Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 28 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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dem eisernen Förderhaken des Mastkranes, und die pendelnde Kette ist das einzige sich bewegende Glied in diesem starren Gewirr von Stricken und Stangen.-- Ruhe! Frieden! Mich treibts ruh- und friedlos auf dem schweigenden Koloß umher. Ist's die Sehnsucht, die mich treibt, der Wunsch, ein einziges Mal nur auf diesem stolzen Schiffe hinüberzufahren übers Meer in ferne Länder und zu fremden Menschen? Ist's die Sehnsucht nach all dem Großen und Gewaltigen, das es da draußen noch zu schauen und zu schaffen gibt? Von der Kommandobrücke steige ich herab, wandere über ein endloses Promenadendeck, schaue zum soundsovielten Mal mit stets neuem Staunen über die Reeling auf den Strom, der abgrundtief unter mir liegt, lasse von der Spitze aus den Blick über das gigantische Bild des größten europäischen Hafens schweifen und steige endlich zum Speisesaal hinab. Alles blitzt und gleißt an der vornehm gediegenen Einrichtung. Von Meisterhand im Bilde festgehalten, grüßt Hamburgs majestätische Schönheit von den Wänden herab, und herrliche Spiegelscheiben behüten strahlendes Tafelsilber und blitzendes Krystall. — Feiertagsstimmung. Aber mich treibts weiter. Ich öffne draußen auf dem Oange eine Tür. Steil führt eine eiserne Leiter schier ins Unendliche herab. Und rings umher glänzt und gleißt und blitzt es, rings bricht sich das Licht in den blanken Spiegeln der zahllosen Schrauben, Gelenken, Kolben, Schaniere, die zur Riesenmaschine gehören. Ganz leise nur singt der Dampf in Zylindern und Kesseln, gleichsam als prüfe er seine Stimme, ob sie wohl den rechten Ton treffe zum gewaltigen Sturmlied, wenn er wieder Leben bringen wird in diese toten ehernen Muskel! — Ich schließe vorsichtig wieder die Tür, mir ists, als müsse jeder laute Ton den schlafenden Riesen wecken Hohl poltert die Stiege, auf der ich abwärtssteige. Keine Mahagonistufen diesmal, derbe Bretter die Treppe, statt des Bronzegeländers ein geteertes Seil. Und unten nimmt mich ein niedriger Raum von ungeheurer Flächendimension auf. Da plötzlich ist mir's, als schwiege in mir plötzlich die treibende Unruhe, als läge in dieser dumpfen Stickluft des Zwischendecks ein Fluidum, das auf mich einwirkt mit fast magnetischer Kraft. Langsam durchmesse ich den Raum, der den Hall meiner Schritte mit doppeltem Laut an mein Ohr zurückwirft, so daß mirs ist, als gingen noch andere gleich mir Einsamen hier umher mit den gleichen schleppenden Schritten! Tapp!. . tapp! ..tapp . . .! Wie suggestiv die große Stille um mich her doch wirkt. Mir ists, als sähe ich die eingebildeten Bewohner dieses Raumes leibhaftig vor mir. Mir ists, als sähe ich sie dort über die rohe Stiege stolpern, meine armen russischen Brüder, ihr geringes Hab und Gut im groben Sack, oft nur im bunten Tuch. Ich sehe sie hier hocken, Männer und Weiber, Greise und Junge. So verschieden die Gesichter, und doch eigentlich nur eine Physiognomie! Wie unterm Aschenstrich der Karwoche schreiten sie daher, gezeichnet und geächtet. Aber kein leicht verwischbarer Aschenstrich ists, der ihre Gesichter so geisterhaft macht, nein, ein untilgbar, entstellend Grau, dems nur der Kundige noch ansieht, daß es einst helles Silber war, auf das mit untrüglichen Runen Natur das stolze Wort geäzt hat: Iwri onauchi! Ich bin ein Jude! Und unwillkürlich greife ich an die Stirn, wo auch mir das Schaublech des Judentums Siegel und Feldzeichen ist! Quer in dem düstern Gang steht eine große Kiste. Darauf mit aufdringlich großen Buchstaben der Name einer Stadt. Daneben klebt ein blutroter Zettel. „Vorsicht! Nicht stürzen! Glas!" Ich setze mich darauf und versinke in Träume! In diesem Raum haben Hunderte, Tausende von Juden gesessen! Jedesmal, wenn der Ozeanriese sich anschickt, seinen Weg nach Amerika zu nehmen, reißt er ein winzig Stückchen vom Judenelend Europas los, um so allmählich im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten eine schlimme Möglichkeit zur Tatsache zu machen. Ein neues Judenelend! Denn auch Amerika kann uns Juden kein letztes Wanderziel bedeuten. Höchstens, daß es dort Judengräber gibt, in denen solche liegen, die in Frieden starben; wer leben will, leben und schaffen, dem wird das neue Judenelend gar bald die drohende Faust entgegenstrecken. Vielleicht lehrt ihn dann ihr ungestümes, unerbittliches Drängen, daß der Jude wandern muß, bis sein Fuß die heilige Scholle betritt, die sein Ahn abschüttelte mit bitterschwerem Herzen, bis Meeresbrausen und Waldesrauschen es ihm singen, und das eigne Herz es ihm kündet: Dies ist Erez Jisroel, ist des Juden Vaterland! Und da ists mir, als sei der unheimliche Raum, in dem die Geister ruheloser Pilger mich umschweben, ein furchtbarer, riesiger Sarg, in dem man modern läßt, was noch grün und jung ist im Herzen des Juden! Und doch weiß ich, ich bin in meinen Gefühlen ungerecht. Auch hier blüht zuweilen das echt jüdische Leben, und helle Sabbathkerzen überstrahlen die nüchterne Kahlheit. In das rythmische Stampfen der Maschine, das sie mit jeder Schraubendrehung dem neuen Leben näher bringt, mischen sich ihre Sabbathlieder, so daß wohl auch die Reichen oben in den Frunksälen einige Minuten lauschen, wie die armen Juden das schlichte Lied ihrer großen Sehnsuchtsingen:;;So der Ewige unsere Gefangenen wieder gen Zion fünrte, wie Träumende wären wir da." Und doch, wenn sie nur aufwachen wollten von dem tinseligen Traum des Goluslebens, sie könnten mit wachen Augen gen Zion ziehen, statt vom Nebelreiche des Ostens zum kalten, praktischen Lande der neuen Welt zu ziehen. Täglich flehen ihre Lippen: „S.o mögen schauen unsere Augen, wie du gen Zion kehrst in Barmherzigkeit", und öffnen die Augen nicht vor dem greifbaren Ziele ihrer Sehnsucht, dem Palästina von heute, das nur jüdische Hände und jüdische Herzen braucht, um das alte „gelobte" Land zu werden! Ich springe auf. Wieder wandre ich erregt umher, wieder antwortet das Echo auf meine Schritte. Bis ganz ans Ende komme ich, dahin, wo die stärkste Rippe des Schiffes in kühnem Bogen die schrägen Wände verbindet. Wie mancher hat hier schon gestanden, um gleich mir wieder umzukehren im ruhelosen Wandeln dessen, den ein mächtiger Wille ins Ungewisse treibt. Schon will ich mich wenden, da leuchtet mir von der Wand etwas Helles entgegen. Ich greife in dieTasche, ein Druck auf den Knopf der Lampe, und ein heller, klarer Lichtkegel überflutet meine nächste Umgebung. Und in dem hellen Schein steht schön und majestätisch Theodor Herzls Bild! Darunter mit ungefügen Buchstaben das alte Wort: L'schonoh habooh bijreruscholo jim! Und da ists mir, als blühe eine schöne Hoffnung