Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 29 DIESäÜELT \/ 699 Wiener Brief Von unserm Berichterstatter Herzl-Gedächtnisfeier in Wien Anläßlich des Todestags Theodor Herzls fand in Wien im Seitenstättentempel in der innern Stadt, Donnerstag, den 13. Juli, abends, ein vom innerösterreichischen Distriktskomitee veranstalteter Trauergottesdienst statt. Das schwarz drapierte Gotteshaus konnte die Erschienenen kaum fassen. In Vertretung des Zentralkomitees für Westösterreich waren erschienen, die Herren Fabrikant Adolf Böhm, Dr. Otto Abeles und Dr. Emil Stein, in Vertretung des jüdischen Nationalfonds die Herren Dr. Egon Zweig und Heinrich Lederer, in Vertretung des innerösterreichischen Distriktskomitees die Herren ß. Torczyner, Oczery und Ing. Groag, ferner sah man Herrn kaiserlichen Rat Hirsch und in Vertretung der jüdischen Kultusgemeinde, Herrn Bezirksrat Weil. Die Trauerfeier wurde durch das El mole rachamim von Oberkantor Herrn Don Fuchs eingeleitet, worauf Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang das Wort zur Gedächtnisrede nahm. Der Redner feierte die gigantische Gestalt Herzls und seine eminente Bedeutung für das jüdische Volk und machte tiefen Eindruck auf die Trauerversammlung. Hierauf trug der Tempelchor einige Trauerpsalmen vor; mit der Verrichtung des Kaddischgebetes für den großen Toten schloß die eindrucksvolle Trauerfeier. Der Besuch des Grabes Sonntag vormittags fanden sich die Zionisten Wiens zu vielen Hunderten auf dem Döblinger Friedhof ein, um das Grab ihres großen toten Führers zu grüßen. Es waren alle zionistischen Behörden und die meisten noch in Wien weilenden Mitglieder der studentischen, bürgerlichen und Arbeiterorganisationen erschienen. In stiller in sich gekehrter Andacht nahmen die Jüdischnationalen den Weg an dem Grabhügel mit dem einfachen Grabstein vorbei, der die sterblichen Reste Theodor Herzls birgt. Vor dem Verlassen des Friedhofs hielt Gesinnungsgenosse Dr. Otto Abeles eine kurze Ansprache an die Versammelten, in der er in warmen Worten der Trauer um Herzl und dem Mut für die Zukunft Ausdruck verlieh. Die Kundgebung trug den Stempel einfacher, schlichter Würde. Kongreßnummer der Zeitschrift;; Palästina" Anläßlich des Kongresses erschien am 20. Juli die Zeitschrift „Palästina" mit einer Reihe aktueller Artikel von bedeutsamen Autoren. Die Nummer enthält Aufsätze von Dr. Bodenheimer und Prof. Warbarg, die über die Aufgaben des Nationalfonds schreiben, Dr. Müller behandelt die Kulturfragen, Adolf Böhm die Bedeutung des Kongresses für die Palästinaarbeit, Hugo S c h a c h t e 1 gibt einen Oberblick über die Entwicklung Palästinas seit dem ersten Kongreß, Boris Gold berg (Wilna) spricht über die Erfordernisse der Palästinaarbeit, Dr. Hugo Bergmann (Prag) über die arabische Frage. Ferner enthält die Nummer Artikel von Dr. Arthur Ruppin und Dr. Jakob Thon und noch andere Beiträge, von denen ein Aufsatz über den Nutzen, welchen die jüdische Kolonisation für die Türkei bisher gebracht hat, besonders hervorgehoben sei. Die Nummer wird das lebhafteste Interesse aller Gesinnungsgenossen erregen, und es ist ihr ein eingehendes Studium sicher. Der Preis dieser Kongreßausgabe von „Palästina" kostet 75 Pfennig. Sie ist auch durch den Jüdischen Verlag zu beziehen. Das Reichsgericht und die jüdische Sprache Wie berichtet, haben zahlreiche Juden in Galizieti, die bei der letzten Volkszählung wegen Angabe der jüdischen Sprache als Umgangssprache zu Geldstrafen verurteilt wurden, an das Reichsgericht Beschwerde wegen Verletzung des ihnen staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Rechtes auf Wahrung ihrer Nationalität und Sprache erhoben. Mit dem in der Vorwoche erflossenen Erkenntnisse hat das Reichsgericht erkannt: Durch die angefochtenen Straferkenntnisse hat eine Verletzung des Rechtes auf Wahrung ihrer Sprache nicht stattgefunden. Die Beschwerden wurden als unzulässig zurückgewiesen. In den Gründen des Erkenntnisses wurde betont, daß die Frage, ob die jüdische Sprache als Umgangssprache, als Sprache eines Volksstammes anzusehen sei, verneint werden müßte. Die sogenannte jüdische Sprache, eine Art Lokalsprache, ein Dialekt, sei keine Sprache, die von allen Juden und allenthalben speziell in Österreich gesprochen wird. Selbst in Galizien und in der Bukowina wird die jüdische Sprache nicht von der ganzen Judenschaft als Umgangssprache angesehen. In die Frage, ob die Juden als Volksstamm anzusehen sind, ging diesmal das Reichsgericht nicht ein, da es sich nur um eine angebliche Verletzung des Rechtes auf Wahrung der jüdischen Sprache, nicht der Nationalität handelt. Der Emi.grationskongreß verschoben Der Emigrartionskongreß) der Ende August in Wien tagen sclLte, ist, nunmehr zum zweitenmal, auf das Frühjahr 1912 verschoben worden. Zu den Wiener Reichsratswahlen S e-hr geehrter Herr Redakteur! In einer Betrachtung über den Wahlkampf im V. Wiener Wahlbezirk verzeichnet d ie „Jüdische Zeitung" vom 16. Juni die „Pikanterie", daß der Wiener Korrespondent der „Welt" für den sozialdemokratischen Walklbewerber, Herrn Dr. Austerlitz, und gegen den jüdisch-nationakn Kandidaten Stimmung gemacht habe. Obwohl ich aus Gründen priwater Art schon im März d. J. von der Redaktion einen längern Urkiub erbeten und erhalten habe und auch in absehbarer Zeit kaum in der Lage sein werde, meine journalistische Tätigkeit für die „ Welt" wieder aufzunehmen, so habe ich noch immer die Ehre ds der Wiener Berichterstatter der „Welt" zu gelten. Die angeführte „pikante" Mitteilung der „Jüd. Zeitung" bezieht sich also iuf mich. Es ist mir freilich ein Rätsel, wieso im Wahlkampfrummiel der Leopoldstadt gerade ich den Redakteuren der,, Jüd. Zeitung" so auffallen konnte. Ich bin nämlich seit vielen Monaten auch politisch sozusagen „beurlaubt", bin der Wiener Wahlbewegung völlig ferngestanden, habe weder jüdisch-nationale noch sozialdemokratische Versammlungen besucht, nirgends das Wort ergriffen, bin für keinen Kandidaten eingetreten, noch habe ich gegen jemanden agitiert. Die „Jüd. Zeitung" verwechselt mich mit der Wiener Organisation der Jüd. Sozialist. Partei Poale-Zion. Es ist nun wahr, was aber die „Jiud. Zeitung" gar nicht erwähnt, daß die Wiener Poale-Zion beschlossen haben, für den Sozialdemokraten Austerlitz einzutreten, der nie lit getauft, wie behauptet wird, sondern konfessionslos ist. Warum meine Wiener Parteifreunde diese Stellung eingenommen haben, kann an dieser Stelle nicht erörtert werden. Mir ist dieser Beschluß nicht unbekannt geblieben, ich wurde über die Wahlvorgänge, über die politischen und taktischen Ansichten meiner Parteigenossen unterrichtet und hatte als der derzeitige Vorsitze» de der österreichischen Parteileitung zu prüfen, ob die Beschlüsse der Wiener Organisa tionruit den Resolutionen des letzten Parteitages der Poale-Zion Österreichs übereinstimmen. Ich fand keinen Mnlaß zum Eingreifen. Daß ich mich bei der Beurteilung der Sachlage lediglich von den Beschlüssen des Parteitages habe leiten lassen, und nicht von meinem Verhältnis zur Redaktion der „Welt", ist doch eine Selbstverständlichkeit, die betonen zu müssera mir geradezu peinlich ist. Die „Jüd. Zeitlang" scheint nicht dieser Ansicht zu sein. Denn sie wirft #>die Frag© auf,, ob ein Poalezionist, der nach seinen politischen Überzeugungen handelt, in Gegensatz zu einem jüdischnationalen Reichsr;aiskandidaten geraten und dabei Mitarbeiter der „Welt" bleiben dürfe. Dieses Problem existiert für mich freilich nicht. Mitglieder der zionistischen Organisation, auch wenn sie Sitz und Stimme im Actions-Comite haben oder Mitarbeiter des Zentralorgans sinlu haben keinerlei Verpflichtungen gegenüber der Jüd. Nationalpartel »Österreichs, auch wenn diese von Zionisten gebildet und geleitet wird, Wenn die Herausgeber der „Jüd. Zeitung44 eine Diskussion darübw für notwendig erachten, so können sie an den Kongreß appellieren. Die Art und Weise jedoch, wie diese Aussprache von der „Jüd. Zeitung" eingeleitet wird, finde ich eher „pikant" als geschmackvoll. Persönliche Angriffe gegen mich waren mir nie unsympathisch. Er wird mir aber einerseits zugemutet, daß ich in Erfüllung meiner Pflichten als Vorsitzender vder Jüd. Soz. Partei Poale-Zion auf meine persönlichen Interessen als Journalist Rücksicht nehmen werde. Das ist seltsam. Anderseits wird die Redaktion der „Welt" leise eingeladen, gegen ihren politisch unbequemen Berichterstatter gleichsam die Hum gerpeitsche zu schwingen. Das ist schon mehr als sonderbar. Ich bin überzeugt, daß diese Diskussionsmethode den Beifall der einsichtigen Zionisten nicht finden kann. S. Kaplansky, Wien. Brief aus Ungarn (Von unserem Berichterstaiter) Jüdischer Volksverband Es ist eine alte Erfahrung, daß zu Zeiten an Orten, wo die Juden sich verhältnismäßiger Ruhe erfreuen, das Interesse für jüdische Angelegenheiten, das jüdische Zusammengehörigkeits-