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Die Welt · 1911-07-14 · 28 (14.7.1911) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
28 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 28 DIEE^ELT 669 brödelei begegnen. Das Wichtigste aber ist, daß sie die Möglich keit haben werden, sich aus eigenem Augenschein von dem Leben und der Arbeit der Juden Palästinas, von dem Wesen undWirkenihrer Kolonisationsbewegung Rechenschaft zu geben. Sie werden dann die bekannten parlamentansehen Lügenreden leichter auf ihr richtiges Maß zurückführen können. Aus diesem Grunde sehen die palästinischen Juden gewiß mit Freude der kommenden Gesellschaftsfahrt entgegen. * * * Sofort nach der Rückkehr Sultan Mehmedsriach seiner Hauptstadt brachten die hiesigen Blätter die Nachricht, daß der Herrscher die Absicht hege, nächsten Frühling Syrien und Palästina zu besuchen. Authentisches ist darüber bisher noch nicht bekannt geworden. David Fresco zu Gefängnis verurteilt Der Redakteur des „Tiempo" ist vergangenen Donnerstag vor dem hiesigen zweiten Gerichtshöfe wegen verleumderischer Beleidigung, begangen durch einen Artikel gegen Herrn Elnekave, zu einer Geldstrafe von 5 Pfund und zehn Tagen Gefängnis ver urteilt worden. Die jüdischen Soldaten im türkischen Heere Die ersten jüdischen Soldaten sind dieser Tage aus dem Dienste entlassen worden. Alle, ausnahmslos, sprechen ihre Befriedigung über die in der Kaserne gemachten Erfahrungen aus. Sie haben sowohl auf seiten ihrer Offiziere alles Entgegenkommen gefunden, wie auch im besten Einvernehmen mit ihren nichtjüdischen Kameraden zusammengelebt. Ein Zeugnis dafür bildet ein Dankbrief, den eine Anzahl dierstentlassener Soldaten des 13. Regiments durch die Zeitung „El Avenir" in Salonik an ihre Offiziere richtet. Der Konstantinopeler „Makkabi" hat durch die Verabschiedung der ersten „Reservisten" eine Reihe seiner rührigsten jungen Leute wieder zurückbekommen. Die „Makkabistos" können ganz besonders von angenehmem Dienste berichten. Ihre durch den Turnverein erzielte militärische Vorbildung stellte sie 3n die erste Reihe der Rekruten und erleichterte ihnen merklich das Ertragen der Strapazen. Der jüdische Unterricht in Konstantinopel Der neue Medschliss dschisrnani hat eingesehen, daß eine seiner ersten und wichtigsten Aufgaben die Reform des hier arg darniederliegenden Schulwesens sein müsse. Er hat deshalb eine große Schulkommission eingesetzt, die neben den besten Kennern der Schulverhältnisse aus der Mitte det Gemeinde auch zwei Direktoren der Alliance und zwei Direktoren des Hilfsvereins umfaßt. Freilich Heß gerade diese Zusammensetzung voraussehen, daß eine Einmütigkeit in bezug auf die Umgestaltung der pädagogischen Dinge schwer zu erzielen sein müsse. Noch bevor die große Kommission ihre Arbeit begann, war vom Medschliss dschisrnani eine gewisse doppelte Richtlinie festgelegt worden: erstens, daß nach Möglichkeit eine Uniformierung des gesamten jüdischen Schulwerkes durchzuführen sei, und zweitens, daß das auf patriotischer und jüdischer Basis, d. h. auf Basis des türkischen und des hebräischen Unterrichts, zu geschehen habe. Nun darf man nicht vergessen, daß dieser doppelten Grundreform eine große Schwierigkeit dadurch im Wege steht, daß die hier existierenden Schulen zum allergrößten Teile nicht Eigentum der Gemeinde sind, sondern ausländischen Gesellschaften, der Alliance und dem Hilfsverein gehören. Die Beschlüsse der Gemeinde, soweit sie diese Anstalten betreffen, könnten also noch nicht ohne weiteres Realisierung finden, sondern müßten erst den Bureaus in Paris und Berlin unterbreitet werden, damit ihnen von dort her ebenfalls Rechnung getragen werde. Würden von dieser Seite den geplanten Reformen Widerstände entgegengesetzt, so müßte es zu Konflikten kommen. Vom Hilfsverein sind nun zwar diese Widerstände kaum zu erwarten, da es ja Prinzip dieser Gesellschaft ist, de i Bedürfnissen und Wünschen der lokalen Bevölkerungen in weitestem Maße entgegenzukommen; wohl aber hat man sich ihrer von der Alliance her zu versehen. Gleichwohl gibt man sich hier der Hoffnung auf eine Verständigung auch mit der Alliance, die ja die meisten und größten jüdischen Schulen Konstantinopels in Händen hat, hin. Erleichtert würde diese Verständigung, wenn die jüdische Gemeinde wenigstens eine einzige eigene Schule hätte, die als Modell für alle übrigen dienen könnte; eine Anstalt von dem gewünschten neuen Typ, die zugleich günstige Erziehungsresultate aufzuweisen hätte. Eine derartige Anstalt gibt es leider noch nicht. Die einzige Gemeindeschule im Zentrum Galata trägt ungerechterweise den Namen Alliance und ahmt vollständig ihr Programm nach, die zweite, die sogenannte „Schule? Muarif" in Hasköj untersteht bislang ebenfalls allianzistischer Aufsicht und ist sehr schlecht organisiert und geleitet. Mehr eigene Schulen hat die 60 000 Seelen zälillende Konstantinopeler Gemeinde nicht! Es gelte also, etwas Neues, Eigenes zu schaffen, was den auswärtigen Schulgesellschaften Vertrauen eingeben könnte. Im richtigen Gefühle hiervon ist die Schulkomniission zuerst darai gegangen, die „Schule'i Mua/if" in Hasköj, die ein sehr seil© «es Gebäude besitzt, so umzugestalten, daf3 sie den Typus der erstrebten Einheitsschule darstellen körinte. Die Kommission hatte zu «dem Behufe zwei ihrer Mitglieder, Herrn Alchatel von der Allifcnce Israelite und Herrn Medini vom Hilfsverein mit der Aufgabe betraut, das neue Programm für Organisation iiind Lehrplan der „SchuleT Muarif" auszuarbeiten. Diese Unterkommission kam zu einer vorläufigen Einigung auf folgender Basis: Die Einheitsschule der Gemeinde kann bis auf weutesres nur die Unterstufe des jüdischen Schulwesens, bilden, die der türkischen „Iptidadie" entsprechen und den Kindergarten (4 bis 6 Jahre), sowie drei Klassen (6—9 Jahre) umfassen, würde. In dieser Unterstufe dürfte nur Hebräisch und Türkisch, aber noch kein 5 europäische Sprache gelehrt werden (für die oberste Klasse winde hinsichtlich dieses Punktes noch keine Einigung erzielt). Die weitere Fortbildung der jüdischen Schulkinder sei einstweilen den Schulen der Alliance und des Hilfsvereins zu überlassen. Der Gedanke ist außerordentlich gesund; und renn die Gemeinde wirklich daran ginge, alle in ihrem Weichbilde bestehenden Kinderkrippen (Maestras) in Kindergärten und alle privaten Talmud- Tkwas in solche Iptidadie-Schulen umzugestalten, sc würde sie schnon Großes leisten. Was diese vorsintflutlichen Maestras und Talmud-Thoras anbetrifft, so ist eine andere Sonderkonimission, bestellend aus den Herren J. Niego, ehemaliger Leiten der Schule „Mbveh-Israel", und dem Sekretär des Großrabbinats, Rabbiner Sa.ges, gebildet worden, die die Aufgabe hat, eine eingehende Statistik über diese Schulembryone zu schaffen, die der Arbeit der Nspschöpfung zur Unterlage soll dienen können. Leider hat der der großen Kommission kürzlich vorgelegte Plan für die „Schule'i Muarif*' noch nicht die Stimmen aller Mitglieder auf sich vereinigen können. Vielfach fürchtet man je<le Neuerung, man fürchtet auch den Unwillen der Alliance. Aber die Hoffnung einer Einigung auf einen modernen Schulplan braucht vorläufig noch nicht aufgegeben zu werden. Die Verhandlungen schreiten fort Die Schändung des Judentums auf der Straße Wieder haben die Prozessionen des Fronleichnimstages die Herzen aller Jüdischfühlenden in bitterm Schmerz erzittern lassen. Wieder. sind die endlosen Scharen von Kindern, von jüdischen Kindern, durch die Gassen, fast alles jüdische Gassen, dahingezogen in den weißen Gewändern der Jesusbräute, mitRosenkränzen, Gebetbüchern, Weihkerzen, Kreuzen und — Mariabildern in den zarten Händen, Gebete an den Erlöser murmelnd, oder salbungsvolle Gesänge zur „heiligen Mutter Gottes" emporsendend, ohne daiß die Eltern, die zu unwissend, zu indifferent oder aus Not zu fwchtsam zum Widerstande sind, dagegen Protest erheben, ohne daß die Leiter der hiesigen Judenheit auch nur den Finger dagegen rühren! So wird von Jahr zu Jahr die immer wachsende Schande durch die Straßen getragen! Man möchte aufschreien, wenn man dies sielt! Schläft denn das ganze Judentum, daß es dem kein Ende bereitet? Ein paar Armenschulen für jüdische Kimder, ein paar neue Schulen vor allem für jüdische Mädchen, und die Schande ist behoben. Die jüdischen Kinder brauchen Erziehung; das Judentum \eiweigert sie ihnen. Die christlichen Mönche und Nonnen öffnen ihnen weit die Tore. Was Wunder, wenn sie sie dann mit viel süßer Verlockung und ein wenig Gewalt zu Sklaven and Sklavinnen ilir&r Heiligen machen, die die christlichen Heilslehren eingetrichtert erhalten, zu Knixen, Bekreuzigungen, kniefälligem Gebet, Choralgesängen und Schandprozessionen angelernt werde«! Wie lange soll noch der Seelenmord an unsern Kindern fortdau&m! Die ganze gioße jüdische Welt und in erster Reihe die jüdischen Kulturgesellschaften, die Alliance Israelite Universelle voraji, tragen die Y<ölle Verantwortung. Kleine Nachrichten Dem „Osmanischen Lloyd" zufolge hat das Großrabbinat an zuständiger Stelle verlangt, daß die jüdischen Soldaten jeden Samstag Uilaub erhalten sollen, wie die christlichen am Sonntag. In Saloniki sollen diejenigen jüdischen Rekruten, die nach Ableistung der Fünfzig-Pfund-Steuer nur dreimonatlichen Reservisteindienst leisten, dien Samstagurlaub auf Verlangen des Großrabbin&rs Jakob Mair bereits bewilligt erhalten haben. Die Nachricht, daß der Salonikier Gemeinderat mit dreifacher Majorität beschlossen habe, Rabbi Jakob MeTr um sein Verbleiben in Saloniki zu ersuchen, erregt hier großes Aufsehen. Rabbi MeTr tiat sich bereits entschlossen, in Saloniki zu verbleiben.

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