nach Landsmannschaften ist ein Nonsens, eine Negation des zionistischen Gedankens. Ich meine nicht bloß die Selbständigkeit des Misrachi und des Poale Zion, sondern auch anderer prinzipiellen Föderationen. In Rußland und in Österreich werden dann die Zionisten, die keine national-politische Gegenwartsarbeit treiben wollen, einen eigenen Verband bilden, und die Zionisten-Politiker wieder einen anderen Verband. Dadurch wird die Einheit der Organisation nicht gestört werden. Und nun kommt die sogenannte Hauptfrage: die Frage der Leitung. Und da kommt man wieder mit „Ost" und „West". Auch diese Teilung ist antizionistisch. Und es ist zu hoffen, daß die „Östler", aber auch die „Westler" es einmal einsehen werden. Die Frage der Leitung kann friedlich und schön nur dahin gelöst werden, daß an ihr die passendsten Männer aus dem Osten und aus dem Westen teilnehmen sollen. Aber beginne man nicht mit der Leitung: zuerst die Einheit des Arbeitsprogramms feststellen, dann werden wir eine einheitliche Leitung bekommen, die aus allen Elementen bestehen muß. Wir brauchen den organisatorischen und regulierenden Geist der westlichen Zionisten, aber auch den schöpferisch-anregenden Geist der Östler. Nur die Synthese beider wird uns eine musterhafte Leitung garantieren. Da darf kein Kampf geführt werden, sondern nach sachlichen Rücksichten muß gehandelt werden. Wir brauchen an der Spitze ein Kollegium, denn die zionistische Arbeit ist so angewachsen, daß sie ein Mann nicht leiten kann. Wir brauchen ein Ministerium, in dem jedes Mitglied die Geschäfte seines Ressorts genau kennt und doch dabei auch das Ganze übersehen kann. Wir brauchen einen Mann, der an der Spitze der zionistischen Propaganda zu stehen befähigt ist; wir brauchen einen, der genauer mit den Verhältnissen in der Türkei vertraut ist; der dritte muß die ganze Palästinaarbeit leiten; der vierte muß die Finanzen der Organisation und die Oberkontrolle über alle unsere finanziellen Institutionen besorgen, und der fünfte muß die ganze organisatorische Arbeit leiten. Das ist das Minimum. In Wirklichkeit aber hätten wir auch zwei Männer in unserer Leitung notwendig: einen Leiter der Kulturarbeit in allen ihren Formen und einen Mann, der die Organisation nach außen vertritt, hauptsächlich gegenüber den anderen jüdischen Organisationen. Diese 5—7 Männer besitzen wir in unserer Organisation, wenn wir alle Teile derselben berücksichtigen. Für manche dieser Arbeiten sind die „Westler" besser geeignet, für andere wieder — die Östler. Und auch aus anderen, rein äußerlichen Gründen müßte unsere Leitung aus Männern der verschiedenen Landsmannschaften bestehen: man beschuldigt uns, wir dienen den Interessen dieser oder jener Großmacht. Unsere Leitung soll in sich das zerstreute Judentum repräsentieren, nicht das Judentum eines Landes, sondern dasjenige der ganzen Welt. Und wenn alle Delegierten zum Kongreß kommen, mit dem festen Willen, ein einheit-