Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 28 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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660 DIEMKE LT No. 28 gramra beschäftigen will, und sind immer zur öffentlichen Rechnungslegung bereit. Aber wir fordern, daß sich unsere Gegner an die unter anständigen Leuten üblichen Formen halten, und deshalb nageln wir Nr. 27 des „Israelit" zur 25. zu. Denn der „Israelit" schreibt: Aber nun hat doch der Zionismus Opfer gefordert, wirkliche Opfer an Leben und Gesundheit. Märtyrer! Blutzeugen! Warum kurz vor dem Kongresse auf diese so wohlklingenden und zugkräftigen Schlagworte verzichten? Das ist menschlich begreiflich. Nun kommen die bösen Spielverderber und erlauben sich kühnlich die Sache mit andern Augen zu sehen. Zu ihnen gehört diesmal auch der „Israelit", und darüber ärgert sich die „Welt" ganz besonders. Ein Zitat aus unserm Artikel in Nr. 25 über die Wahlkämpfe in Österreich wird in der letzten Nummer der „Welt" als corpus delicti „festgenagelt", aus dem hervorgehe, daß wir „den Zionismus als den intellektuellen Urheber der entsetzlichen Vorfälle" anklagen. Das ist mit Verlaub eine krasse — wir wollen nicht sagen Fälschung — Unrichtigkeit. Daß der „Israelit" es menschlich begreiflich findet, das Drohobyczer Unglück als ein wohlklingendes und zugkräftiges Schlagwort auszubeuten, ist seine Sache. Daß er aber eine solche Absicht aus dem Wortlaut und Sinn unserer Ausführungen deduziert, ist mit Verlaub eine krasse — wir wollen nicht sagen: Unrichtigkeit — Fälschung. Nochmals religionslose nationaljüdische Schule Von Baruch Stern, Frankfurt a. M. Die Bemerkungen von Herrn Feldmann in Nr. 21 der ,,Welt\ zu meinem Aufsatze in Nr. 17 lassen dessen Kernpunkt unberührt und bekämpfen etwas, das ich weder gesagt noch gedacht habe. Dadurchwird eine Verschiebung des Kampffeldes herbeigeführt, und ich bin leider gezwungen, bereits Gesagfes teilweise zu wiederholen. Meine zunächst nur theoretisch gemeinten Ausführungen richteten sich ausdrücklich gegen den ursprünglich wohl auch nur allgemein gedachten Aufsatz von Dr. Thon in der Palästinanummer über Lehrplanfragen und wurden unmittelbar nach dessen Erscheinen geschrieben. fis war ein bloßer Zufall, daß sie liegen blieben. Den äußeren Anlaß ihres Erscheinens bildete eine Aufforderung der „Welt" zu einer Diskussion über Kongreßangelegenheiten, darunter auch Schulfragen. Da die zionistische Organisation Q*urch die zu gleicher Zeit beschlossene Subventionierung des Jerusalemer Gymnasiums ihr Tätigkeitsgebiet in Schülsachen weiter ausgedehnt hatte, hielt ich es für notwendig, auf Dr. Thons Ausführungen zu der nach seiner Behauptung viel umstrittenen Frage der religiösen Schulerziehung doch noch zurückzukommen, und holte mein altes Manuskript wieder hervor. Dr. Thon hatte sein Urteil wie folgt zusammengefaßt: „Die religiöse Erziehung in der Schule bildet ein gewisses Plus in der Erziehung, eine Ei leichterung derselben; aber unentbehrlich ist sie nicht. Wann dies Plus anzuwenden ist, soll einzig und allein vom Lehrer abhängig gemacht werden......Religionslehre hängt in ihrer Wirkung allein von der Persönlichkeit des Lehrers ab, der einzig über ihre Zweckmäßigkeit in unsern Schulen entscheiden kann." Also, die Einführung eines wichtigen Unterrichtsgebiets soll lediglich von subjektiven Momenten bestimmt werden/statt von objektiven, im Zwecke des Unterrichts und dem Wesen des Lehrgegenstandes liegenden Gründen bedingt zu werden. Diese Methode der LehrplanaufStellung, auf alle Unterrichtsfächer angewendet, würde das Prinzip der Anarchie in das Gebiet von Schule und Erziehung einführen. Hätte der Erste, Beste sich zu diesen Grundsätzen bekannt, so würde man lächelnd und gleichgültig zur Tagesordnung übergehen können. Aber der Verfasser war ein Beamter der zionistischen Organisation, und da war es bei der unüberwindlichen Schwierigkeit, gerade auf diesem viel umstrittenen Gebiete amtliche und private Meinungen auseinanderzuhalten, eine Notwendigkeit, der subjektiv-anarchischen Lehrplantheorie aus Palästina eine objektiv-wissenschaftliche entgegenzustellen. Es wäre mir ein leichtes gewesen, die Existenz dieses subjektiven Anarchismus, wie es auch Herr Feldmann in einem Falle getan hat, durch praktische Beispiele zu illustrieren. Ich habe das unterlassen, weil der Zweck meines Aufsatzes zunächst der war, eine Ausspß^fte über das von mir berührte Thema herbeizuführen. Dr. Thon scheint ja wohl zu wissen, daß die Schule in erster Reihe Erziehungsschule sein soll. Als solche bedarf sie des Gesinnungsunterrichts. (Herr Feldmann möge sich nicht an dem unglücklichen Worte stoßen, das ihn etwas in Harnisch gebracht zu haben scheint.) Der Gesinnungsunterricht in der nationaljüdischen Schule soll aber, wie von Dr. Thon angedeutet und nicht erst von mir supponiert worden ist, ein Moralunterricht ä la frangaise sein können. — Ich habe demgegenüber nachgewiesen, daß pädagogische und nationale Gründe dringend seine biblische, d. h. mit andern Worten seine religiöse Grundlage erfordern. Was verschlägt's, wenn ich für diese erstem Paulsen zitiert habe? Als Judengegner erschien er mir eben beweiskräftiger als hundert andere. Überhaupt das Zitieren! Hätte ich das, wofür ich mit Absicht gewisse pädagogische Autoritäten zitiert habe, mit eignen Worten gesagt, so wäre mir wahrscheinlich der Vorwurf des Klerikalismus oder so etwas ähnliches — das Gespenst ist ja unlängst wieder einmal im zionistischen Blätterwald erschienen — nicht erspart worden, den man gegen die von mir herangezogenen Vertreter des Kulturliberalismus nicht gut erheben kann. Natürlich habe ich nie daran gedacht, auch nie gesagt, es könne tatsächlich „jüdisch-nationale" Schulen geben, die den Bibelunterricht überhaupt aus ihrem Lehrplau ausmerzen wollen. Im Gegenteil habe ich als selbstverständlich erklärt, daß aus nationalen Gründen die Bibel den Angelpunkt des Unterrichts bilden muß. Ich war aber dem Theoretiker Dr. Thon gegenüber gezwungen nachzuweisen, daß dafür nicht nur nationale und sprachliche Zweckmäßigkeitsgründe sprechen, sondern daß nur die Bibel das Fundament sein kann, auf welchem der erziehende Unterricht einen moralisch wertvollen — und das heißt für uns — jüdischreligiösen Charakter begründen kann. Daß ich gezwungen war, das zu beweisen, dafür möge Herr Feldmann seine Angriffe nicht gegen mich richten, sondern gegen diejenigen, die dem Lehrplan eine atheistische, also doch wohl eine von der Bibel losgelöste Moralgrundlage geben wollten. Das konnte er aber direkt, ohne Umweg über Frankfurt tun. Anderseits freute es mich herzlich, daß durch mich Herr Feldmann Gelegenheit erhalten hat, sein — anscheinend überflüssiges — Bekenntnis zur Bibel als Schulbuch abzulegen. Denn nachdem die weite jüdische Welt gelesen hat, daß die allerjüngstjüdische Kultur in Palästina sich „von der Hypnose der heiligen Schrift befreit hat", hätte ich recht wohl das Recht gehabt, mich recht lang und breit über die Bedeutung des Bibelunterrichts auszulassen. Es waren doch nicht Frankfurter Orthodoxe oder misrachistische Klerikale, die sich an dem Protest gegen das Odessaer Komitee beteiligten, das dem „Hapoel hazoir" wegen der wahnwitzigen Auslassungen Brenners die Subvention entzog, sondern zum Teil auch Herren, die dem Werke der nationaljüdischen Erziehung recht nahe stehen. Wenn angesichts dieser betrübenden Erscheinungen, die selbst einen Achad-Haam gezwungen haben,* gegen diese Sorte jüdischer Kulturträger scharf aufzutreten, Herr Feldmann fragt, aus welchem Buche außer der Bibel der nationaljüdische Lehrer seine Ideale schöpfen könne, so weise ich ihn darauf hin, daß die Lehrerkreise, die er im Auge hat, die Bibel in einer Weise lesen und erklären, daß von den jüdischen Idealen zweier Jahrtausende nicht mehr viel übrig bleibt. Man gibt auf dieser Seite vor, die Bibel so zu behandeln, daß dabei das nHin"' rn keine Förderung erfährt, -nin nwb «^i rr-oyn nns-Dn uwb ^dh Schade, daß Herr Feldmann als Verteidiger der von mir gar nicht angegriffenen „nationaljüdischen" Lehrer Palästinas uns unwissenden Westlern nicht verrät, wie das gemacht werden kann bzw. gemacht wird, 4aß Lehrer und Schüler aus ihr trotzdem „Ideale" fürs Leben schöpfen. i Ebensowenig stichhaltig ist das, was mir mein Gegner bezüglich des Religionsunterrichts im engern Sinne vorwirft. Einen solchen perhorresziere ich ebenso wie Herr Feldmann. Ausdrücklich hatte ich erklärt: die Frage, ob systematischer Religionsunterricht erteilt werden solle, könne offen bleiben. Aus dieser Zwischenbemerkung war zu ersehen, daß die Frage tatsächlich kontrovers ist, daß es jüdische Pädagogen gibt, die Feinde eines gojisch gemodelten Religionsunterrichts sind. Was allerdings — besonders in der höhern Schule — die Notwendigkeit der Behandlung religionsphilosophischer Themen nicht ausschließt. Das gehörte aber nicht zu meinem Thema. Nicht für Religionsunterricht, sondern gegen Beseitigung des „Religiösen" aus dem Unterricht, besonders dem der Bibel, war ich aufgetreten. Herr Feldmann verlangt T ho raunt er rieht. Ganz meine Ansicht. Allerdings, ich wiederhole meine Erklärung, gehe ich dabei von der Voraus-