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Die Welt · 1911-07-21 · 29 (21.7.1911) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
29 (21.7.1911)
Date
1911-07-21
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 29 DIE3§gELT 695 seine Hilfe leiht zur Schaffung einer großen Organisation, dann, ist die kleine Frauengruppe im kleinen Orte ja nicht allein uni verlassen, sie gehört dem großen Verbände an, der sich über die ganze Welt erstreckt. Und alles, was Frauen schönes und kluges gesprochen und geschrieben, was sie zu fröhlichen Festen oder wehmütigen Erinnerungstagen ersonnen und veranstaltet, das soll nicht, wie bisher, nur einem kleinen Kreise bekannt und zugänglicli sein, nein, überall wo Juden wohnen, sollen alle davon wissen uni Nutzen ziehen. Überall wo jüdische Mütter mit Sorgen unJ Schmerzen ihre Kinder großziehen, wo sie, wie in den Ländern det Unterdrückung, oft genug mit Bangen in die Zukunft schauen, da sei ihnen Trost und Stütze in den Schwierigkeiten des Lebens und der Erziehung der Rückhalt an dem großen Verbände jüdische! Frauen, die einander beraten, belehren, unterstützen sollen. Sache einer Frauenversammlung ist es, das Nähere über die Tätigkeit dei Frauenorganisation festzusetzen, Sache des Kongreß es aber die Schaffung derselben in die Wege zu leiten. Auf dem X. Kongreß wird dieses Thema zur Sprache kommen, Der bewährten Beredsamkeit einer treuen Gesinnungsgenossin ist das Referat anvertraut, — hoffen wir, daß nun ein neues Blühen in die jüdische Frauenarbeit kommen wird, der Frauenwelt selbst und der gesamten jüdisch-nationalen Sache zum Besten. Der neue nationalistische Kurs in Rußland Der spiritus rector der zurzeit im gesamten russischen Regierungs- und Verwaltungswesen vorherrschenden „nationalen" Idee, Herr Stolypin, hat nun, nachdem er auf dem Gebiete der innern Politik reichliche Lorbeeren eingeheimst hat, seinen staatsmännischen Scharfblick dem Handel und der Industrie zugewandt Mit großer Genugtuung kann der Herr Premier auf seine großen „nationalen" Erfolge in Gesetzgebung und administrativer Praxis zurückblicken. Im Laufe des letzten Jahres hat der moderne zoologische Nationalismus der russischen Staatsweisheit in Punkto Judenfrag*e große Triumphe gefeiert. Die sehr dehnbaren un<l außerordentlich komplizierten Rechtseinschränkungen der Juden erhielten eine recht weitherzige Deutung uni eine geradezu großzügige Anwendung. Ausweisung häufte sich auf Ausweisung, Schikane auf Schikane; kranken Juden wird der Aufenthalt in Kurorten util auf dem Lande untersagt, in allen Gauen und Flecken des Innern Rußlands werden „Wohnrechtsrevisionen", recte förmliche Hetzjagden auf Juden veranstaltet, die famose Prozentnorm wird — gelinde gesagt — äußerst rigoros gehandhabt und ist zurzeit mit einer völlige« Sperrung der Hochschulen für Juden gleichbedeutend, in offenkundig gesetzwidriger Weise wird nun seüt kurzem diese Prozentnorm auch bei der Prüfung der sog. „Externen", d. h. der privat Beflissenen der Mittelschulbildung, angewandt. Auch auf legislativem Gebiete wurden bedeutende Erfolge erzielt. Das Gesetz betreffs der landschaftlichen Selbstverwaltung in Polen enthält schwerwiegende Rechtseinschränkungen für Juden. In der Dumakommission für die Landesverteidigung wurde eine Resolution angenommen, wonach die Juden vom Heere auszuschließen seien. Auch dci allgemeine Geist, der vorherrschende Ton der Reich s-- duma ließ den wohltuenden Einfluß der dirigierenden nationalen Staatsidee deutlich erkennen. Am deutlichsten trat dieser Einfluß in der famosen Ritualmor<L- Interpellation zutage. All diese schönen Erfolge, von denen jeder ausreichen würde, um dem illustren Staatslenker die Unsterblichkeit als Vaterlandsretter zu sichern, genügten indes dem titanischen Tatendrang Stolypins nicht. Nachdem auf dem Gebiete der allgemeinen Politik alle schöpferischen Möglichkeiten gründlich ausgenützt waren, wandte sich nun der große Reformator dem rein wirtschaftlichen Gebiete zu. Eine am 29. Juni abgehaltene Sitzung des Ministerrates beriet über die Maßregeln, die zu ergreifen wären, um auch auf dem Gebiete des Handels und der Industrie den von Stolypin als einzig gangbar anerkannten „nationalen Kurs" zur Geltung zu bringen. Konkret gesprochen, handelte es sich dabei um neue Rechtseinschränkungen für Juden auf dem Gebiete der Gewerbefreiheit. In dieser Hinsicht dürfte es freilich nicht so leicht sein, auf rein administrativem Wege so üppige Früchte zu erzielen wie das Ministerium des Innern auf dem Gebiete des Wohnrechts, immerhin ließe sich auch hier schon bei gutem Willen etwas machen. Übrigens soll auch die Mitarbeit der gesetzgebenden Körperschaften für das edle Werk in Anspruch genommen werden. Wie verlautet, wurde Stolypin zu seinem kühnen Husarenritt ins Wirtschaftliche durch eine entsprechende allerhöchste Resolution angespornt. Handelsminister Timaschow soll anfangs den Vorschlag Stolypins, die nötigen Maßregeln zur Verwirklichung dieser Resolution zu ergreifen, entschieden abgelehnt, später aber kleinlaut nachgegeben haben. Die Wirkung dieser Resolution soll bereits vor kurzem im Ministerrat bei Behandlung einer bestimmten jüdischen Angelegenheit zutage getreten sein. Nach Meldungen aus gut unterrichteter Quelle sollen die neuen Einschränkungen in erster Reihe die an der Spitze großer Handelshäuser und Bankgeschäfte stehenden Juden treffen. Die weitere Behandlung dieser Frage steht auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung des Ministerrats. Wie verlautet, wird Stolypin aus Bad Elster zu dieser Sitzung nach Petersburg zurückkehren, um die neuen Rechtseinschränkungen, trotz der Opposition einiger Minister, die von denselben eine Schädigung der allgemeinen wirtschaftlichen Interessen des Landes befürchten, ohne jeden Aufschub durchzuführen. Die Juden und der albanische Aufstand Aus London wird der „N. J. K." berichtet: So oft in irgend einem Lande der Welt ein Ereignis eintritt» das die Öffentlichkeit in hervorragendem Maße beschäftigt, macht sich der internationale Antisemitismus ungesäumt an die Arbeit, dem Judentum die Schuld beizumessen. Ob es sich um einen Sensationsprozeß handelt oder um eine Veränderung der Regierungsform oder um eine wirtschaftliche Krise — stets ist der Jude daran schuld. Es steht noch in allgemeiner Erinnerung, wie man die portugiesische Umwälzung den „jüdischen Freimaurern" zuschrieb, die überhaupt ein beliebtes Gruselobjekt der antisemitischen Regiekunst bilden. Nunmehr sind die Juden auch an den Mißgriffen und Grausamkeiten beteiligt, die von Torgut Schefket, dem türkischen Kommandierenden in Albanien, gegen die Aufständischen angeblich begangen werden. In einem Artikel, der gleichzeitig in der Wiener „Zeit", in klerikalen italienischen Zeitungen und in der Londoner „Times" auftaucht, schildert ein „nichtalbanischer Augenzeuge" die Kriegführungsmethode Torgut Schefkets gegen die Albaner. Die Intervention der europäischen Kabinette in Konstantinopel müßte darnach vergebens bleiben, weil nicht die türkische Regierung für die Grausamkeit verantwortlich sei, sondern das inoffizielle und unangreifbare Salonikier Komitee. Ein Einfluß auf dieses könnenicht von den Regierungen genommen werden, sondern von den ehrenhaften und humanen Juden der westlichen Staaten! Der

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