Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Neue jüdische Bühnenstücke Besprochen von Dr. Oskar Rosenfeld, Wien Schalom Asch: Die Familie Großglück. Komödie. (S.Fischer Verlag, Berlin.) Durch die Begrenztheit der sprachlichen Mittel sind die Jargondichter auf die Konzentration des Ausdrucks angewiesen; anderseits aber scheint in ihrer Welt Wort und Wesen so sehr vereinigt, daß eins das andere vollständig deckt und daher eine scharfe, direkte Charakterisierung ermöglicht. Der Jargon ist an ein bestimmtes Milieu gebunden; ihm hauptsächlich verdankt der Ghettodramatiker seine Wirkung. Seine Menschen gehen in der Struktur ihres sprachlichen und sozialen Bestandes restlos auf. Schalom Asch hat sich diese Konstellation zunutze gemacht. Sein „Gott der Rache", wo ein einzelner tragischer Fall zum typischen erhoben werden soll, „Die Zeiten des Messias**, in denen sich der zerfahrene Geist einer traditionslosen Familie spiegelt und auch der „Sabbatai Zewi", der aus exstatischen Instinkten heraus das Messiasideal an sich erfüllt sehen will, sind Stufen einer mehr intellektuellen als dichterischen Bntwicklung. Seine letzte Komödie „Die Familie Großglück" ist schon weniger an das Geschick eines Menschen als einer Idee gebunden. Und es ist ein glücklicher Griff, daß sie sich nicht in der bloßen Idee erschöpft: sie reicht über ihren eigentlichen Rahmen hinaus, eröffnet Fernblicke. Der alte Großgiück, ein zugrundegegangener Kaufmann, dessen Familie an den Traditonen der Ahnen festhält, hält nur durch seine patrizische Würde den Hausstand beisammen. Seine Kinder, weltfremd und dem Aberglauben verfallen, dem praktischen Leben abgewandt, dämmern nur so hin. In dieses untätige Dasein tritt die frische, tatkräftige Rose Born stein, Besitzerin einer Gasthausschenke, weckt Großglücks Sohn Leon aus seiner Lethargie, nimmt ihn und richtet Großglücks Herrlichkeit durch ihr Geld und ihr keckes Zugreifen wieder auf. Frische, belebende Luft streicht in Großglücks stickige Zimmer, das veraltete System erhält durch das Blut der drittgildigen Bornsteins neue Nahrung. Sehr zart und geschickt läßt Schalom Asch diese Umwandlung geschehen: das Hinsterbende, durch Lebendes geweckt, blüht wieder auf. Und perspektivisch genommen: Bringt dem Judentum euer frisches, pulsierendes Blut, ehe es zu spät vurd! Eine Bühnenaufführung wird dem Relief des Stückes eine strotzende Plastik verleihen können. David Pinski: Der Schatz. Komödie. (Eduard Blochs Theaterverlag, Berlin.) Diese Komödie, die in Berlin belächelt und ausgepfiffen wurde, besteht aus einer Summe von Ausnahmefällen, die in ihrer Nüchternheit und Krassheit nur das Typische mit einer Komödie gemeinsam haben. Pinski wollte, — wie die Komödiendichter überhaupt, — von einem alltäglichen Fall ausgehend, die Menschenseele seiner Figuren beleuchten und vergriff sich derart, daß er, anstatt die Konsequenzen aus der Kernepisode zu ziehen, Willkürliches und Zufälliges zusammenwarf, bis ihm die Idee zwischen den Händen zerrann. Es gab Kritiker genug, welche den „Schatz" eine jüdische Komödie nannten. Aber er ist weder eine Komödie, noch jüdisch. Zur Komödie fehlt ihm die lächelnde Ironie, die sich selbst im Spiegel der menschlichen Schwächen beschaut, die graziöse Geste oder der verzeihende Humor; vom Wesen des Judentums verrät sie nichts, weil die Charaktere personifizierte Eigenschaften darstellen, die an kein engumgrenztes, jüdisches Volkstum betreffendes Milieu gebunden sind. Und wenn wir trotz des Mißgriffs nicht zu unterschätzende Ansätze eines tüchtigen Könnens konstatieren und noch etwas Gesundes erwarten, dann wollen wir weniger auf den Komödienschreiber Pinski zielen als auf den Dichter des „Elsik Scheftel" und der „Familie Zewi". Georg Kaiser: Die jüdische Witwe. Biblische Komödie. (S.Fischer Verlag, Berlin.) Georg Kaiser ist, glaube ich, ein Neuer, und es ist nicht minder wertvoll, einmal über einen Dichter aus einem einzelnen Werk heraus etwas zu sagen. Das, was aus seiner Komödie mit bewundernswerter Drastik herausspringt, ist das beabsichtigte Fallenlassen jeder historischen Dekoration, der Verzicht auf jede prunkhafte Kulisse und geschichtlich anmutende Phrase. Kaiser hat seinen biblischen Stoff gänzlich frei gestaltet, ohne Rücksicht auf die Tatsachen, welche uns die Lehrbücher überliefern; der Drang, ein von der Konvention freies Werk zu schaffen, ist so stark in ihm und die Ausdrucksform so prägnant, daO ein prachtvoll kühner Wurf, überall sein eigen, ihm gelungen ist. Judith, die jüdische Witue, erscheint weder als Heroine, wie sie uns die unzähligen klassischen Bilder zeigen, noch als ein von Hysterie und mystischem Aberglauben gerütteltes Weib; sie ist das naive Kind, das unbewußt handelt und durch die sich wie ein Naturwunder das Werk der Befreiung vollzieht. Auch ihrem Kreis fehlt die große, tragische Geberde. Die Juden Jerusalems sind Alltagsmenschen, grotesk in ihrer Menschlichkeit, voller Schwächen und Begierden und der Dämon Holofernes ein plumper, asiatischer Barbar. Im Rahmen dieser köstlichen Komödie tritt die historische Aktion völlig zurück: der Dichter hat mit feinem Blick das Erhabene des Stoffs umgangen und an seine Stelle die ironische Skepsis gesetzt, so sicher, harmonisch und objektivierend, daß wir an das dichterisch Wahre seiner Darstellung glauben müssen. Man kann bisweilen an Shaw denken; aber seine Eigenart ist zu kräftig, als daß wir ihm ein Vorbild zumuten sollten. „Die jüdische Witwe" ist mehr als eine Talentprobe. Sie ist das Werk eines Dichters, der sein Ziel kennt, und ihm machtvoll nachstiebt. Bücherbesprechung Salomon Dembitzer: Verloirene Welten. Hausiererlieder. Vun mein Leben. Jargongedichte. Berlin 1910. Dr. Franz Ledermann. Der Verfasser dieser in lateinischen Lettern erschienenen Jargongedichte hat sich trotz seiner Jugend — er steht erst im 23. Lebensjahre — bereits durch eine Reihe dichterischer Publikationen einen Narnen erworben. Sowohl der vorliegende Gedichtband als die vor einigen Jahren unter dem Titel „Lebensklangen" erschienene Sammlung von Jargongedichten zeugt von einem achtungswerten Talent, mehr noch: von einer kräftigen persönlichen Note. Gesundes ungekünsteltes Empfinden, feine Beobachtungsgabe, ein warmer Gemütston, schlichte und doch formschöne, gefällige Ausdrucksweise sind Vorzüge der Dembitzerschen Muse. Wir lassen hier ein noch ungedrucktes Gedicht Salomon Dembitzers folgen, -das unsern Lesern einen Begriff von seiner poetischen Eigenart geben mag: Summerobend im Städtel Obend. S'loift a weiches Windel In dem kleinem, stillem Städtel, 'S schocklen still die lange Baimer, Matt bewegt sich jedes Blättel. Maidlech stehen var die Thoiren Reden, soiden sich zusammen*), Var a Schwell vun jeden Haisei Sitzt a Täte mit a Mammen. Un geboigen stumm in Trauer, Müd vun heißen Tog, dem langen Stehen kleine, stille Haislech Tief vun Jogendtraum gefangen. ... Obend. Summerdige Töner Vun a Schmölen Gässel kummen, Junge, lachendige Maidlech Halten weiße, roite Blumen. . . . 'S lacht die Sunn! In Feuerflammen Zeigendig, sie geht sich legen, Un die Alte von dem Städtel Kucken träumendig un schweigen! ... Heidelberger Abhandlungen zur mittleren und neueren Geschichte. 30. Heft: Die Juden im Königreiche Sizilien unter Normannen und Staufern. Von R. St raus, Heidelberg 1910. Carl Winter's Universitätsbuchhandlung. Rein formal schon ist die vorliegende Arbeit erfreulich; mehrt sie doch die Zahl der in jüngster Zeit von wissenschaftlichen Seminaren und Instituten herausgegebenen Abhandlungen aus dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums und legt damit Zeugnis ab von dem Interesse, das in der Gegenwart auch nichtjüdische Kreise am Judentum und seiner Geschichte nehmen. Der Verfasser nimmt als Markstein in der Geschichte der sizilischen Juden die Invasion der Normannen und Staufer an. Bis dahin waren die Juden im Nationalitätenstaat Sizilien eine Nation, die nicht gar zu lästig empfunden werden konnte. Die Herrschaft der Normannen und Staufer nivelliert aber — mitunter sehr gewaltsam — die vorhandenen Unterschiede, die Griechen schließen sich der römischen Kirche an, die Sararenen werden, soweit sie sich nicht bekehren lassen, vertrieben, und so smd bald die Juden die einzigen, die eine besondere Stellung innerhalb der Bevölkerung einnehmen. Der ganze Haß, der sich bei der christlichen Bevölkerung gegen die früher mächtigeren Sarazenen angesammelt hatte, konnte sich *)^Sich soiden einander Geheimnisse erzählen.