Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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ö98- DIE ELT No. 29 wie ihn Dr. Mossinsohn erteile, könne orthodoxe Kreise nicht befriedigen. Herr Dr. Mossinsohn sei zurzeit verreist, und man habe keine Gelegenheit gehabt, seinem Unterricht beizuwohnen. Doch wisse man, daß er in seinem Unterrichte der modernen Bibelkritik Rechnung trage, und dabei auch insbesondere seinem Lehrer, dem Berner Theologieprofessor Dr. Marti, folge." Haben wir irgendetwas in diese Worte hineingelegt, was in ihnen nicht enthalten ist? Gern geben wir Ihnen zu und teilen mit Ihnen das Gefühl des Bedauerns darüber, daß ein solcher Streit zwischen den beiden Ortsgruppen hier entbrannt ist. War es zuviel von dem Vorstande der misrachistischen Ortsgruppe, von der ca. 50 Mitglieder auch der andern Ortsgruppe angehören, verlangt, als man diese dringend ersuchte und im ganzen viermal ersuchte, auf ihre religiösen Gefühle Rücksicht zu nehmen und von diesem für uns geradezu unmöglichen Redner abzustehen? Wenn Herr Dr. Mossinsohn in Jaffa gewesen wäre, hätte sich doch auch ein Schekelpropagandaredner für Frankfurt finden müssen! Wir hatten nicht entfernt daran gedacht, einen Kampf gegen das Jaffaer Gymnasium und seinen den religiösen Überlieferungen des Judentums und altgeheiligten Volkssitten hohnsprechenden Geist gerade jetzt zu erneuern. Man zwang uns unsern Protest und unsere Gegenkundgebung auf, indem man dem bekanntesten und radikalsten Vertreter jenes religiös verneinenden Geistes hier die Gelegenheit gab, unter anderm auch eine Verherrlichung des Jaffaer Gymnasiums in rhetorisch äußerst geschickter und wirksamer Weise vorzutragen. Durften wir als Misrachisten dazu schweigen? Wären wir nicht vor unserm eigenen Gewissen gerichtet, wenn wir dazu geschwiegen hätten? Mußten wir nicht den Zionisten in aller Welt, denen unsere Religion und das Leben in ihr das teuerste Anliegen ihres Herzens ist, deutlich zu erkennen geben, daß wir auf der Mauer stehen, wenn man unsere Heiligtümer angreift und ihre Bekenner schmäht? Der Vorstand der Zionistischen Vereinigung hat uns in den Kampf gedrängt, man hat uns moralisch geohrfeigt. Sollten wir auch die andere Wange hinhalten? Das wäre, auch im Sinne Dr. Mossinsohns, keine jüdische Tugend! Ich bitte Sie höflichst, diese Zeilen in der „Welt" veröffentlichen zu wollen. iVlit vorzüglicher Hochachtung und Zionsgruß Professor Adolf Weyl Vorsitzender der Misrachi-Ortsgruppe zu Frankfurt a. M. * * * Als Antwort auf die vom Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland veröffentlichten Resolutionen hat das Zentralkomitee der Zionistischen Föderation Misrachi das Frankfurter Zentralbureau einstimmig zur Veröffentlichung folgender ermächtigt: Resolutionen 1. Das Zentralkomitee des Misrachi bedauert, daß die beiden Ortsgruppen der Zionist. Vereinigung für Deutschland in Nürnberg und Frankfurt a. M., die eine große Zahl von Misrachisten unter ihren Mitgliedern hatten, trotz alier Bitten und Vorstellungen von dem Vortrag des Herrn Dr. Mossinsohn nicht Abstand nahmen und dadurch nicht nur das gute Einvernehmen unter den Zionisten gestört, sondern auch die zionistische Bewegung empfindlich geschädigt haben. 2. Das Z.-K. des Misrachi spricht sowohl den Misrachi-Ortsgruppen als auch den einzelnen Misrachisten in Nürnberg und Frankfurt sein vollstes Vertrauen aus und dankt ihnen für ihre energische Abwehr irreligiöser Tendenzen in der zionistischen Organisation. 3. Das Z.-K. des Misrachi bedauert, daß die Leitung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland nichts unternommen hat, um den den Misrachisten aufgezwungenen Kampf, wozu sie ohne Schwierigkeit in der Lage gewesen wäre, zu verhüten und weist es zurück, daß dieser Kampf, der für die Misrachisten eine Gewissensfrage ist, als Disziplinlosigkeit hingestellt wird. 4. Das Z.-K des Misrachi spricht sein Bedauern darüber aus, daß das Z.-K. der Z. V. f. D. den Streit zwischen den Ortsgruppen durch seine Resolutionen zu einem Streitfall zwischen den Z. V. f. D. und der Föderation Misrachi gemacht hat. 5. Das Z.-K. des Misrachi vermißt in den Resolutionen des des Z.-K. der Z. V. f. D. eine gebührende Stellungnahme zu den Beschimpfungen von Angehörigen des Misrachi durch den Parteisekretär Herrn Kurt Blumenfeld. * * * Die Zionistische Ortsgruppe Nürnberg-Fürth sendet uns folgende Zuschrift: „Sehr geehrter Herr Redakteur! 20 Frankfurter Misrachisten veröffentlichten eine Erklärung, in welcher Herrn Dr. Mossinsohn vorgeworfen wird, „in einer zionistischen Versammlung zu Nürnberg Thora und Mizwaus für veraltet und versteinert erklärt und die thoratreuen Juden unter einem unästhetischen Bilde gekränkt und verächtlich gemacht zu ha&enV Diese Behauptungen der Misrachisten entsprechen nicht den Tatsachen. Wir erklären hiermit: I. Es ist unwahr, daß Herr Dr. Mossinsohn die Thora und die Mizwaus für veraltet und versteinert bezeichnet hat. Er hat nicht einmal dem Sinne nach einen derartigen oder ähnlichen Gedanken geäußert. Herr Dr. Mossinsohn hat von Thora und Mizwaus überhaupt nicht gesprochen. II. Es ist unwahr, daß Herr Dr. Mossinsohn die thoratreuen Juden verächtlich gemacht hat. Er hat vielmehr in der Diskussion nur das Verhalten der 20 Nürnberger und Fürther Misrachisten, welche unter persönlichen Angriffen auf ihn öffentlich ihren Austritt aus der zionistischen Ortsgruppe anzeigten und sodann, ohne seine Rechtfertigung abzuwarten, sofort den Saal verließen, gebührend bezeichnet und hierbei ausgeführt, daß „diese Art von Orthodoxen einer Konservenbüchse gleichsteht usw." Herr Dr. Mossinsohn sprach also nicht von der Orthodoxie im allgemeinen, sondern nur von den 20 Misrachisten, die keineswegs mit der Orthodoxie identisch sind und deren Verhalten in der Nürnberger Versammlung als unjüdisch bezeichnet werden muß." Deutschland Berlin. Am 16. Juli mittags veranstaltete die Berliner Zionistische Vereinigung die Gedenkfeier für Theodor Herzl. Das Referat über „Theodor Herzl als Künstler" hielt Herr Lazarus Barth. Ausgehend von einer allgemeinen Charakterisierung jüdischer Eigenart im deutschen Schrifttum zeichnete er dann den literarischen Werdegang Herzls auf, bei seinen Wendepunkten eingehender verharrend. Die zionistischen Schriften Herzls bildeten den Beschluß. Eine Sammlung für den Herzlwald schloß sich an die würdige Feier an. Berlin. In Berlin verschied nach längerem Leiden Herr Arthur Hirsch, in dem die Zionistische Organisation ein überaus reges Mitglied verliert. Der Verstorbene gehörte mehrere Jahre hindurch dem Vorstande der Berliner Vereinigung an und hat stets eifrig für unsere Ideen gewirkt. Österreich Brüx. Bei der vom jüdischen Volksverein Zion veranstalteten Herzlgedenkfeier hielt Herr Otto Kohn, Vorstandsmitglied des Vereins, die Gedenkrede, die er mit einem Nachruf für die in Drohobycz in so tragischer Weise ums Leben gekommenen Stammesbrüder verband. Die Einleitung einer Sammlung für Drohobycz wurde beschlossen. — Rezitationen brachten Frau Frieda Bandler, Frl. Hilde Fischer, Frl. Kaethe Heller, Prl. Irma Kann und Frl. Grete Taussig. Karlsbad. Die zionistischen Kurgäste treffen sich jeden Mittwoch um Vs9 Uhr abends im Restaurant Kirsch, Haus Linkoln, Egerstraße. Bosnien Banjaluka« Nach zweijährigen Bemühungen ist es endlich gelungen, den „Jüdischen Verein Kadimah" zu eröffnen. Der Zweck des Vereins ist die Hebung des jüdischen Nationalbewußtseins und die Förderung des Zionismus. Der Lesesaal ist Ende Juni eröffnet worden; die bereits vorgesehene Vortragstätigkeit soll im Herbst einsetzen. Der Verein zählt über 90 Mitglieder, Sephardim wie Aschkenasim. Nebenbei sei erwähnt, daß die sogenannten „Führenden" der „israelitischen Kultusgemeinde" dem Vereine ferngeblieben sind. Beim Eröffnungsabend hielt Gg. Herr Rabbiner Pinchas Keller die Festrede.