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Die Welt · 1911-07-14 · 28 (14.7.1911) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
28 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
– (sequence 16)
Language
German
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670 DIE Palästina ELT No. 28 Eine Expedition nach dem Toten Meere Die Gesellschaft für Palästinaforschung in Berlin hat beschlossen, eine Expedition zur Erforschung des Toten Meeres nach Palästina zu entsenden. Sie soll im Oktober d. J. unter der Führung des Custos am kgl. Institut für Meereskunde in Berlin, Herrn Dr. Ludwig Brühl, von Jaffa aufbrechen, der von drei oder vier Europäern begleitet wird, und sich etwa sechs Wochen lang mit der Erforschung des merkwürdigsten alier Binnenmeere zu beschäftigen gedenkt. Im 19. Jahrhundert haben bereits einige Forschungsreisen die genauere Untersuchung des etwa 75 km langen und bis zu 22 Vü km breiten abflußlosen Gewässers zum Gegenstande gehabt. Aber nur eine einzige, die des Amerikaners Lynch, hat sich über einen längern Zeitraum erstreckt und mit ausreichenden Instrumenten gearbeitet. Diese Expedition fand schon 1S48'49 statt und arbeitete mit den damaligen unzulänglichen Methoden. Es ist deshalb anzunehmen, daß eine mit modernem Rüstzeug ausgestattete Expedition ganz neue und grundlegende Ergebnisse zeitigen wird. Denn über die Konfiguration des Meeresbeckens, die chemische Beschaffenheit des Wassers und seiner Strömungen, über das feinere Verhalten der ,verschiedenen Salzkomponenten des fast 24° o Salz enthaltenden Wassers weiß man so gut wie nichts. Auch die organische Welt ist nicht genauer untersucht. Während man früher annahm, daß das Tote Meer ohne alle Lebewesen sei, weiß man heute vorn Vorkommen einer kleinen Fischart, die lebende Junge zur Welt bringt. Man hofft aber.auch andere lebende Organismen, Algenarten, Bakterien, die im schwefelwasserstoffhaltigen Wasser zu leben vermögen, Plankton auffinden zu können. Auch für die von van t'Hoff über marine Salzablagerungen aufgestellten Theorien wird eine genauere Untersuchung des Bodens des Toten Meeres und seiner Ablagerungen vielleicht wichtige Resultate zeitigen. Die Expedition erweckt deshalb in wissenschaftlichen Kreisen lebhaftes Interesse. Die Kosten der Expedition sind der Gesellschaft für Palästinaforschung von Herrn Oscar Tietz in Berlin in großherziger Weise zur Verfügung gestellt worden. Hetzereien in iiaifa Vor einigen Wochen hielt bei einer türkischen Demonstrationsversammlung in Haifa, in der gegen die Losreißung der Insel Kreta gesprochen wurde, auch ein Redakteur des christlich-arabischen Hetzblattes „Carmel" eine Rade gegen die Ausländer. Ein anwesender Jude, Bosaglio, fiel ihm ins Wort und verlangte, er solle die Rednertribüne verlassen, da er die einzelnen Nationen der Türkei gegeneinander hetze. Die Volksmenge ergriff für beide Teile Partei, und erst die Polizei konnte die Ruhe herstellen. Konferenz jüdischer Arbeiter in Pethach-Tikwah Vor kurzem fand in Pethach-Tikwah eine Versammlung jüdischer landwirtschaftlicher Arbeiter aus verschiedenen judäischen Kolonien statt. Der Zweck der Versammlung war die Schaffung einer parteilosen Organisation sämtlicher in Judäa tätigen landwirtschaftlichen Arbeiter. Es wurde ein Zentralkomitee eingesetzt, ferner Lokalkomitees in Pethach-Tikwah, Rischon le Zion, Rechoboth, Hulda und Lydda. Eine ähnliche parteilose Arbeiterorganisation besteht bereits für die Kolonien in Galiläa. Rußland Vom Kiewer „Ritualmordu In die dunkle Angelegenheit des Kiewer Mordes kommt allmählich Licht. Die Untersuchungsbehörde ist bereits auf die Spur gekommen. Von Anfang an war der Verdacht bekanntlich auf die nächsten Verwandten des ermordeten Knaben gefallen, und sie wurden auch infolgedessen verhaftet. Bald mischten sich aber unbekannte Personen mit gioßem Einfluß in die Sache, und die Verhafteten wurden freigelassen, während gleichzeitig eine intensive Agitation für die Anerkennung eines „Rituaimordes" einsetzte. So ging es, bis Krassowsky, der gewesene Chef der Kiewer Geheimpolizei, der zurzeit im Polizeiressort des Ministeriums des Innern tätig ist, nach Kiew kam, um die Angelegenheit zu untersuchen. Krassowsky ging energisch ans Werk und geriet bald auf die echte Spur. Es stellte sich zur Evidenz heraus, daß Juschtschinsky wahrscheinlich von zwei Personen — dem Stiefvater des Ermordeten und dessen Verwandten Njeshinsky — ermordet worden sei. Besonders stark war der Verdacht gegen Njeshinsky, einen bekannten Hooligan mit dunkler Vergangenheit. <t Dieser Ehrenmann wurde bereits s. Z. wegen eines bewaffneten Oberfalles zu Zuchthausstrafe verurteilt. Er wurde nun von zwei Seiten gleichzeitig — von seiten Krassowskys einerseits und des derzeitigen Chefs der Kiewer Geheimpolizei Mischtschuk anderseits — in Verhör genommen. Schließlich erfolgte seine und des Stiefvaters Verhaftung. Jüdische Matrosen als Gäste des russischen Staates Unter den 4800 Matrosen der amerikanischen Eskadre, die vor kurzem die Hauptstadt des Zarenreiches mit ihrem Besuche beehrte, befanden sich 440 Juden, und zwar, mit geringen Ausnahmen, — Emigranten aus Rußland. Von den Offizieren waren nicht weniger als 20 Juden, darunter Kapitän Meveli, dessen Eltern seinerzeit aus Samara ausgewiesen wurden und nach Amerika auswanderten. — Die jüdischen Matrosen besichtigten die Petersburger Hauptsynagoge. Sie äußerten ihr Verwundern darüber, daß die Petersburger jüdische Gemeinde nicht die Gelegenheit ergriffen habe, ihren Glaubensgenossen unter den Gästen des Staates einen offiziellen Empfang zu bereiten. Dies wäre eine eindrucksvolle Kundgebung der jüdischen Gleichberechtigung in den Vereinigten Staaten. Ein Pogromaufruf Das bekannte Pogromblatt „Russkoje Snamje" hetzt wiederum gegen die jüdische Bevölkerung in Witebsk, indem es die bereits als grundlose,--erwiesene Verleumdung, wonach ein jüdischer Schlächter sein Dienstmädchen vergewaltigt haben soll, aufzufrischen sucht. Die Redaktion bem ^rkt zu dem Hetzartikel: „Ein Pogrom in Witebsk wäre geradezu erwünscht." Die Juden auf sibirischen Jahrmärkten Der Gouverneur vonTobolsk hat in diesem Jahre im Gegensatz zur frühern Protis Juden nicht nur den Aufenthalt und Handel in Tjumen, sondern auch den Besuch des Jahrmarkts verboten. Über diese Verfügung wurde von einer Reihe jüdischer Firmen beim Handelsministerium Beschwerde geführt. Auch das Tjumener Börsenkomitee schloß sich dieser Beschwerde an, wobei letzteres auf die mit der Durchführung dieser Verfügung unbedingt verbundene „Verwirrung in Angelegenheiten des Handels" hinwies. Das Handelsministerium fand, daß nach dem Buchstaben des Gesetzes die Verfügung des Gouverneurs durchaus berechtigt ist. Anderseits müsse aber in Betracht gezogen werden, daß das Gesetz im gegebenen Falle bisher nie in voller Strenge angewandt worden ist und seine plötzliche Anwendung den Handel unbedingt schädigen wird. Daher 'hat sich das Handelsministerium an das Ministerium des Innern mit dem Ersuchen gewandt* die Verfügung des Gouverneurs temporär aufzuheben. Sollte das M nisterium des Innern nicht hierauf eingehen, so ist das Handelsministerium wie die „Rjetsch" erfährt, entschlossen, die Angelegenheit im Ministerrat vorzubringen. Antisemitische Exzesse in einem Theater Im Sommertheater zu Plojesti veranstalteten die Zöglinge des Mädchen-Lyzeums eine Wohltätigkeitsvorstellung. Als die jüdische Schülerin Franziska Rosen die Bühne betrat, kam es zu großen Exzessen. Ein Teil des Publikums protestierte in erregter Weise gegen das Auftreten einer Jüdin im Theater, während der andere Teil energisch Ruhe forderte, damit die Vorstellung zu En Je geführt werden könne. Es kam zu einer großen Prügelei, in deren Verlauf mehrere Personen verletzt wurden. Inzwischen wurde die auf der Bühne hilflos dastehende Dilettantin aus dem Publikum mit faulen Eiern und Steinen beworfen. Der Vorhang mußte herabgelassen werden. Vor der Garderobe nahmen Polizisten Aufstellung, um Franziska Rosen vor weitem Insulten zu schützen. Nachdem der Tumult im Theater immer größer wurde, und die Sicherheitswache sich als zu schwach erwies, mußte Militär requiriert werden, um die Ruhe wiederherzustellen. Feuersbrunst in Saloniki Eine Feuersbrunst vernichtete am 28. Juni einen ansehnlichen Teil des jüdischen Viertels von Saloniki. Viele Familien sind dadurch ins Elend geraten. Man schätzt den Schaden auf etwa 2l2 Millionen Frs. Schluß des redaktionellen Teils

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