Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-07-28 · 30 (28.7.1911) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
30 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316491--54779-3348581
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

716 DIEE^ELT No. 30 ZUM X. KONGRESS Von Ben Aron Wir stehen im Zeichen des X. Kongresses. Fünfzehn Jahre sind verflossen, seit Theodor Herzl zum ersten Male das zerstreute, leidende, ruhelose Volk zur Sammlung aufrief, seit er den Hilflosen das Mittel der Selbsthilfe, den Wandernden einen Weg zur Ruhe nach langer, beschwerlicher Fahrt wies. Ein halbes Menschenalter ist dahingegangen; den Begründer der Bewegung, viele brave und tapfere Kämpfer deckt der grüne Rasen, und noch sind wir weit entfernt von dem Ziele, das Herzl bei eifriger Arbeit aller so nahe wähnte. Aber gerade daran hat es gefehlt. Wir sind eine verhältnismäßig kleine Schar von Streitern geblieben, der die Reichen und Angesehenen unseres Volkes sich meist fernhielten. Gegen erbitterte Feinde von rechts und links, gegen Unwissenheit und böswillige Verstocktheit, offenen Haß und versteckte Tücke mußten wir uns Schritt für Schritt unsern Weg bahnen, und das Schwert durfte selten feiern. Aber uns bleibt ein zwiefacher Trost: Wenige nur sind schwach und matt geworden im endlosen Ringen, und der Schild, den wir tragen, zeigt wohl Beulen, aber keinen Flecken. Festgeschlossen und freudig stehen unser Reihen, bereit zu neuen Kämpfen. Und wir sind vorwärtsgekommen! Es ist gut, von Zeit zu Zeit die Straße zurückzuschauen, die man geschritten ist; so gewinnt man neuen Mut für den steilen Rest des Weges. Fünfzehn Jahre sind eine verhältnismäßig lange Zeit im Leben des einzelnen, ein kurzer Augenblick im Leben der Völker, deren Organismus schwerfällig äußeren Reizen folgt, deren komplizierter, vielgestaltiger Denkmechanismus nur allmählich zu klaren, tatenbestimmenden Gedanken sich durchringt. Jede neue und große Idee bringt den Volksriesen zunächst aus dem seelischen Gleichgewicht und weckt in ihm unzählige ungleichartige und unklare Empfindungen, die langsam geordnet werden müssen, bevor ein harmonisches Streben entsteht. So ist es auch dem jüdischen Volke ergangen, und wir können zufrieden sein mit der Betrachtung: sicher und immer deutlicher erkennbar stellt sich das ganze Denk- und Gefühlsleben der Nation auf unsere Anschauungsweise ein. Man lese heute nur einmal die Schriften unserer Gegner. Man hat uns vor 15 Jahren für geringere Gedankensünden köpfen wollen, als heute von denen begangen werden, die Zionistentöter sind. Dereinst war das Schlagwort von der Bekämpfung der Assimilation unser geistiges Eigentum und wurde hart befehdet. Heute schreibt einer der Unterzeichner des berühmten Rabbinerprotestes an leitender Stelle gegen die Assimilierung. Genau so hat man uns die Begriffe „Stammesbewußtsein", Renaissance des Empfindens, jüdisches Selbstbewußtsein und vieles andere wegeskamotiert und führt von dieser Konterbande ein geistiges Eigenleben. Liberale Jugendvereine, Zentralverein und Kolonisationsgesellschaften arbeiten heute, wenigstens in Deutschland, mit unserem Gedanken- und Wortschatz, wenn sie auch vielfach glauben, sich das Recht dazu durch Schelten auf den Zionismus sicherstellen zu müssen. Den meisten von uns kommt das kaum noch zum klaren Bewußtsein. Aber der Erfolg zeigt sich ganz deutlich in dem wachsenden Interesse an allen jüdischen Fragen, an Gemeindeangelegenheiten, Bestrebungen zur Änderung der Judengesetzgebung, an der Kolonisation. Und wenn in der Alliance ein erbitterter Kampf um die Art der Führung in gutjüdischem Sinne tobt, so sind zwar ganz gewiß die Zionisten nicht mit Sonderinteressen beteiligt, aber der Geist, der sie beseelt, belebt diesen Kampf. Er äußert sich in dem spontan auftretenden Gedanken einer Judaisierung dieser der Idee nach jüdischesten, in Wahrheit unjüdischesten aller großen Wohltätigkeitsgesellschaften. Man fragt uns oft spöttisch, was wir praktisch leisten. Wir könnten uns damit begnügen, auf diese Wandlung des Geistes unserer Generation hinzuweisen. Schließlich ist die ganze gegenwärtige Kolonisationsbewegung ja nur ein Ausfluß des Interesses und der Kraft jüdischer Gesamtheit. Und dieses Interesse, dieses Leistungsvermögen verdankt uns eine gewaltige Steigerung. Seine Wirkungen sehen wir heute erst in ihren Anfängen, und sicherlich wird aus ihnen Größeres hervorgehen. Aber wrir können auch für die Kurzsichtigen, die alle Arbeiten nur unter dem Gesichtswinkel des Augenblickserfolges würdigen, denen die Betrachtung sub specie aeternitatis versagt ist, schon heute auf praktische Leistungen der Organisation hinweisen, die nicht gering zu achten sind. Unsere Banken sind nicht nur, wie man gerne in gegnerischen Kreisen erzählt, Anhäufungen toter Kapitalien, sondern sehr lebendige Faktoren auf dem Gebiete der Kolonisation. Sie haben viele Bauern durch ihre Kredite, durch die Darlehen an die Genossenschaften erst wirtschaftlich kräftig gemacht, durch ihre Finanzierungen gemeinsam mit dem Nationalfonds gesunde Stadtviertel in schmutzigen Nestern des Orients geschaffen. Sie haben als Sparkassen, Güterbeleiher, Grundstücksvermittler Handel und Wandel belebt, dem Wucher gesteuert, einen Hypothekenverkehr ermöglicht. Wenn heute der Bezalel blüht, wenn das Land wissenschaftlich erforscht wird, wenn das Hebräische als Umgangssprache neu ersteht, so ist das größtenteils unser Verdienst. Und wenn vieles andere Nützliche nicht vollbracht werden konnte, so ist das Schuld derer, die in dieser Kurzsichtigkeit uns die Mittel zu einer kulturellen Tätigkeit verweigerten, die wir gerne auf viel breitere Basis gestellt hätten. Nun kommt der neue Kongreß heran, und mit seinem Nahen wird man in zionistischen Reihen, wie immer, nervös. Das ist gute alte Tradition. Es gibt bei uns viele, denen die Sache nicht schnell genug geht, die in ihrem Eifer stets meinen, irgend jemand müsse die Schuld daran tragen, wenn keine großen Fortschritte sichtbar werden. Die Schwierigkeiten der Verhältnisse kümmern sie nicht, und da sie theoretisch sich längst aller Erfolge versichert haben, begreifen sie nicht, daß die Gedanken leicht beieinanderwohnen, daß sich .aber hart im Räume die Sachen stoßen. Das sind die infolge ihrer Denkweise stets Unzufriedenen. Die zweite Kategorie besteht aus den Ängstlichen. Sie fürchten stets die Massen zu verlieren, wenn nicht neue geistige Beschäftigungen für sie gefunden werden, Sensationen. Vereint tadeln sie die Führung. Sie ist der natürliche Sündenbock für alles, was der Lauf der Dinge an Unvollkommenem mit sich bringt, an Mißgeschick erfolgen läßt. Sie wird nicht nur für die wirklich begangenen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.