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Die Welt · 1911-07-14 · 28 (14.7.1911) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
28 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 28 WEDELT 663 mir im Herzen! Zieht denn hinaus nach Amerika, ihr Juden, die ihr sterben wollt in Frieden und Ruhe. Wir, das junge Geschlecht, werden es wahr machen, was hier im letzten Winkel des Zwischendecks geschrieben steht, wie eine Eidesformel vor dem, unter dessen Bild sie steht: d^itd n&an nwb Wenn wir wollen, ist's kein Märchen! II. Ich stehe vor meiner Klasse. Vierzig Kinder, Jungens und Mädels, sitzen vor mir. Auch wenn nicht das hebräische Buch vor ihnen läge, predigten doch die schwarzen Haare und die fast noch schwärzeren Augen ihr Judentum. Sie betätigen es, indem sie im Chorus laut übersetzen: Elauhai — mein Gott — n'schomoh — die Seele — schenoßattoh-bi — Die Du mir gabst. . . Eifrig zeigen die kleinen nicht immer ganz reinen Finger auf die Worte des Buches, die Köpfe liegen dicht beieinander, und möglichst laut zu schreien ist ihr vom Ehrgeiz gestecktes Ziel. Und. ich mag sie nicht zur Mäßigung ihrer jugendlichen Stimmen mahnen, — es ist gut, wenn jüdische Kinder ihr Hebräisch recht laut sprechen, — nicht nur in der Schule! Ich blättere in meinem Buche. Einer leidigen Angewohnheit zufolge liegen zwischen den einzelnenBlättern Zettel und Notizen aller Art. Hier ein Straßenbahnbillet, auf dessen leerer Rückseite Namen von „Armensündern" stehen, die demnächst ein Verbrechen gegen den allmächtigen Schulgott „Disziplin" mit einer Nachsitzstunde büßen sollen. In einer großmütig-unpädagogischen Anwandlung zerreiße ich den Zettel. Dann folgt eine Einladungskarte, ein Brief meiner Schwester, eine Bücherbestellkarte und endlich zwischen dem letzten Blatt und dem Umschlag ein Bild Herzls, wie Strucks Meisterhand ihn auf die Leinwand bannte. Immer wieder muß ich ihn betrachten, diesen wundervollen Kopf! Da blitzt in mir ein Gedanke auf! Keines meiner Kleinen hat wohl je etwas von Herzl gehört, noch weniger je eins sein Bild gesehen. Ich will's ihnen zeigen, wen mögen sie wohl darin vermuten?;;Halt!" „Bücher schließen^, „Bücher unter den Tisch!" „Hierher sehen!"—„ Wer ist das?" Und ich halte das Bild in die Höhe. Vierzig Köpfe fahren in die Höhe, vierzig Augenpaare schauen auf das Kärtchen. Aus den hintern Bänken drängen sie nach vorne, bald umstehen mich alle. Von Hand zu Hand wandert die Karte, jedes Kind scheint ergriffen von diesem Idealbild jüdischer Männlichkeit. Endlich gelangt das Bild wieder zu mir zurück. „Nun, wer ist das?" Stille. Nur zwei Kinder melden sich. Jakob fuchtelt mir mit ausgestrecktem Finger dicht vor der Nase, die kleine Rebeka meldet sich nur schüchtern. „Na, Jakob, wer ist das?" „Moses", ruft mit strahlendem Auge der kleine Kerl. Und was meint Rebekchen? Und das liebe Ding sagt ganz leise, so daß ich's kaum verstehen kann: „Unser König!" Ich habe beiden nicht widersprochen. Wie nahe doch oft der Irrtum der Wahrheit ist! III. „Unter den Linden" in Berlin. Helle Frühlingssonne, blauer strahlender Himmel, „Hohenzollernwetter", wie's der Berliner nennt. Ich stehe mit vielen hundert andern am Kgl. Opernhaus, dem Zeughause gegenüber. Weithin auf beiden Seiten dichtgedrängte Menschenmengen, die auf die Rückkunft des Kaisers vom Paradefelde warten. Mit klingendem Spiel rückt die Ehrenkompagnie auf den Platz, die Fahne auf dem rechten Flügel. Wenige Minuten später tönt lautes Hurrah von der Friedrichstraße herauf, und der Hauptmann läßt die Kompagnie präsentieren. Wilhelm IL hält auf dem Platze, und seine Falkenaugen überblicken Truppen und Volk, während die Rechte ununterbrochen grüßt. Da nähert sich dem Kaiser ein alter Herr und lüftet ehrerbietig den Zylinder. In des Kaisers Züge tritt ein freundliches Lächeln, er treibt sein Pferd dem Herrn entgegen und reicht ihm vom Sattel herab die Rechte. „Guten Morgen, mein Lieber . ." DenNamen verschlingt der letzte Wirbel des Präsentiermarsches. Ein freundschaftlicher Rippenstoß weckt mich. Ich habe mit offenen Augen am hellen Mittag gegenüber dem Zeughause geträumt, während 30 Schritt von mir der Deutsche Kaiser die Parade über die Berliner Garnison abnahm. Geträumt von einem Tage, wo eben dieser Monarch durch Palästinas Gefilde ritt und am Eingang einer jüdischen Kolonie einem Juden vom Sattel die Rechte reichte. „Guten Morgen, mein lieher Dr. Herzl!" An mir vorbei ziehen die glänzenden Regimenter. Vor meinen Augen aber steht noch immer das Bild, auf dem man zwei Hände ineinanderliegen sieht: Wilhelms des Zweiten und Herzls des Einzigen! Und während ich mit einstimme in das;;Heil Dir im Siegerkranz", das die Menge singt, klingt mir mit ihm zur Harmonie zusammen das Lied vom Lande des Jordans und des Libanons. Die jüdische Abteilung der internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden Von S. H. Lieben, Prag Die Hygieneausstellung hat den Zweck, den Werdegang der Hygiene darzustellen von ihren priniitiosten Anfängen bis zu ihrer heutigen hohen Entwicklung; sie soll darum die Hygiene aller Zeiten und aller Orte umfassen, der unkultiviertesten Völker sowohl wie der kulturell höchststehenden. Darum legte die Ausstellungsleitung großen Wert darauf, die Hygiene der Juden, des Kulturvolkes, das auf die christlichen Völker den nachhaltigsten Einfluß ausgeübt, möglichst übersichtlich und zusammenfassend darzustellen. Herr Rabb. Dr. Grunwaid in Wien hat sich dieser Aufgabe mit großer Hingebung gewidmet, und es ist ihm im Verein mit einer Reihe eifriger Mitarbeiter gelungen, die jüdische Abteilung zu einer sehenswerten zu gestalten, trotz vieler Schwierigkeiten, die ihm das geringe Verständnis maßgebender Kreise bereitete. Die jüdische Abteilung füllt zwei Räume der historischen Ausstellung, der erste ist dem Altertum gewidmet, der zweite dem Mittelalter und der Neuzeit. Bevor wir in die Schilderung eingehen, müssen wir aber eines betonen: Die wenigsten der hier geschilderten Gebräuche und zitierten Gesetze sind eigentlich hygienisch. Wären sie hygienischen Ursprungs, so wären sie wohl ebenso in Vergessenheit geraten wie die alten Gesundheitslehren anderer Völker. Sie sind den Juden aber verbindlich geblieben ohne Rücksicht auf ihre Wirkung, nur aus Rücksicht auf ihren Ursprung, als göttliche Gebote, die dann freilich auch nach der gesundheitlichen Seite sehr wohltätig wirkten. Die Abteilung für die älteste Hygiene der Juden umfafot so ziemlich alle Einrichtungen, die die Juden im eigenen Lande hatten. Wir sahen Modelle aller Arten von palästinensischen Wohnräumen, das leicht transportable Zelt rieben dem Bauernhause und dem palästinensischen Stadthause, Nachbildungen der Mittel zur Wasserversorgung von der heule noch in Gebrauch stehenden Zisterne bis zu den kunstvollen Siloahanlagen und der salomonischen Wasserleitung, daneben Pläne der bekanntesten Bestattungssorte in

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