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Die Welt · 1911-07-21 · 29 (21.7.1911) · page 18

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
29 (21.7.1911)
Date
1911-07-21
Page
– (sequence 18)
Language
German
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700 DIEHELT No. 29 bewußtsein schlummert und bei manchen sogar ganz verschwindet, so daß die Abfallbewegung auch solche Individuen mit sich reißt, die ihren Abfall schlechtweg nicht begründen können, sondern nur aus einer etwas unbequemeren Gemeinschaft in eine etwas bequemere hinübergleiten, da der Übergang ihnen ja sehr leicht gemacht wird. Sobald aber das Judentum, sei es durch staatliche und gesellschaftliche Verfolgungen, sei es durch innern Zerfall in Gefahr gerät, finden sich unsere Besten stets unter der Fahne des jüdischen Volkes zusammen und setzen ihr Bestes ein, um der Sache unseres Volkes, die jedem seiner Söhne am Herzen liegt, zum Siege zu verhelfen. Dies hat sich auch in Ungarn erwiesen. Die stets zunehmende behördliche Bedrückung und der wachsende gesellschaftliche Antisemitismus haben die Abfallbewegung, welche in der frühern ruhigen Periode begonnen hatte, für den Moment wohl noch gesteigert; der Sturm hat den Baum geschüttelt, und die faulen Früchte sind abgefallen, — abgefallen im wahrsten Sinne des Wortes. Aber was geblieben, das ist kerngesund und mit seinem Stamme fest verbunden. Die Juden, denen ihr Judentum etwas wert ist, besinnen sich darauf, daß sie auch Pflichten gegen ihr Volk haben; daß es nicht genügt, bloß Jude zu bleiben, sondern daß es gilt, das Judentum, um dessentwillen sie Zurücksetzungen und Verfolgungen zu erleiden bereit sind, zu erhalten und zu fördern, seine Zukunft zu sichern. Vor allem ist es daher die Jugend, der sie ihr Augenmerk zuwenden und die sie^in jüdischem Geiste zu erziehen bestrebt sind, von der richtigen Erwägung ausgehend, daß die Zukunft eines jeden Volkes in seiner kommenden Generation liegt. So haben sich auch Dr. Wilhelm Grauer, einer der leitenden Männer der bedeutenden und sowohl an Größe und Einfluß als auch Vermögen gewichtigsten Pester israelitischen Kultusgerneinde, und Dr. Franz Mezei, Sekretär der israelitischen Landeskanzlei für Ungarn, zu einer Aktion entschlossen, weiche die Zukunft des jüdischen Volkes sichern soll. Es ist als ein bedeutender moralischer Erfolg unserer Bewegung zu bezeichnen, daß diese Herren sich in erster Linie der Mitwirkung der leitenden zionistischen Persönlichkeiten bei ihrem Plane zu versichern trachteten, und unsere Gesinnungsgenossen ergriffen mit Freuden die Gelegenheit an einer jüdischen Volkssache tätig zu sein. Die Herren Dr. Grauer und Dr. Mezei erklärten, ohne selbst unserer Bewegung anzugehören, die jüdisch-nationale Idee als die einzig mögliche Zukunft des Judentums, und unsere Gesinnungsgenossen machten sich mit Eifer ans Werk, welches zwar nicht unter zionistischer Flagge begann, aber — wie jede Aktion für die Zukunft des Judentunis — unserer Sache nur förderlich sein kann. In einer von ernstdenkenden Juden des Mittelstandes zahlreich beschickten Vorkonferenz wurde der Vorschlag des Dr. Wilhelm Grauer, den auch Dr. Franz Mezei mit Wärme vertrat, angenommen, dahingehend, einen Jüdischen Zentralverband für Ungarn ins Leben zu rufen, der alle jüdischen gesellschaftlichen und kulturellen sowie Wohltätigkeitsvereine im ganzen Lande zu einheitlicher Tätigkeit für die Förderung der jüdischen Kultur uud des jüdischen Volksbewußtseins zusammenfassen solle. Eine Kommission, die zur Ausarbeitung der Details entsendet wurde, erstattete in einer darauffolgenden Konferenz bereits ihr Referat und beantragte die Wahl eines engern Ausschusses, der bis zum Herbst die nötigen Vorarbeiten durchzuführen hätte, um die Gründung dann unverzüglich vornehmen zu können. In dieser zweiten Konferenz erhob sich jedoch ein unerwarteter Widerspruch von seiten der Assimilanten, welche, von dem Redakteur des „Egyenlöseg" („Gleichheit") Herrn Szabolcsi entsprechend „informiert," zwei Reichstagsabgeordnete und die gesamte Boulevordpresse ins Treffen sandten, um die geplante „jüdisch-klerikale" Gründung zu vereiteln, Herr S.abolcsi, der in seinem Blatte seit Jahrzehnten die Einigkeit der ungarischen Juden predigt, konnte es nicht verschmerzen, diese Einigkeit nun mit Hilfe der ihm persönlich verhaßten Zionisten hergestellt zu sehen, und scheute vor keinem Mittel zurück, um das Gelingen dieses Werkes hintanzuhalten. Allerdings wirkte da der Selbsterhaltungstrieb wohl auch kräftig mit, da Herrn Szabolcsis Rolle als privilegierter Retter des Judentums wohl ausgespielt gewesen wäre. Dr. Grauer und Dr. Mezei, die nach dem Beginne ihrer Aktion auf eine derartige Opposition nicht gefaßt waren, sahen mit Besorgnis die drohende Uneinigkeit im jüdischen Lager und erklärten, unter diesen Umständen die Ausführung ihres Vorhabens auf einen geeignetem Zeitpunkt verschieben zu wollen. Die geplante Organisation, welche einem unzweifelhaften kulturellen Bedürfnisse der ungarischen Judenschaft zu entsprechen bestimmt ist, dürfte daher im Laufe des nächsten Jahres verwirklicht werden, und ist es nur zu bedauern, daß die gewissenlose Politik der Assimilanten, welche hier wie überall ihren persönlichen Interessen zuliebe die Volkssache mit den niedrigsten Pressionsmitteln niederzuhalten trachten, die sofortige Ausführung verhindern konnte. Für uns Zionisten hat die Angelegenheit bereits jetzt moralische Erfolge gezeitigt; Kreise, die uns bislang fremd und teilweise ablehnend, ja, sogar feindselig gegenüberstanden, haben sich von dem inneren Gehalt unserer Idee und dem Wert der selbstlosen Tätigkeit unserer Gesinnungsgenossen überzeugt. Sie wissen nun, daß jede jüdische Angelegenheit in uns eifrige und verläßliche Förderer findet, und daß unsere Bestrebungen mit dem Streben jedes guten Juden auf dasselbe Ziel hinlaufen. Jede jüdische Volkssache wird uns fortan als vereinte Kämpfer finden. Chief Rabbi Adler gestorben Der Tod des Großrabbiners Dr. Hermann Adler, der in London am Dienstag in seinem 73. Lebensjahre verschieden ist, wird allgemeines Bedauern hervorrufen. 20 Jahre hat er als geistliches Oberhaupt der jüdischen Gemeinde in England als Nachfolger seines Vaters Dr. Nathan Adler amtiert, und 12 Jahre, ehe er zum Großrabbiner ernannt wurde, hat er dieses Amt infolge des hohen Alters und der Krankheit seines Vaters ausgeübt. Seine religiöse Autorität beschränkte sich nicht nur auf England, sondern wurde auch von den Juden in den britischen Kolonien anerkannt. Sein offizieller Titel als „Großrabbiner der vereinigten hebräischen Gemeinden des Britischen Reiches", so hochtrabend er auch klingen mag, war kein leeres Wort. Mit dem Tode Adlers verschwindet nicht nur ein Mann, sondern eine Institution. Er vereinigte in sich eine Anzahl Eigenschaften und Funktionen, die seinem Amte eine eigentümliche Bedeutung verliehen. Er war nicht nur der Großrabbiner der Juden in England oder im Britischen Reiche, sondern die Persönlichkeit, welche die Solidarität der britischen Juden in hohem Grade verkörperte. Jedes Jahr besuchte er eine Reihe von Gemeinden in England und kein Rabbiner wurde zu einer leitenden Stelle in Canada, Südafrika oder Australien ohne seine Genehmigung ernannt. Er war nicht nur ein Prediger des modernen, sondern auch ein Darschan des östlichen Typus, da er den traditionellen Gebrauch, einen talmudischen Vortrag zweimal im Jahre zu halten, treu pflegte. Als Präsident des Londoner Beth-Din hatte er nicht nur religiöse Fragen zu entscheiden, sondern Zivilprozesse zwischen jüdischen streitenden Parteien wurden ihm von den Richtern häufig unterbreitet. Sein Einfluß erstreckte sich über alle Schichten des Judentums und seine Person fand auch in der nicht-jüdischen Umgebung allgemeine Wertschätzung. Zu seinen Freunden zählten sowohl Staatsmänner wie auch die leitenden Persönlichkeiten der protestantischen und katholischen Kirche Englands. Er kam daher oft in die Lage, nicht nur für die Juden seiner Amtssphäre einzutreten, sondern er lieh auch oft den verfolgten Juden in andern Gebieten der Welt, so in Persien, Rußland und Marokko, seinen Rat und Hilfe. Toten soll man nichts schlechtes nachsagen. Es ist unnötig, an diese Vorschrift des Talmud jetzt zu erinnern, da man dem Menschen Adler nichts schlechtes nachsagen kann. Aber seine Tätigkeit als Großrabbiner wie überhaupt als offizielle Person kann dieses Lob nicht uneingeschränkt erhalten. Gewiß war seine Stellung als das Oberhaupt einer aus heterogenen Elementen bestehenden Gemeinde eine sehr schwierige. Er war von der moralischen und materiellen Unterstützung durch die Reichen und Liberalen abhängig, aber doch wäre sein Amt ohne das Vertrauen der Armen und Orthodoxen eine inhaltlose Würde gewesen. Als Vermittler zwischen diesen beiden Lagern trug er viel zu einer Verständigung zwischen ihnen bei, aber er stand doch mit seinen Sympathien auf der Seite des Westens. Diese Stellungnahme ist zum schroffen Ausdruck in den letzten Monaten gekommen, als er vor der königlichen Ehescheidungskommission in London eine Erklärung abgab, in welcher er empfahl, daß die Erteilung eines „Gets" seitens eines Rabbiners strafbar gemacht werden sollte. Man erinnert sich noch, daß dieses Gutachten einen Sturm des Protestes auslöste, der gewiß einen Schatten auf die letzten Tage seines Lebens warf. Hermann Adler besaß die Weltanschauung des modernen Durchschnittsrabbiners, der für die Wiederherstellung Zions betet, aber ihre Erreichung durch organisierte Arbeit ablehnt. Als Dr. Herzl das Judentum zur Tat aufrief, schloß sich Adler den Protestrabbinern an. Den Zionismus erklärte er als eine „ungeheuerliche Verirrung". Es ist möglich, daß er damit nicht seine eigene Herzensmeinung aussprach, sondern gefügig dem Druck der Laienmagnaten seiner reichen Gemeinde nachgab. Freilich hat er nicht, wie andere Rabbiner, den Zionismus aktiv angegriffen, wie er denn auch die eifrige zionistische Gesinnung seines einzigen Sohnes, der im Vorjahre starb, nicht mißbilligt hat., Trotz dieser Schwächen hat Hermann Adler, wie wir gerne zugestehen wollen, seinem Volke große Dienste geleistet und man

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