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Die Welt · 1911-07-28 · 30 (28.7.1911) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
30 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 30 DIEE^KELT 717 eigenen Fehler getadelt, sondern auch für die unbefriedigten Bedürfnisse der Tadler. Dem einen ist sie zu politisch, dem andern zu unpolitisch, dem Dritten hat sie zu wenig Initiative, dem Vierten ist sie zu selbstherrlich. Schließlich gibt sie der Bewegung zu wenig Ideen. Ideen sind nämlich eine Gottesgabe, die bei uns jeder vom anderen erwartet. Wir werden also eine neue Führung bekommen, unpersönlicher als bisher. Offen gestanden, glaube ich nicht, daß damit die Beschwerden verschwinden werden. Aber verlangt muß werden, daß die neue Leitung nach ihrer Zusammensetzung möglichst allen Richtungen genüge und kein einseitiges Gepräge trage. Daß sie weiter nicht von irgendeinem der vielen Augenblicksvorschläge, die immer weit über das erreichbare Ziel hinausschießen, sich ins Schlepptau nehmen lasse. Wir sind nicht eine einseitig politische oder nur eine kolonisatorische oder nur eine kulturelle Bewegung, sondern wir haben diese drei Faktoren der Arbeit zu vereinen. Zunächst muß der politische Charakter der.Bewegung gewahrt bleiben. Hebräische Kultur sollen wir pflegen und ihr die natürlichen Pflanzstätten jüdischer Psyche schaffen. Aber sie müssen erfüllt sein vom Geiste Europas, nicht des Ghettos. Und sie müssen, was das Lehrermaterial angeht, Musteranstalten sein. Sonst schaden sie, statt zu nützen. Und wenn die Bewegung sie stützen soll, dürfen sie niemandes Empfinden verletzen. Unter gar keinen Umständen darf die Einheit der Partei gefährdet werden. Außerdem müssen wir uns bewußt sein, daß 'eine Kultur organisch erwächst und daß man deshalb wohl das Kulturbedürfnis fördern, ihm entgegenkommen, nicht aber künstlich eine Blüte hervorzaubern kann. Schon gar nicht mit unsern relativ unbedeutenden Mitteln. Darum soll man nicht uferlosen Plänen nachhängen, sondern sich auf die Pflege von wenigen, aber guten höhern Schulen in Palästina beschränken. Ihre Errichtung bleibe der Privatinitiative überlassen, aber zu ihrer Unterstützung soll der Kongreß anregen. Für mehr fehlt es an Geld und an Bedürfnis. Die Volksschule ist ohnehin ganz in den Händen der Alliance, und es ist derzeit noch aussichtslos, mit ihr konkurrieren zu wollen. Es muß vielmehr dafür gesorgt werden, daß die Alliance selbst ihren Aufgaben gerecht wird, die Schüler zu guten Juden erzieht und dem hebräischen Unterricht die gebührende Stellung anweist. Das zu erreichen, ist keineswegs aussichtslos, wenn jedermann seine Pflicht tut. Im übrigen kann der Kongreß nichts Besseres tun, als über die finanzielle Kräftigung der Organisation und unserer Institute schlüssig zu werden. Ohne Geld kann man nicht Krieg führen. Das sollten endlich auch diejenigen verstehen, die sich heute noch nicht mit so untergeordneten Fragen wie Organisation und Finanzen befassen wollen. Ohne Organisation fehlt es an Stoßkraft und Geld, und ohne Geld kann man nicht arbeiten. Diese Arbeit ist aber dreifach nötig in einer Zeit der Entwicklung, wie sie der Türkei und insbesondere der arabischen Bevölkerung beschieden ist. Bodenbesitz ist die Vorbedingung für ein jüdisches Palästina! Jeder Dunam Land, den wir erwerben, ist ein Stützpunkt wichtigster Art für unsere Zukunft. Es mangelt uns also nicht an Diskussionsthemen, und es schadet auch nichts, wenn die Ansichten manchmal aufeinanderprallen werden. Das ist in jeder Bewegung so, die Leben hat. Nur darf der Kampf nicht zum bitteren Streit werden. Und das Ende muß der Friede sein, der eine Mitarbeit aller rerbürgt. Über allen Einzelfragen steht die Einheit und Geschlossenheit der Partei. Wenn wir nach Basel gehen, müssen wir entschlossen sein, ihr jedes Opfer zu bringen. Ein friedlicher und würdiger Kongreß ist eine Lebensfrage für die zionistische Organisation. Der X. Kongreß Von Dr. D. Pasmanik, St. Petersburg Der X. Kongreß ist nicht als Jubiläumskongreß gedacht. Und trotzdem ... er kann und soll es werden. Nicht von außen her, sondern von innen heraus. Und zwar auf eine einzige Weise: durch die Manifestierung der EJnheit des leitenden Gedankens, des beherrschenden Gefühls und des alle Reihen der zionistischen Organisation zusaininenkittenden Willens. Und nur in diesem Sinne könnte der X. Kongreß die Rückkehr zu Herzl bekunden, denn Herzl bedeutete vor allem Einheit. Und wenn wir iie Betonung der Einheit auf dem X. Kongreß verlängern, so geschieht es aus inneren und äußeren Gründen. Aus Inneren: wenn man sich in die verschiedenen Ereignisse des zionistischen Lebens während der letzten 5 bis 6 Jahre vertieft, so muß man konstatieren, daß nach langen inneren Kämpfen der Boden für die einheitlich-gemeinsame Verständigung tatsächlich geschaffen ist. Man muß nur die Sache auch richtig anfassen, man muß die Idee höher als die Person stellen, man muß mit einem Worte tief zionistisch fühlen. Und diesen' gemeinsame Boden ist der synthetisch-evolutionistische Zionismus, d. i. der Zionismus, der alle Formen der neiljüdischen Kraftentfaltungen und Energiean Häufungen umfaßt und dabei sich die Verwirklichung des Endzieles als ein etappenmäßiges Fortschreiten denkt Auf diesem Boden steht tatsächlich der gegenwärtige Zionismus, da ist seine innere Einheit. Aber auch aus äußeren Gründen muß der X. Kongreß alles Einigende hervorheben. Politische Momente von eminentester Bedeutung zwingen uns gerade jetzt, den Einheitsgedanken besonders scharf zu betonen. Darüber brauchen wir jetzt kein Wort zu verlieren, es wird wohl allen einleuchten. Aber auch ästhetische Gründe sollten uns dasselbe diktieren, der X. Kongreß soll schön sein, wenn er einen agitatorischen VVert haben soll. Wir haben genug Kongresse gehabt, wo wir s-ogar in unästhetischer Weise die Trennungsmoment'fc hervorgehoben haben. Ich sage „wir" ganz bewußt, wir alle haben dieses Bekenntnis abzulegen. Das müssen wir jetzt vermeiden, wollen wir unsere Organisation gestärkt sehen. Und dann werden wir einen schönen Jubiläumskongreß haben, der auf alle erfrischend und erquickend wirken wird. A.ber, wie gesagt, der Kongreß muß die Einheit der Tat, und nicht etwa bloß die des Wortes bekunden. Wir wollen einen richtigen Arbeitskongreß haben. Welche Arbeiten soll der Kongreß leisten? I>a sei mir erlaubt, eine Bemerkung zu machen. Ich habe schon an einem anderen Ort geschrieben, daß manche Zionisten sich etwas skeptisch dem X. Kongresse gegenüber verhalten, indem sie meinen, er werde nur prosaisch-langweilige Fragen behandeln und keine Losungsworte erschallen lassen. Es ist ein gewaltiger Irrtum, immer und immer Losungsworte zu erwarten.

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